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Abb.7: „Reibpartie“

„Reibpartie“, Wien 1938
© Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

Mit der Wandlung von der Opfer- zur Mitverantwortungsthese bildete sich in Österreich das visuelle Narrativ des „Anschluss-Pogroms“ – Demütigungen gegenüber den JüdInnen unmittelbar nach dem „Anschluss“ – als „visuelles Zeugnis gegen den Opfermythos“[1] heraus, Fotografien der Erniedrigungen während des „Anschlusspogroms“ im März 1938 gibt es allerdings nur wenige, zumeist aus Privatbesitz der Familien der Opfer bzw. zwei Bildserien der Fotoagentur Hilscher von den antisemitischen Ausschreitungen auf den Straßen Wiens, die 1938 nicht veröffentlicht wurden.[2]

Zum ikonischen Bildmotiv dieser antisemitischen Ausschreitungen wurde die sogenannte „Reibpartie“. Dieses Motiv hat die Abbildung von Jüdinnen und Juden, welche unter den gaffenden Blicken von PassantInnen und Nationalsozialisten mit Bürsten Reib- und Putzarbeiten leisten, zum Inhalt. Der Opfercharakter wird in den Bildern durch die Unterlegenheit der Körper der Jüdinnen und Juden unterstrichen.[3] Täter, Opfer und Bevölkerung werden auf diesen Fotografien gleichermaßen gezeigt, die Fotografien von „Reibpartien“ werden damit zum „Symbol für die schuldhafte Verstrickung des Kollektivs an der Vertreibung und Auslöschung der jüdischen Bevölkerung“[4].

Die Reibpartie wurde in den 1980er-Jahren in Österreich in unterschiedlichen Gestaltungsformen der Bildenden Kunst, von Film und Theater thematisiert, der „straßenwaschende Jude“ ist auch Teil des Mahnmals gegen den Krieg und Faschismus von Alfred Hrdlicka [mögliche interne Verlinkung zur Ikone „Denkmale des Holocaust“]. Der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky ließ sich 1988 in seinem Arbeitszimmer vor einem Bild Maria Lassnigs, das die „Reibpartien“ visualisiert, ablichten, um die „Verpflichtung zum entschiedenen Auftreten gegen Antisemitismus und andere Diskriminierungen“ zu verdeutlichen.[5]

Petra Mayrhofer


[1] Uhl, Heidemarie.2005.Vom Opfermythos zur Mitverantwortungsthese: NS-Herrschaft, Krieg und Holocaust im „österreichischen Gedächtnis.“ In: Transformationen gesellschaftlicher Erinnerung. Studien zur „Gedächtnisgeschichte“ der Zweiten Republk, hg. v. Christian Gerbel (u.a), S.86-131. Wien: Turia+Kant, hier S. 75.

[2] Vgl. Petschar, Hans. 2008. „Bekannt und unbekannt. Fotografische Ikonen zum ‚Anschluss‘ Österreichs an das Dritte Reich.“ In Schlüsselbilder des Nationalsozialismus. Fotohistorische und didaktische Überlegungen, hg. v. Werner Dreier, Eduard Fuchs, Verena Radkau und Hans Utz, S. 58–70. Wien/Innsbruck: Studienverlag, hier S. 67.

[3] Vgl. Knoch, Habbo. 2001. Die Tat als Bild. Fotografien des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur. Hamburg: Hamburger Edition, S. 936.

[4] Uhl, Heidemarie. 2004. „Vom Opfermythos zur Mitverantwortungsthese: Die Transformationen des österreichischen Gedächtnisses.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 2, hg. v. Monika Flacke, S. 481–502. Mainz, hier S. 496.

[5] Uhl, Heidemarie. 2004. „Vom Opfermythos zur Mitverantwortungsthese: Die Transformationen des österreichischen Gedächtnisses.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 2, hg. v. Monika Flacke, S. 481–502. Mainz, hier S. 497.


Zitierempfehlung: Mayrhofer, Petra, „Reibpartie“. Bildanalysetext zur Abbildung 7 der Ikone „Ikonen der Verfolgung“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/ikonen-der-verfolgung/abb7-reibpartie.html

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