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Filmsequenz D: Die Mauer im Ostblockdiskurs


Die Berliner Mauer (Polen 1961)
Produktion: Polska Kronika Filmowa/Studio Filmowe Kronika<br/> Quelle: Filmoteka Narodowa
Sequenz: 00:00 - 01:16


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Die polnische Wochenschau, die Polska Kronika Filmowa, benutzt in ihrer Medienberichterstattung über den Berliner Mauerbau im Vergleichszeitraum 1961 bis 1962 ausschließlich Material der DDR-Wochenschau Der Augenzeuge[1], das gekürzt wiedergegeben wird. Die maßgeblichen nationalen Kodierungen des von der polnischen Wochenschau übernommenen DEFA-Wochenschaumaterials finden vor allem auf der Tonebene statt. Diese semantische Fokussierung auf die Tonebene lässt sich damit begründen, dass die Dokumentarfilmabteilung der polnischen Wochenschau nicht vor Ort dreht und daher auf Archivmaterial der DEFA-Wochenschau angewiesen ist. Dennoch werden im filmischen Bereich des Off-Kommentars gravierende Distinktionen gesetzt, mit denen deutsch-deutsche Konflikte bereinigt und in den Blockdiskurs transferiert werden: Beinahe ausnahmslos wird die deutsch-deutsche Polemik aus dem Script gestrichen. Den Originalbericht modifizieren die diversen Ausgaben der Polska Kronika Filmowa in zweifacher Hinsicht: Größere Passagen der Wochenschau-Reportagen des Augenzeugen werden erstens gekürzt und zweitens mit einer polnischen Synchronisation versehen, die vom Original-Kommentar wesentlich abweicht.

Der polnische Kommentar macht aus dem innerdeutschen Konflikt einen West-Ost-Konflikt von globaler Bedeutung: „Berlin wieder in aller Munde. Die Volkskammer der DDR verabschiedete neue Regeln des Grenzverkehrs in der Stadt. Nur an bestimmten Stellen darf man die Grenze überschreiten. Für Spitzel und Schmuggler wird der Weg nach Osten gesperrt.“ Die entscheidende Differenz wird mit den Umschreibungen „in aller Munde“ und „Weg nach Osten“ markiert. Dabei firmiert „Berlin“ als der zentrale und strategische Schnittpunkt des Kalten Krieges, der die Wege von West und Ost scheidet und als Nullpunkt in sich vereint.

In der Ausgabe 35/1961 der Polska Kronika Filmowa verschärft die von der DDR-Wochenschau Der Augenzeuge kolportierte Mauerreportage die polemische Dramatisierung zwischen Ost und West. Die Grenzzone in Berlin wird im Kommentar als Grenze zwischen „zwei Welten“ bezeichnet. Im narrativen Bildvordergrund wird Stacheldraht gezeigt, in extremer Tiefenschärfe bleibt das Brandenburger Tor erkenntlich. Mit der Tiefenperspektive wird die räumliche Dimension in ihrer politischen Tragweite visualisiert. Von westlichen Wochenschauagenturen kolportiertes Bildmaterial wird verwendet, um die militärische Präsenz der US-Amerikaner als visuelle Bedrohung aufzubauen. Entscheidend ist dabei, dass visuelle Elemente wie z.B. ein gegen den oder die BetrachterIn gerichtetes Geschützrohr eines US-Panzers im Kommentar als eine pauschale Bildaussage interpretiert und als eine Allegorie weltpolitischer Verhältnisse nahegelegt werden: „Das Panzerrohr ist gegen den Osten gerichtet.“

Ramón Reichert


[1] Der Augenzeuge wurde von der Filmgesellschaft DEFA produziert und erschien jeweils mit einer Länge von 15 Minuten vom 19. Februar 1946 bis zum 19. Dezember 1980.


Zitierempfehlung: Reichert Ramón, Die Mauer im Ostblockdiskurs. Filmanalysetext zur Filmsequenz D der Ikone Mauerbau“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,

URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/mauerbau/filmsequenz-d-die-mauer-im-ostblockdiskurs.html

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