Abb. 6: Menschenmauer am Brandenburger Tor

Menschenmauer am Brandenburger Tor, Berlin 14. August 1961
© Bundesarchiv/Peter Heinz Junge

Das Brandenburger Tor war in jenen Kämpfen um Berlin, welche die Deutungshoheit über den Ost-West-Konflikt betrafen, eines der wichtigsten Symbole.[1] Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde es aus bundesrepublikanischer Sicht endgültig zum Mahnmal, das an die Leiden der deutschen Teilung erinnerte, weil es unzugänglich im Grenzstreifen lag. Aus SED-Sicht hingegen symbolisierte das geschlossene Tor die Funktionstüchtigkeit ihres Grenzregimes und damit auch die Lebensfähigkeit des Staatssozialismus. Diese Perspektive verdichtete sich in einem Bildtyp, der uniformierte Kämpfer als Menschenmauer vor dem Brandenburger Tor zeigte. Insbesondere die hier zu sehende Fotografie vom 14. August 1961 wurde durch die staatssozialistische Propaganda gezielt ikonisiert:[2] Als zentrales Bildmotiv fungiert dabei eine lebendige Mauer aus vier bewaffneten Kampfgruppenmännern vor dem Brandenburger Tor. Das Motiv wurde von Peter H. Junge, einem Fotografen der Agentur ADN-Zentralbild, aufgenommen und später in unterschiedlichsten Kontexten reproduziert, so etwa (beschnitten) auf einer SED-Propagandabroschüre des Jahres 1961, auf einer Jubiläumsbriefmarke für die Kampfgruppen im Jahr 1973 oder als Re-Inszenierung mit den gealterten Protagonisten im August 1981.[3] Noch während der 1990er-Jahre war das Schlüsselbild im kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen nachweisbar.[4]

Benjamin Drechsel


[1] Zur Symbolgeschichte des Brandenburger Tores vgl. z.B. Cullen, Michael S./Kieling, Uwe. 1999. Das Brandenburger Tor. Ein deutsches Symbol. Berlin: Berlin Edition; Reiche,Jürgen. 1991. „Symbolgehalt und Bedeutungswandel eines politischen Monuments.“ In Das Brandenburger Tor 1791–1991. Eine Monographie, hg. v. Willmuth Arenhövel und Rolf Bothe, S. 270–316. Berlin: Arenhövel (2. Auflage).
[2]
Demke, Elena. 2004. „Mauerfotos in der DDR. Inszenierungen, Tabus, Kontexte.“ In Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat, hg. v. Karin Hartewig und Alf Lüdtke, S. 89–106. Göttingen, hier S. 92.
[3]
Zu ADN-Zentralbild vgl. Kuhl, Brigitte/Sander, Oliver. 2006. „,Der Sozialismus siegt‘ oder der ‚offizielle‘ Blick. Die fotografische Überlieferung der DDR im Spiegel eines Bundesarchiv-Bestands.“ In Rundbrief Fotografie 4, S. 5–10.
[4]
Gamper, Peter/Holzwarth, Werner, Hg. o.J. Kollektive Bilder. Die Bilder im Kopf der DDR-Bürger. Band 2. Weimar: Bauhaus-Universität, S. 34.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Menschenmauer am Brandenburger Tor. Bildanalysetext zur Abbildung 6 der Ikone „Mauerbau“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/mauerbau/abb6-menschenmauer-am-brandenburger-tor.html

 

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