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Abb. 3: Willy Brandts Kniefall mit Journalisten

Willy Brandts Kniefall mit Journalisten, Warschau 7. Dezember 1970
© Ullstein-Bild/Sven Simon

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Erfolgte Willy Brandts Warschauer Kniefall im Jahr 1970 spontan? Definitiv wird wohl nicht mehr zu klären sein, wie berechnet die emotionale Inszenierung des Kanzlers war. Sein Berater Klaus Harpprecht hatte wenige Wochen zuvor eine Geste in Richtung Israel von ihm gefordert.[1] Doch zumindest für die ZeitgenossInnen kam die Entschuldigungsgeste für das von Deutschen in der NS-Zeit begangene Unrecht überraschend: Der Bundeskanzler hatte einen Kranz am Denkmal für den Warschauer Gettoaufstand von 1943 drapiert und war dann plötzlich, abweichend vom üblichen Ritual, in die Knie gegangen. Die anwesenden Bildjournalisten hielten das Geschehen mit ihren Kameras fest und trugen so zur Ikonisierung des Ereignisses in späteren Jahren und Jahrzehnten bei. Die hier gezeigte Fotografie wurde von Sven Simon aufgenommen. Der älteste Sohn des Verlegers Axel C. Springer fotografierte seit Anfang der 1960er-Jahre unter diesem Aliasnamen. 1966 gelang ihm während der Fußball-Weltmeisterschaft eine Aufnahme Uwe Seelers, die zum „Sportfoto des Jahrhunderts“ gewählt wurde. Bis heute trägt die von ihm mitbegründete Fotoagentur seinen Namen (Link zu www.svensimon.net/). Simons Aufnahme des Warschauer Kniefalls führt die Funktionsweise symbolischer Politik in der Mediengesellschaft holzschnittartig vor: Brandt kniet als zentraler Akteur auf den nassen Steinstufen wie auf einer geräumigen Bühne (Abb. 8 ). Als Kulisse fungiert das links angedeutete Denkmal mit dem davor drapierten Kranz und der Ehrenwache. Als Zuschauer und zugleich auch als Mitwirkende der Aufführung fungieren die anwesenden Journalisten. Ihre Blicke, Kameras und zumindest ein Mikrofon sind auf die Performance des Protagonisten gerichtet.[2]

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. Wolffsohn, Michael/Brechenmacher, Thomas. 2005. Denkmalsturz? Brandts Kniefall. München: Olzog, S. 23.

[2] Zur Theatralität von Politik vgl. etwa Meyer, Thomas/Ontrup, Rüdiger/Schicha, Christian. 2000. Die Inszenierung des Politischen. Zur Theatralität von Mediendiskursen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

 


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Willy Brandts Kniefall mit Journalisten. Bildanalysetext zur Abbildung 3 der Ikone „Kniefall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/kniefall/abb3-willy-brandts-kniefall-mit-journalisten.html

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

 

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