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Abb. 1: „Boykottaktion“

SA-Angehörige vor dem Kaufhaus Tietz, Berlin 1. April 1933
Quelle: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

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Staatliche nationalsozialistische Terroraktionen hatten die Intention des Ausschlusses der jüdischen Bevölkerung aus der „Volksgemeinschaft“ durch öffentliche Handlungen vor allen Augen. Der öffentliche Raum, also Straßen, Plätze etc., fungiert in diesem Kontext zu Beginn des Nationalsozialismus als Medium politischer Kommunikation und der Selbstinszenierung.[1] In diesem Zusammenhang stellt das Motiv der SA- und SS-Posten vor den – oft mit Zetteln und Plakaten beklebten – jüdischen Geschäften ein zentrales Motiv in Archivbeständen sowie in massenmedialen Publikationen, Schulbüchern und Bilddatenbanken dar.[2] Die sogenannte Boykottaktion des 1. April 1933 richtete sich gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte und wurde vom eigens dafür gegründeten Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Gräuel- und Boykotthetze vorbereitet, der Aufruf zum Boykott war am 29. März 1933 in der Partei-Zeitung Der Völkische Beobachter angeblich als Reaktion auf Kritik von Juden und Jüdinnen im Ausland an der nationalsozialistischen Regierung veröffentlicht worden.[3]

Die Fotografie als Medium wurde bei dieser ersten reichsweiten Aktion in mehreren Funktionen wie etwa als Ereignisdokumentation für die Orts- oder Parteigeschichte oder aber zur Einschüchterung verwendet:[4] An einigen Geschäften wurde die Kundschaft, die sich von der Präsenz der SA vor jüdischen Geschäften, Plünderungen und gewalttätigen Übergriffen und der damit zusammenhängenden Drangsalierung nicht abschrecken ließ, auf Schaufenster-Aufklebern davor gewarnt, fotografiert zu werden („Jüdisches Geschäft! Wer hier kauft, wird photographiert!“)[5]. Es gab am 1. April 1933 kein Fotografierverbot, der Boykott konnte von Amateurfotografen visuell problemlos festgehalten werden.[6]

Petra Mayrhofer


[1] Vgl. Paul, Gerhard. 2008. „Boykott. Ausgrenzungsterror im Bild und visuelle Erinnerungspolitik.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1949, hg. v. Gerhard Paul, S. 454–461. Göttingen: Vandenboeck&Ruprecht, hier S. 456.

[2] Dies gilt beispielhaft für die Bestände deutscher kommunaler und regionaler Archive, vergleiche Springer, Philipp. 2002. „Auf Straßen und Plätzen. Zur Fotogeschichte des nationalsozialistischen Deutschland.“ In Vor aller Augen. Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz, hg. v. Philipp Springer und Klaus Hesse, S. 11–37. Essen: Klartext Verlag, hier S. 22.

[3] Vgl. Springer, Philipp/Hesse, Klaus. 2002. Vor aller Augen. Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz. Essen: Klartext Verlag, S. 68.

[4] Vgl. Paul, Gerhard. 2008. „Boykott. Ausgrenzungsterror im Bild und visuelle Erinnerungspolitik.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1949, hg. v. Gerhard Paul, S. 454–461. Göttingen: Vandenboeck&Ruprecht, hier S. 456.

[5] Asmuss, Burkhard, Hg. 2002. Holocaust. Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung. Katalog zur Ausstellung. Berlin: Deutsches Historisches Museum, S. 69.

[6] Vgl. Sachsse, Rolf. 2003. Die Erziehung zum Wegsehen. Fotografie im NS-Staat. Dresden: Philo Fine Arts, S. 162.


Zitierempfehlung: Mayrhofer, Petra, „Boykottaktion“. Bildanalysetext zur Abbildung 1 der Ikone „Ikonen der Verfolgung“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/ikonen-der-verfolgung/abb1-boykottaktion.html

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