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Abb.9: Junge aus dem Warschauer Ghetto

Junge aus dem Warschauer Ghetto, Mai 1943
Quelle: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir dieses Bild nicht mehr online anbieten.

Eine zentrale Ikone, deren Bildkarriere erst nach 1945 beginnt, ist der „kleine Junge im Warschauer Getto“. Das Foto zeigt, wie Soldaten Frauen und Kinder mit Gewehren im Anschlag aus einem Haus treiben. Ohne Bildunterschrift ergibt sich – abgesehen von der Uniform des Soldaten – kein direkter bildlicher Hinweis auf den Entstehungskontext, da ein einprägsames visuelles Symbol fehlt. Obwohl die Original-Bildunterschrift „Mit Gewalt aus den Bunkern hervorgeholt“ lautet, fehlen im Bild dafür sichtbare Indizien wie beispielsweise eine staubbedeckte Kleidung der Verfolgten.[1]

Im Nationalsozialismus war das Foto Teil einer internen SS-Dokumentation (Stroop Report) und wurde nicht veröffentlicht. Das Bild wurde nach 1945 in einer Vielzahl von Printmedien und Filmen reproduziert: 1956 wurde es im Dokumentar-Film Nuit et Brouillard (Night and Fog) von Alain Resnais eingeblendet und damit einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Den Status einer ikonischen Fotografie erlangte es 1960 in mehrerlei Hinsicht; zum einen durch den Bildband Der gelbe Stern von Gerhard Schoenberner, der auf mehreren Kontinenten publiziert wurde und am britischen, französischen und kanadischen Cover des Bandes das Foto zeigt; ebenso durch den Abdruck im Magazin Life; in der erstmaligen Publikation des Stroop-Reports in Westdeutschland und der ersten Ausstellung über die NS-Verbrechen (Die Vergangenheit mahnt) in Westdeutschland, wobei das Foto am Poster zur Ausstellung abgebildet war.[2] Ausgehend vom Foto wurden Spielfilme gedreht (Mitko Panov, With Raised Hands …; Matti-Juhani Karila Tsvi Nussbaum. A Boy from Warsaw (1990)). Der US-amerikanische Spielfilm Schindlers Liste rekurriert auf den Jungen, der einer Figur des Films – einem kleinen Mädchen im Getto – als Vorbild dient.[3] Yad Vashem, die zentrale staatliche Gedenkstätte Israels, verwendet es als Coverfoto ihrer in mehreren Sprachen weltweit vertriebenen Broschüre The Holocaust.[4] Wenngleich in den internationalen Medien immer wieder Artikel über die Identität des Jungen auf dem Foto erschienen, ist dessen eindeutige Identität bis dato ungeklärt.[5]

Das Bild des kleinen Jungen zeigt zugleich das Geschehen, wirkt also als Tatbestandsaufnahme und verdichtet als Symbolfoto gleichzeitig eine ganze Kette von Ereignissen.[6] Habbo Knoch bezeichnet dies als „das Prinzip des typischen Bildes“, eine Aufnahme, die von ihren konkreten Herkunftszusammenhängen abgelöst stellvertretend für verschiedene ähnliche Geschehnisse oder Ereigniszusammenhänge steht.[7] Das Foto weist in seiner Bildkomposition eine Vielzahl von Gegensätzen auf: „Einerseits SS-Truppen versus Jüdinnen und Juden, Täter versus Opfer, Militär gegen Zivilbevölkerung, Kraft gegen Hilflosigkeit, bedrohende Hände an Waffen gegen erhobene leere Hände in Kapitulation, Stahlhelme versus Kappen und unbedeckte Häupter, Selbstgefälligkeit versus Angst, Sicherheit versus drohendes Unheil, Männer gegen Frauen und Kinder.“[8] Aufgrund dieser multiperspektivischen Interpretationsmöglichkeiten wirkt das ikonische Foto damit je nach Zusammenhang und Bildausschnitt als Symbol des Opfers, der Unterlegenheit, des Widerstands im Warschauer Getto, als Sinnbild für die jüdische Verfolgung oder als mahnende visuelle Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit im Kontext mit Berichten über die NS-Vergangenheit von PolitikerInnen.

Petra Mayrhofer


[1] Raskin, Richard. 2004. A Child at Gunpoint. A Case Study in the Life of a Photo. Aarhus: Aarhus University Press, S. 17.

[2] Raskin, Richard. 2004. A Child at Gunpoint. A Case Study in the Life of a Photo. Aarhus: Aarhus University Press, S. 106.

[3] Bredekamp, Horst. 2004. „Bildakte als Zeugnis und Urteil.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 1, hg. v. Monika Flacke, S. 29–66. Mainz, hier S. 46.

[4] Hamann, Christoph. 2008. „Wechselrahmen. Narrativierungen von Schlüsselbildern – das Beispiel vom Foto des kleinen Jungen aus dem Warschauer Ghetto.“ In Schlüsselbilder des Nationalsozialismus. Fotohistorische und didaktische Überlegungen, hg. v. Werner Dreier, Eduard Fuchs, Verena Radkau und Hans Utz, S. 28–43. Wien/Innsbruck: Studienverlag, hier S. 28f.

[5] Vgl. Groenewould, André. 2005. „Ich habe überlebt.“ In Cicero 06. Zugriff unter www.cicero.de/page_print.php?ausgabe=06/2005 (17.5.2009); Raskin, Richard. 2004. A Child at Gunpoint. A Case Study in the Life of a Photo. Aarhus: Aarhus University Press, S. 17.

[6] Vgl. Hamann, Christoph. 2001. Bilderwelten und Weltbilder. Fotos, die Geschichte(n) mach(ten). Berlin: Art-Druck, S. 4.

[7] Knoch, Habbo. 2001. Die Tat als Bild. Fotografien des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur. Hamburg: Hamburger Edition, S. 764.

[8] Zit. n. Raskin, Richard. 2004. A Child at Gunpoint. A Case Study in the Life of a Photo. Aarhus: Aarhus University Press, S. 21f.


Zitierempfehlung: Mayrhofer, Petra, Junge aus dem Warschauer Ghetto. Bildanalysetext zur Abbildung 9 der Ikone „Ikonen der Verfolgung“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/ikonen-der-verfolgung/abb9-warschauer-ghetto.html

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