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Abb. 6: Fresko-Entwurf “Europa auf dem Stier”

Fresko-Entwurf „Europa auf dem Stier“, Berlin 1976/1979
©Ullstein-Bild / ASD / Johannes Grützke

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Im Jahr 1979 wurde nach längerem Vorlauf ein Wettbewerb zur Bemalung des „Hauses am Checkpoint Charlie“ in West-Berlin entschieden. Der „Checkpoint“ wiederum war damals ein Grenzübergang zwischen den Hälften der 1961 bis 1989 geteilten Stadt (u.a. für das Militärpersonal der Westalliierten). Dort galt es die westliche Giebelwand der Friedrichstraße 44 zu bemalen bzw. Vorschläge für ein solches Fresko zu machen. Die TeilnehmerInnen des Wettbewerbs waren dazu „aufgerufen, die Bedeutung dieses Punktes [also des Checkpoints Charlie] in eigener Deutung zu versinnbildlichen “[1]. Als Veranstalterin fungierte die AG 13. August, finanzielle Hilfe leisteten der Berliner Senat und die Deutsche Klassenlotterie. Der erste Preis und mit ihm 5.000 DM gingen schließlich an Johannes Grützke. Der vollständige Titel seines hier abgebildeten Siegerentwurfs lautete: Europa auf dem Stier, auf der Mauer balancierend. Vorwärts oder rückwärts?[2] Die aus ihrer Heimat geraubte Königstochter Europa reitet auf diesem Bild nicht nur auf dem Stier, wie es der antike Mythos will, sondern zugleich auch auf der Berliner Mauer, übrigens in ihrer typischen architektonischen Ausprägung der frühen 1970er-Jahre. Stünde der in einen Stier verwandelte Göttervater Zeus noch auf der ersten Mauergeneration der 1960er-Jahre, würde er sich die Beine am Stacheldraht verletzen. So aber balanciert er auf einem bekrönenden Rohr, das seinen Hufen kaum Halt geben dürfte. Auch seine kostbare Last wirkt verletzlich: Dafür sorgen Europas Nacktheit sowie die ausladende Geste, mit der sie mühsam ihr Gleichgewicht auf dem Rücken des massigen Tiers hält. Die MalerInnen hatten die Bedeutung des Checkpoints Charlie erfassen sollen. Grützke visualisierte zu diesem Zweck einen europäischen Balanceakt, der wahlweise nach vorn oder zurück bzw. zum Absturz führen kann. Das Gemälde ist durch die Verbindung mit der Berliner Mauer ein Beispiel dafür, wie mythisches Material an die Bedürfnisse einer jeweiligen Gegenwart angepasst werden kann.

Benjamin Drechsel


[1] Haus am Checkpoint Charlie, Hg. 1980. Wo Weltgeschichte sich manifestiert. Ein Wettbewerb: 71 Entwürfe zur Bemalung einer Hauswand am Checkpoint Charlie in Berlin (= Where World History is Relived in All its Impact. A Competition: 71 Drafts For a Mural Painting on a House Wall at Checkpoint Charlie in Berlin). Berlin: Haus am Checkpoint Charlie, S. 4; dort auch die weiteren Informationen zum Wettbewerb.

[2] Nach Auskunft des Künstlers stammte der Titel vom damaligen Leiter des Mauermuseums Rainer Hildebrandt.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Fresko-Entwurf “Europa auf dem Stier”. Bildanalysetext zur Abbildung 6 der Ikone „Europa-Mythos“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/europa-mythos/abb6-fresko-entwurf-europa-auf-dem-stier.html

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