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Abb. 2: Frau entzündet Kerze an der Vorderseite des Denkmals des Aufstandes im Warschauer Ghetto

Frau entzündet Kerze am Denkmal des Aufstandes im Warschauer Ghetto (Vorderseite), Warschau
© AP Images/Czarek Sokolowski

Der Mythos des jüdischen Überlebenskampfs im Warschauer Getto wird in (pop-)kulturellen Artefakten bis heute immer wieder massenwirksam thematisiert. Prominente Beispiele dafür liefern etwa Roman Polanskis Spielfilm „Der Pianist“ (eine europäische Koproduktion aus dem Jahr 2002), Andrzej Szczypiorskis Roman „Die schöne Frau Seidenmann“ oder Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“.[1] Bereits seit 1948 erinnert ein Denkmal am historischen Ort an den fünf Jahre zuvor von der SS blutig niedergeschlagenen Aufstand im Warschauer Getto.[2] Schöpfer der „Gedenk-Ikone“[3] war der jüdische Bildhauer Nathan Rapoport. Auch dieses Monument hat seine spezifisch europäische Komponente, wurde es doch in Russland geplant, in Paris ausgeführt und in Polen errichtet, wobei das Material der Stützmauer ursprünglich für ein nationalsozialistisches Denkmal Arno Brekers vorgesehen war und aus Schweden stammt. Zentrales Motiv von Rapoports Werk ist die hier gezeigte Gruppe von sieben Figuren, die aus der Westmauer hervorzubrechen scheinen. Unsere Agenturfotografie zeigt eine Frau, die aus Anlass des 62. Jahrestags des Gettoaufstands eine Kerze vor der Figurengruppe entzündet. Die typisierten HeldInnen in verschiedenen Lebensaltern sind einerseits über ihre teilweise Nacktheit als schutzlos dargestellt, signalisieren andererseits aber durch ihre Bewaffnung auch, dass sie nicht ohne Weiteres aufgeben werden. Ihre Physiognomien verweisen vielmehr auf eine trotzige Entschlossenheit zum Kampf bis zuletzt. Als zentrales Element der Gruppe fungiert die Figur des Anführers Mordechai Anielewicz, der mit seinem muskulösen Oberkörper, zerschlissener Kleidung und einer Hammer-ähnlichen Handgranate bewusst als proletarischer Held inszeniert ist. Eine Frau im Hintergrund erinnert hingegen durch ihre entblößte Brust an das revolutionäre Pathos des Gemäldes „Die Freiheit führt das Volk an“ von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1830. Das Denkmal, das 1970 zur Kulisse für eine legendäre Entschuldigungsgeste des bundesdeutschen SPD-Kanzlers Willy Brandt wurde, nämlich für dessen sogenannten „Warschauer Kniefall“ [mögliche interne Verlinkung zu „Kniefall“], zeigt auf seiner Rückseite zusätzlich noch eine weitere Figurengruppe.[4] Insgesamt vereinigt es das das Klischee der jüdischen Opfer mit dem Sinnbild eines Heldenmuts, der prägend für das Selbstverständnis des Staates Israel und seiner Armee wurde. Deshalb befindet sich eine modifizierte Kopie des Warschauer Denkmals unterdessen in der Jerusalemer Gedenkstätte „Yad Vashem“.[5]

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. www.thepianistmovie.com [letzter Zugriff 10.12.2009]; Marcel Reich-Ranicki. 1999. Mein Leben. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt; Andrzej Szczypiorski. 1996 (polnisches Original 1986). Die schöne Frau Seidenmann. Zürich: Diogenes.

[2] Es dauerte sehr viel länger, bis der Warschauer Aufstand der polnischen Heimatarmee von 1944 durch ein offizielles Denkmal in der Stadt gewürdigt wurde; vgl. dazu Krzemi?ski, Adam. 2005. „Der Kniefall.“ In Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl, hg. v. Etienne François und Hagen Schulze, S. 431–446. München: Beck, hier S. 440.

[3] Young, James E. 1997 (engl. Original 1993).  Formen des Erinnerns. Gedenkstätten des Holocaust. Wien: Passagen, S. 219.

[4] Zur Inszenierung des Kniefalls vgl. Schneider, Christoph: Der Warschauer Kniefall. Ritual, Ereignis und Erzählung. Konstanz: UVK, 2006.

[5] Vgl. Young, James E. 1997 (engl. Original 1988). Beschreiben des Holocaust. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 289.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Frau entzündet Kerze an der Vorderseite des Denkmals des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Bildanalysetext zur Abbildung 2 der Ikone „Kniefall“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,

URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/kniefall/abb-2-denkmals-des-aufstandes-im-warschauer-ghetto.html

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