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Abb. 10: Radierung „Sieg von der Bastill“, 1789

Radierung „Sieg von der Bastill“, Augsburg 1789
© Germanisches Nationalmuseum Nürnberg/Johan Martin Will

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Analog zum Berliner Mauerfall ist der Pariser Bastillesturm zur mythischen Chiffre für die Französische Revolution geronnen. Dass sie dabei sämtliche anderen relevanten Ereignisse und Staatsakte im kollektiven Gedächtnis weit hinter sich gelassen haben, erklärt sich aus dem Symbolwert beider Architekturen: Die Berliner Mauer bildete aus westlicher Sicht den Gefängnis-Charakter der DDR als Staat ab, was zum Beispiel in der Berichterstattung zum Mauerbau im August 1961 immer wieder in Publikationen wie der „BILD-Zeitung“ oder der „Neuen Zürcher Zeitung“ thematisiert wurde. Die Bastille wiederum war tatsächlich ein Staatsgefängnis. Hier wie dort bildete also die revolutionäre Eroberung einer Herrschaftsarchitektur, die symbolisch für ein bis dato unbezwinglich erscheinendes Regime (der Bourbonen bzw. der SED) stand, den Kern der mythischen Erzählung. Doch auch die Parallelen in der Bildgeschichte beider Ereignisse sind markant: Im Zusammenhang mit dem Berliner Mauerfall betraten sogenannte Mauerspechtedie Bühne, welche das ungeliebte Bauwerk Stück für Stück abtrugen (Abb.9). Die dabei erzeugten Steinbrocken verkauften sie häufig als Souvenirs – bis heute kann man sie in Berlin erwerben. Einer ganz ähnlichen Ikonografie und kommerziellen Verwertung wurde auch die Bastille zugeführt: Dabei avancierten Bauarbeiter mit Spitzhacken und Brechstangen auf den Zinnen der Bastille zum Leitmotiv der zeitgenössischen Flugblätter, wie die hier abgebildete Radierung von Johann Martin Will zeigt. Solche Bildwerke dienten zu einer Zeit, in der es noch keine Fotografie gab, der öffentlichen Verbreitung des Geschehens in Paris. Übrigens ließ der Bauunternehmer Pierre-François Palloy das Gebäude nicht nur schleifen, sondern aus den Trümmern des ehemaligen Gefängnisses massenhaft Reliquien fertigen.[1] Originalteile der Bauwerke, Flugblätter und Fotografien dienten letztlich alle einem ähnlichen Zweck: Der politische Systembruch sollte sinnlich unmittelbar anschaulich gemacht werden.

Benjamin Drechsel


[1] Ausführlicher zu den Parallelen zwischen Mauerfall und Bastillesturm vgl. Burkhardt, Nina/Reichardt, Rolf. 2006. „Der zweifache Fall der Mauer. Und wir können sagen, wir sind dabeigewesen‘.“ In Unvergessliche Augenblicke. Die Inszenierung von Medienereignissen, Ausstellungskatalog, hg. v. DFG-Graduiertenkolleg Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, S. 44–64. Frankfurt am Main: Societätsverlag.

 


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Radiereung "Sieg vor der Bastill".. Bildanalysetext zur Abbildung 10 der Ikone „Mauerfall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/mauerfall/abb10-sieg-von-der-bastill-1789.html

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