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Abb. 5: Mauertanz vor dem Brandenburger Tor

Mauertanz vor dem Brandenburger Tor, Berlin 10.November 1989
© AP Images/Thomas Kienzle

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Der „Mauerfall“ fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 zunächst nur metaphorisch statt (faktisch wurden lediglich die Grenzübergangsstellen geöffnet). Auf den Bildern zu diesem Ereignis „fällt“ die Mauer deshalb nicht, sondern sie wird überwunden und teilweise auch besetzt. Zu dieser politischen Ikonografie zählt neben der „Siegesfeier der Massen“ beispielsweise auch der „Mauersturm“ (Abb.1) ; am 9. November befanden sich bereits in den Stunden vor Mitternacht einige ZivilistInnen auf der Mauerkrone vor dem Brandenburger Tor, die aber zunächst noch einmal vertrieben wurden, doch kurz nach Mitternacht standen dann Hunderte dicht an dicht auf der Mauer vor dem Tor.[1] Die hier zu sehende Aufnahme des AP-Fotografen Thomas Kienzle, die vom 10. November 1989 stammt, hat im Zusammenhang mit dieser Besetzung ikonischen Charakter angenommen.[2] Sie zeigt eine unbehelligte Menschenkette beim „Mauertanz“ vor dem Brandenburger Tor. Den Ablauf dieses Rituals, das dann u.a. auch zu Silvester (Abb.3) noch einmal stattfand, beschreibt Robert Darnton wie folgt: „Was ist eigentlich ein ‚Mauertanz‘, wie die Berliner es nennen? Zwar gibt es weder Musik noch Tanzschritte, aber man verrenkt sich und gestikuliert, wie Mengen bei Rockkonzerten. […] andere Tänzer helfen einem hinauf und man selbst hilft den Nachfolgenden […]. Auf der Mauer zu tanzen bedeutete also, die Welt auf den Kopf zu stellen: ‚Wahnsinn‘, wie sie unablässig wiederholten.“ [3] Das fotografische Medium und der journalistische Urheber des Lichtbildes stehen hier für die Authentizität des Gezeigten trotz seiner Außergewöhnlichkeit ein: Im Vordergrund sind die Köpfe der den „Tanz“ beobachtenden Menge zu sehen, im Hintergrund thront die Quadriga über dem bereits erwähnten Brandenburger Tor und ganz oben gipfelt die angedeutete Dreieckskomposition im schwarz-rot-goldenen „Dreifarb“. [4] Visuell inszeniert wird damit auch die Einheit der deutschen Nation. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Bilder der Berliner Mauer und des Brandenburger Tors symbolisch für die deutsche Teilung gestanden, nun änderten beide Bauwerke abrupt ihre Funktion. Wenige Wochen später wurde das Tor offiziell geöffnet, wobei die Regierungschefs Hans Modrow (DDR) und Helmut Kohl (Bundesrepublik) gemeinsam hindurchschritten. Dieses „Ritual der Zusammenführung“[5] bekräftigte noch einmal die Geschehnisse des 9./10. November.

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. Hertle, Hans-Hermann. 1999. Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates. Opladen: Westdeutscher Verlag (2. Auflage), S. 195–202.
[2] Zu diesem und weiteren Mauertänzen vgl. Darnton, Robert. 1993 (engl. Original 1991). Der letzte Tanz auf der Mauer. Berliner Journal 1989–1990. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, S. 79f.
[3] Darnton, Robert. 1993 (engl. Original 1991). Der letzte Tanz auf der Mauer. Berliner Journal 1989–1990. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, S. 79, 83.
[4] Zur Geschichte der deutschen Trikolore vgl. Reichel, Peter. 2005. Schwarz-Rot-Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945. München: Beck, S. 15–31.
[5]
Vgl. Janzing, Godehard. 2008. „Der Fall der Mauer. Bilder von Freiheit und/oder Einheit.“ In Das Jahrhundert der Bilder. Band 1: 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 574–581. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, hier 580.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Mauertanz vor dem Brandenburger Tor. Bildanalysetext zur Abbildung 5 der Ikone „Mauerfall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/mauerfall/abb5-mauertanz-vor-dem-brandenburger-tor.html

 

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