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Abb. 9: Mauerspecht, Juni 1990

Mauerspecht, Berlin Juni 1990
© dpa/Peter Grimm

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Aus den Berliner „MauertänzerInnen“ wurden im Laufe der friedlichen Herbstrevolution in Ostdeutschland schnell sogenannte Mauerspechte. Mit Hämmern und anderem Werkzeug trugen sie das ungeliebte Bauwerk Stück für Stück ab. Wie unser Bild zeigt, war dabei harte körperliche Arbeit gefordert. Zugleich verweist Peer Grimms Aufnahme darauf, dass die inoffiziellen Abbrucharbeiten lange andauerten: Sie stammt vom Juni 1990 und ist am legendären Grenzübergang „Checkpoint Charlie“ aufgenommen. Die hier oder andernorts aus den Sperren geschlagenen Steinbrocken wurden (und werden) häufig als Souvenirs verkauft. Den offiziellen Abriss übernahmen die Grenztruppen der DDR, wobei einige Teile auch unter Denkmalschutz gestellt wurden. Andere wurden im Straßenbau verwendet. Das SED-Regime versuchte noch, am „Ausverkauf“ der Mauer zu verdienen. Die kommerzielle Nutzung ihrer Überreste wurde am 29. Dezember 1989 beschlossen und das Vermarktungsrecht der VEB Limex-Bau zugestanden, einer Import-Export-Firma. Aufgrund von Protesten sollte der Erlös dann auf Beschluss der Regierung unter Lothar de Maizère (CDU) ab Mai 1990 dem Denkmalschutz und dem Gesundheitswesen zugute kommen. [1] Wie dem auch sei: Einzelne Mauersegmente erzielten zu Spitzenzeiten Preise von mehreren Hunderttausend US-Dollar.[2] Heute sind die Brocken der Berliner Mauer weltweit verteilt, zum Teil sind auch komplette Segmente als Erinnerungszeichen aufgestellt worden bzw. wurden zu Objekten der künstlerischen Auseinandersetzung mit Grenz-Fragen und -Erfahrungen weiterverarbeitet. Wo immer sie auch auftauchen: Die Überreste des einstigen SED-Grenzregimes fungieren als Medien, welche die Authentizität der kollektiven Mythen von Mauerbau und Mauerfall sicherstellen sollen.[3] Das gilt auch für eine Wanderausstellung, die sich gezielt mit dem Verhältnis von Berliner Mauer und europäischem Freiheitsmythos befasst hat (www.berlin1989.com). Außerhalb des Internets waren die bearbeiteten Teile der Hinterlandmauer seit 1991 u.a. in Madrid und London, in Lyon oder auch in der geteilten Stadt Nikosia zu sehen. 2001 wurde die Ausstellung in Köln unter dem Titel „Kunst für ein Europa im Aufbruch“ gezeigt. [4]

Benjamin Drechsel


[1] Auf die Verwendung der Einnahmen für das Gesundheitswesen der DDR verweist etwa der Auktionskatalog LeLé Berlin Wall Verkaufs- und Wirtschaftswerbung GmbH. 1990. Die Mauer. Einmalige Versteigerung der Berliner Mauer. Berlin: Elefanten Press; Überblicksinformationen gibt Sälter, Gerhard. 2007. Mauerreste in Berlin. Der Abbau der Berliner Mauer und noch sichtbare Reste in der Berliner Innenstadt (= Relicts of the Berlin Wall. The Dismantling of the Berlin Wall and the Visible Remains in the Berlin City Center). Berlin: Verein Berliner Mauer (2. Auflage), S. 18–23.
[2] Vgl. Feversham, Polly/Schmidt, Leo. 1999. Die Berliner Mauer heute. Denkmalwert und Umgang (= The Berlin Wall Today. Cultural Significance and Conservation Issues). Berlin: Bauwesen, S. 126–149.
[3] Zu den heutigen Überresten im Berliner Stadtraum vgl. Klausmeier, Axel/Schmidt, Leo. 2005. Mauerreste – Mauerspuren. Der umfassende Führer zur Berliner Mauer. Berlin: Westkreuz (2. Auflage).
[4] Vgl. den Katalog Verger, Sylvestre, Hg. 2001. 1989 – Berliner Mauer. Kunst für ein Europa im Aufbruch (= 1989 – Berlin Wall. Art for Europe in Motion). 17.6.–26.8.2001. Versailles: sVo ART.

 


 

 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Mauerspecht, 1990. Bildanalysetext zur Abbildung 8 der Ikone „Mauerfall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/mauerfall/abb9-mauerspecht-juni-1990.html

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