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Abb. 4: EU-Sternenkranz mit Stacheldraht

EU-Sternenkranz mit Stacheldraht
Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung Brandenburg (Screenshot www.politische-bildung-brandenburg.de/programm/veranstaltungen/2002/4dezember.htm, 25.07.2008)

Stacheldraht wird mitunter als visuelle „Waffe“ gegen das Grenzregime der Europäischen Union gerichtet, deren Migrationspolitik linke Gruppierungen häufig unter dem Stichwort „Festung Europa“ kritisieren.[1] Unsere Abbildung zeigt einen Screenshot von der Website der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. Die Ankündigung einer für den Dezember 2002 geplanten Tagung zur Asyl- und Flüchtlingspolitik der EU wurde dort mit der Ikonographie des Stacheldrahts illustriert. Diese Bildschöpfung verschmilzt drei Symbole miteinander: Der Sternenkranz der EU strahlt nicht wie gewohnt golden auf blauem Grund, ist aber durch den schriftlichen Kontext, der sich explizit auf Europa bezieht, leicht zu dechiffrieren. Er wird von Stacheldraht eingefasst. Dadurch kommt auch die christliche Ikonographie mit ins Spiel: Der Sternenkranz wird zur Dornenkrone umstilisiert. Diese wiederum gehört zu den sogenannten Arma Christi, also zu den Leidenswerkzeugen, mit denen der Gottessohn vor seinem Tod gequält worden sein soll (dazu zählen beispielsweise auch die Geißelsäule, der Essigschwamm oder das Kreuz).[2] Diese Elemente tauchen in der christlichen Ikonographie immer wieder im Zusammenhang mit der Passion Christi auf. Ob eine solche Deutung des EU-Stacheldrahtkranzes von den BildschöpferInnen intendiert ist, bleibt unklar, doch auf einer assoziativen Ebene fusionieren Politik und Religion in dieser Bildsprache. Die christliche Ikonographie kann mithin zur Kritik an der Abschottung der Union nach außen dienen, denn das seit Jahrhunderten negativ besetzte Symbol der Dornenkrone wird mitsamt dem ebenfalls negativ kodierten Symbol des Stacheldrahts auf die aktuelle EU-Grenzpolitik übertragen. Im Text auf der hier gezeigten Website wird diese Botschaft allerdings mit einem Fragezeichen versehen: „Festung Europa?“, so heißt es dort zur „Asyl- und Flüchtlingspolitik der EU“. Das Zeichen des EU-Stacheldrahtkranzes taucht auch an anderen Stellen im Web im Zusammenhang mit dem Stichwort „Festung Europa“ auf. Die visuelle Verwischung des Unterschieds zwischen religiöser und politischer Sphäre ist kein Einzelfall, sondern kommt häufiger vor, wie etwa die aktuellen Kopftuchdebatten in Europa oder der legendäre Warschauer Kniefall des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt belegen.[3]

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. etwa Millborn, Corinna. 2006. Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch. Wien/Graz/Klagenfurt: Styria.

[2] Vgl. etwa Steiner, Peter B. 2005. „Lebendig – tot. Aspekte des Kruzifixus in der europäischen Kunst.“ In Kreuz und Kruzifix. Zeichen und Bild, hg. v. Diözesanmuseum Freising, S. 69–74, Lindenberg: Kunstverlag Josef Fink, hier S. 74.

[3] Vgl. Schneider, Christoph. 2006. Der Warschauer Kniefall. Ritual, Ereignis und Erzählung. Konstanz: UVK.

 


Zitierempfehlung: Mayrhofer, Petra, EU-Sternenkranz mit Stacheldraht. Bildanalysetext zur Abbildung 4 der Ikone „Festung Europa“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/festung-europa/abb4-eu-sternenkranz-mit-stacheldraht.html

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