zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Europäisches Bildgedächtnis > Kniefall > Abb.1: Französisches Plakat mit berühmter Geste von Helmut Kohl und François Mitterrand 

Abb. 1: Französisches Plakat mit berühmter Geste von Helmut Kohl und François Mitterrand

Französisches Plakat mit berühmter Geste der Politiker Helmut Kohl und François Mitterrand, Europawahlen 1989
© picturedesk.com/AFP

Das deutsch-französische Verhältnis war Mitte der 1940er-Jahre schwer belastet. Die unmittelbar vorausgegangene Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich spielte dabei ebenso eine tragende Rolle wie eine lange Kette wechselseitiger Demütigungen. Dazu zählten etwa Napoleons Siegeszug durch das Brandenburger Tor im Jahr 1806 oder die deutsche Kaiserproklamierung im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. Ein zentraler Gedächtnisort der „Erbfeindschaft“ zwischen beiden benachbarten Nationen war seit dem Ersten Weltkrieg die an der Maas gelegene Stadt Verdun. Denn dort hatten sich in der extrem verlustreichen Schlacht des Jahres 1916 Hunderttausende Deutsche und Franzosen gegenseitig verletzt oder getötet. Zivilgesellschaftliche Gruppen sowie PolitikerInnen beider Seiten leisteten jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte hinweg Versöhnungsarbeit. So nahmen der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer im Juli 1962 in der Kathedrale von Reims gemeinsam an einem Gottesdienst teil. Im Elysée-Vertrag vereinbarten sie einige Monate nach dieser symbolträchtigen Geste im Januar 1963 unter anderem regelmäßige Konsultationen zwischen beiden Regierungen und einen verstärkten Jugendaustausch. Es sollte dann noch gut zwei Jahrzehnte dauern, bis ihre Nachfolger eine Geste inszenierten, die durch ihre fotografische Übermittlung dauerhaft zum „Sinnbild der deutsch-französischen Versöhnung und darüber hinaus zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts“[1] geworden ist: Am 22. September 1984 trafen sich der französische Staatspräsident François Mitterrand und der christdemokratische deutsche Regierungschef Helmut Kohl in Verdun. Sie besuchten dort zwei Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkriegs. Beim Ritual vor dem Beinhaus von Douaumont ergriff der Franzose die Hand des Deutschen. Beide Staatsmänner verharrten so für einige Minuten im strömenden Regen und ließen sich dabei ablichten. Wenngleich diese Geste nicht so spektakulär wie Willy Brandts Kniefall von 1970 war, entfaltete sie doch eine gewisse Bildmacht: Die französischen Sozialisten verwendeten 1989 ein einschlägiges Motiv für ein Plakat zu den im Juni anstehenden Europawahlen. Dabei verbanden sie das Versöhnungszeichen beider Politiker explizit mit dem Wunsch nach Frieden („PAIX“). Kohl und Mitterrand sind hier als Rückenfiguren zu sehen. Auf dem Cover des deutsch-französischen Schulgeschichtsbuchs aus der Reihe „Histoire/Geschichte“[2] zur europäischen und globalen Entwicklung nach 1945 hingegen sind sie beispielsweise, schräg oberhalb einer Europakarte, frontal abgebildet. Zentral ist aber bei allen Reproduktionen des Motivs jeweils der Handschlag zwischen beiden Männern.

Benjamin Drechsel


[1] Pfeil, Ulrich. 2008. „Der Händedruck von Verdun. Pathosformel der deutsch-französischen Versöhnung.“ In Das Jahrhundert der Bilder. Band 1: 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 498–505. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

[2] Bernlochner, Ludwig et al. 2006. Histoire/Geschichte. L’Europe et le monde depuis 1945. Stuttgart: Klett.


 

 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Französisches Plakat mit berühmter Geste von Helmut Kohl und François Mitterrand. Bildanalysetext zur Abbildung 1 der Ikone „Kniefall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/kniefall/abb1-franzoesisches-plakat-mit-beruehmter-geste-von-helmut-kohl-und-francois-mitterrand.html

 

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

 

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org