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Abb. 5: Unterzeichnung des Warschauer Vertrags

Unterzeichnung des Warschauer Vertrags, Warschau 7. Dezember 1970
© Picturedesk.com/UPI

Als prägendes Ereignis des 7. Dezembes 1970 gilt heute der Warschauer Kniefall des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt. (Abb.3, Abb.4) Dahinter scheint die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags im Palais des polnischen Ministerrats zu verblassen, die zeitgenössische BeobachterInnen jedoch zumeist für das zentralere Ereignis hielten. Die Bundesrepublik und Polen unterhielten zu diesem Zeitpunkt noch immer keine offiziellen Beziehungen. Brandts sogenannte „Ostpolitik“ war jedoch darauf ausgerichtet, die Verhältnisse in den sozialistisch regierten Staaten durch eine vorsichtige Annäherung allmählich zu verändern. Dazu dienten im Jahr 1970 der Moskauer sowie der Warschauer Vertrag – Letzteren galt es bei Brandts Besuch in Polen unter Dach und Fach zu bringen. Dabei ging es unter anderem um die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, also um die Unverletzlichkeit der polnischen Westgrenze. Die hier gezeigte Fotografie stammt aus der Sammlung der US-amerikanischen Nachrichtenagentur UPI. Sie zeigt, dass auch der konventionelle Akt der Vertragsunterzeichnung, die etwa zwei Stunden nach Brandts Kniefall stattfand, körpersprachlich und mit anderen Elementen visueller Politik konstituiert wurde.[1] Das zentrale Motiv ist der Händedruck zwischen Bundeskanzler Brandt und dem polnischen Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz direkt nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags. Die leeren Stühle verweisen darauf, dass sie sich zuvor (wie üblich) an den Tisch im Vordergrund gesetzt hatten, um ihre Unterschrift zu leisten. Die Männer hinter ihnen tragen allesamt Anzüge und Krawatten, als handle es sich um eine Uniform: Auch dieser Dresscode gehört bis heute zu den scheinbar selbstverständlichen visuellen Bestandteilen internationaler Diplomatie. Am linken Bildrand sind beispielsweise der deutsche Staatssekretär Egon Bahr und der Chefredakteur des Magazins „Stern“, Henri Nannen, zu sehen. Auch der Chef der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Władysław Gomułka (Mitte), ist abgebildet, der 1968 noch maßgeblich an einer groß angelegten antisemitischen Kampagne beteiligt gewesen war – Brandts Kniefall in Warschau kann auch als mahnende Erinnerung an diese Ereignisse verstanden werden.[2] Damals hatten Tausende jüdische Polinnen und Polen das Land verlassen. Mit der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags erreichte Gomułka ein wichtiges politisches Ziel. Kurze Zeit später wurde er jedoch gestürzt.

Benjamin Drechsel


[1] Zum zeitlichen Zusammenhang zwischen Kniefall und Vertragsabschluss vgl. Wolffsohn, Michael/Brechenmacher, Thomas. 2005. Denkmalsturz? Brandts Kniefall. München: Olzog, S. 13–19.

[2] Vgl. Kämpfer, Frank/Wenger-Deilmann, Astrid. 2006. „Handschlag – Zeigegestus – Kniefall. Körpersprache und Pathosformel in der visuellen politischen Kommunikation.“ In Visual History. Ein Studienbuch, hg. v. Gerhard Paul, S. 188–205. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, hier S. 201.

 


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Unterzeichnung des Warschauer Vertrags. Bildanalysetext zur Abbildung 5 der Ikone „Kniefall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/kniefall/abb5-unterzeichnung-des-warschauer-vertrags.html

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