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Abb. 8: Warschauer Kniefall in der Dortmunder Oper

Warschauer Kniefall in der Dortmunder Oper, Dortmund 20. November 1997
© picture alliance/dpa/Franz-Peter Tschauner

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Politik wird in der Mediengesellschaft häufig als „Inszenierung“, als „Schauspiel“ oder als „Theater“ kritisiert. Dabei mussten kollektiv verbindliche Entscheidungen, die in der Regel auf der „Hinterbühne“ getroffen werden, immer schon auf der „Vorderbühne“ dargestellt und vermittelt werden. Die Rede vom „politischen Theater“ ist also nicht nur metaphorisch zu verstehen. Politik wird tatsächlich mit theatralen bzw. performativen Mitteln in Szene gesetzt.[1] Das geschieht bereits seit langer Zeit, wie die rhetorischen Meisterstücke eines Cicero oder die Rituale am Hof des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. belegen. Gewachsen ist mittlerweile aber das öffentliche Bewusstsein für die theatrale Komponente von Politik und damit auch das Bewusstsein dafür, dass Politik ganz wesentlich eine visuelle Komponente hat. Willy Brandts Warschauer Kniefall (Abb.3, Abb.4) aus dem Jahr 1970 ist ein Beispiel dafür, dass eine theatralische Geste durchaus auch politischen Gehalt haben kann. Auch wenn die Frage nach der vorherigen Planung dieser Inszenierung wohl nie ganz zu klären sein wird, ist heute durch ihre Rezeptionsgeschichte klar, dass die damalige „Aufführung“ sehr gelungen war. Dabei hat sich das Verhältnis zwischen Theatralik und Politik bisweilen sogar verkehrt: Denn in den 1990er-Jahren ist Brandts Geste unter anderem zum Gegenstand einer Oper geworden: Gerhard Rosenfeld, ein Schüler Hanns Eislers, hat „Kniefall in Warschau“ komponiert. Auf unserer Abbildung spielt der finnische Bariton Hannu Niemelä das berühmte Ereignis vom 7. Dezember 1970 nach. Franz-Peter Tschauners Fotografie entstand bei der Generalprobe am 20. November 1997 im Dortmunder Opernhaus. Etwa fünf Jahre nach Willy Brandts Tod fand die Uraufführung des Stücks statt.[2]

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. etwa Meyer, Thomas/Ontrup, Rüdiger/Schicha, Christian. 2000. Die Inszenierung des Politischen. Zur Theatralität von Mediendiskursen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

[2] Vgl. Rauer, Valentin. 2004. „Geste der Schuld. Die mediale Rezeption von Willy Brandts Kniefall in den neunziger Jahren.“ In Tätertrauma. Nationale Erinnerungen im öffentlichen Diskurs, hg. v. Bernhard Giesen und Christoph Schneider, S. 133–155. Konstanz: UVK, hier S. 149f.

 


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Warschauer Kniefall in der Dortmunder Oper. Bildanalysetext zur Abbildung 8 der Ikone „Kniefall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/kniefall/abb8-warschauer-kniefall-in-der-dortmunder-oper.html

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