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Abb. 8: Europa-Statue vor dem Lipsius-Gebäude

Europa-Statue vor dem Lipsius-Gebäude, Brüssel
© Ullstein-Bild / JOKER / Steußloff

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Eine Frau auf einem Stier – mehr ist nicht nötig, um mithilfe eines Bildwerks den europäischen Gründungsmythos aufzurufen, der vom Raub einer phönizischen Königstochter durch den Göttervater Zeus berichtet.[1] Das Spektrum der Visualisierungsformate zu dieser Geschichte ist seit jeher groß: Die von Kleinasien über Kreta bis Westeuropa, Nordafrika und teilweise sogar bis Indien und China verbreiteten antiken Darstellungen des Mythos befanden sich beispielsweise auf Mosaiken, Öl-Lampen oder auf Schmuckstücken (Abb. 2).[2] Sie standen dort symbolisch für Fruchtbarkeit und waren weniger auf den Kontinent Europa bezogen als die heute noch üblichen Bilder der Jungfrau mit dem Stier. Zwar ist die Europaflagge unterdessen wohl das wichtigere Symbol. Doch weiterhin bedient die Europa mit dem Stier ein breites Medienspektrum von den Euro-Münzen (Abb. 1) über Werbeanzeigen und Karikaturen (Abb. 3, Abb. 5) bis hin zu zahlreichen Werken der Bildhauerei. Hier ist die einschlägige Plastik Europe en avant von Léon de Pas in Brüssel abgebildet. Der antike Mythos wird durch den Standort der Plastik im Brüsseler Europaviertel mit den aktuellen politischen Entwicklungen des europäischen Integrationsprozesses in Verbindung gebracht. Zugleich ist er auf seine Kernelemente reduziert, nämlich auf die Protagonistin Europa mit dem Stier. Auch deren formale Gestaltung ist sehr reduziert. Frauen- und Stierkörper sind aus einzelnen Teilen zusammengesetzt, entbehren so einer durchgehenden Oberfläche und wirken dadurch teilweise transparent. Beide Figuren werden sehr dynamisch gezeigt, wie sich u.a. an der Schrittstellung des Tiers und an den flatternden Haaren der Reiterin erkennen lässt. Europa packt hier den Stier ganz sprichwörtlich bei den Hörnern und bleibt so in Bewegung, wobei der rasende Ritt auf dem gewaltigen Tier anstrengend und gefährlich wirkt.[3]

Benjamin Drechsel


[1] Schmale, Wolfgang. 2000. Geschichte Europas. Wien: Böhlau, S. 25–27.

[2] Schmale, Wolfgang. 2005. „Visualisierungen Europas. Ein historischer Überblick.“ In Europa-Bilder, hg. v. Vrääth Öhner, Andreas Pribersky und Wolfgang Schmale, S. 13–34. Wien: Studienverlag, hier S. 14.

[3] Die Plastik steht direkt vor dem Justus-Lipsius-Gebäude, dem Sitz des Rates der Europäischen Union, das hier allerdings nicht ins Bild kommt; vgl. Wintle, Michael. 2004. Europa and the Bull, Europe, and European Studies. Visual images as historical source material. Amsterdam: University, S. 22.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Europa-Statue vor dem Lipsius-Gebäude. Bildanalysetext zur Abbildung 8 der Ikone „Europa-Mythos“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/europa-mythos/abb8-europa-statue-vor-dem-lipsius-gebaeude.html

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