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Filmsequenz B: Europa blickt in die Zukunft

Europa blickt in die Zukunft  (Österreich 1952)
Bericht über den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas
Produktion: Österreichisches Produktivitätszentrum (ÖPZ)
Quelle: Filmarchiv Austria
Sequenz: 00:00 – 00:03

 

Bereits die Eröffnungsszene von Europa blickt in die Zukunft konstruiert ein europäisches Wunschbild nach dem Vorbild des Kulturfilms.[1] Gezeigt wird ein malerisches Arkadien – eine Idyllenlandschaft, die von weißen Rindern durchquert wird. In Anspielung an die europäische Landschaftsmalerei des Tafelbildes wird durch Baumkronen hindurch der Blick frei auf die historische Tradition Europas. Zu sehen ist ein der Landschaft harmonisch eingefügtes Dorf auf einem Hügel. Die folgende Sequenz ist ausschließlich im ländlichen Raum angesiedelt. Gezeigt werden Landschaftsaufnahmen, Handwerker bei der Arbeit, Frauen beim Einkaufen. Der Krieg erhält nach 1945 kein eigenes Bild und auch der Kommentar übergeht den Krieg in einem Nebensatz, um vielmehr einen optimistischen Ton anklingen zu lassen: „Ein neuer Geist belebte die freien Demokratien. Der Geist des europäischen Wiederaufbaus.“ Mit diesem Bekenntnis begibt sich der Film in einen didaktisierenden Lektüremodus und spricht ein offenes Bekenntnis zum europäischen Wiederaufbau und zum Marshallplan aus[2], der visuell mit dem Logo des ERP ins Bild gerückt wird: „ERP. Diese Initialien waren die Zeichen des Fortschritts geworden. Sie symbolisierten das größte Aufbauprogramm, das in der langen europäischen Geschichte je in Angriff genommen worden war.“ Auf der visuellen Ebene überblendet mit der Nennung des Schlagwortes „Fortschritt“ durch den Off-Sprecher ein gigantisches Frachtschiff die ERP-Briefmarke. Die darauffolgende Einstellung knüpft an die Schiffsmetapher als Maschine des Fortschritts an und zeigt diesmal Männer beim Anlegen des Gewichtsankers an Deck des Schiffes. Die in der Folge forcierte Beschwörung eines „blühenden, starken und freien Kontinents“ wird mit einer Montage beantwortet, die das Innere eines Klassenzimmers zeigt.[3] Zunächst sehen wir die Schüler als Adressaten des Lehrers (d.h. des Films), dann wechselt die Kamera auf den Lehrer (Off-Sprecher), der nun im Bild zur autoritativen Instanz des Kommentars wird. Somit wird die Botschaft des Films im Bild selbst begründet und motiviert (innerdiegetisch). Die folgenden Einstellungen verfahren alle nach diesem Muster: Im Off-Space wird ein kollektives Subjekt („die Europäer“) behauptend in den Raum gestellt, während auf der visuellen Ebene die Maschinen des Fortschritts (Schiffswerften, Industrieanlagen im Bereich der Stahl- und Papierproduktion) für den erfolgreichen Aufbau, Produktivität, Wachstum und Wohlstand stehen. Die Fortschrittsbilder wechseln in weiterer Folge regelmäßig mit weiteren didaktisierenden Szenen ab, indem US-amerikanische Wirtschaftshelfer auf Messen, Märkten oder Landschaftsschulen gezeigt werden, die hauptsächlich männliche Arbeiter und Bauern (stellvertretend für das Lehrfilmpublikum) belehren.

Ramón Reichert


[1] Der „Kulturfilm“ hat einen zentralen Stellenwert bei der filmischen Herstellung nationaler Identität, vgl. zum Kulturfilmaspekt Reichert, Ramón. 2005. „Marshallplan und Film: Intermedialität, narrative Strategien und Geschlechterrepräsentation.“ In Kino und Film in der Besatzungszeit, hg. vom Filmarchiv Austria, S. 439–474. Wien, hier: S. 445ff.

[2] Für das österreichische Selbstbild des Wiederaufbaus und die Rhetorik des Neubeginns stellt der Marshallplan – auch nach seinem Auslaufen im Jahr 1952 – ein identitätsstiftendes Symbol dar.

[3] Vgl. zum didaktischen Lektüremodus Reichert, Ramón. 2006. “Re-education seen through film.” In Historical Journal of Film, Radio and Television 26, hg. v. d. International Association for Media and History, S. 67–75. London/New York: Routledge.


Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Europa blickt in die Zukunft. Filmanalyse der Filmsequenz B der Ikone „Römische Verträge. Die Europäische Integration als Geschichtserzählung“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/roemische-vertraege/filmsequenz-b-europa-blickt-in-die-zukunft.html

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

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