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Abb. 5: Simplicissimus-Karikatur „Eine Dame namens Europa“

Simplicissimus-Karikatur „Eine Dame namens Europa“, 1. September 1962
© bpk / SBB / Dietmar Katz /Künstler: Manfred Oesterle

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Der Mythos von Europa und dem Stier wurde im 19. und 20. Jahrhundert häufig zum Gegenstand von Karikaturen (Abb.3). Schönheit und Ebenmäßigkeit der jungen Frau, welche die Gemäldemotive der vorangehenden Jahrhunderte ausgezeichnet hatten (Abb. 4), wurden dabei zuweilen zugunsten einer für dieses Genre typischen Überzeichnung zurückgestellt. So auch auf diesem Titelblatt der politisch-satirischen Wochenschrift „Simplicissimus“ vom 1. September 1962.[1] Europa ist hier sichtlich gealtert. Trotzdem zieht die aufgetakelte Blondine die Blicke einiger, ebenfalls älterer, Herren auf sich: Der britische Premier Harold Macmillan (links), der französische Staatspräsident Charles de Gaulle (Mitte) und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer beobachten sie vom Hintergrund des Bildes aus. In der Europapolitik jener Zeit ging es um die Frage, ob Großbritannien Teil der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft werden solle, die damals noch negativ beantwortet wurde; erst 1973 traten die Briten den Europäischen Gemeinschaften bei. Die Bildunterschrift unter Manfred Oesterles Karikatur scheint das Gespräch der Politiker wiederzugeben, geht allerdings nicht direkt auf das britische Aufnahmegesuch ein: „Enormes Weib – aber teuer, sündhaft teuer!“ Europa ist allzu kostspielig, während ihre Attraktivität, die sie für die einzelnen Nationen reizvoll machen könnte, bereits verblasst: Damit ist das Standardargument von der teuren europäischen Integration angesprochen, das von ihren GegnerInnen bis heute immer wieder bemüht wird. Zugleich erweisen sich die Gender-Rollen auf der Abbildung als interessant. Dass Europa den lüsternen Blicken der drei nationalen Repräsentanten ausgesetzt ist, scheint für eine klassische Rollenverteilung zu sprechen. So wurde Europa auf Landkarten bereits in der Renaissance als Frau dargestellt, die damit indirekt dem männlichen Entdeckungsdrang ausgeliefert war.[2] Doch auf der Karikatur von 1962 ist das klassische mythische Symbol männlicher Macht, der Stier, eben dieser Eigenschaft beraubt: Wie einen Pudel hat Europa ihn an die Leine gelegt. Die rote Schleife an seinem Hals ähnelt derjenigen an ihrem Kleid und spricht für seine umfassende Unterwerfung. Insgesamt zeigt die Karikatur, wie anpassungsfähig der Europa-Mythos auch auf visueller Ebene an die Bedürfnisse und Mentalitäten der jeweiligen Gegenwart ist. Das Bild reflektiert einerseits die im Laufe des Integrationsprozesses konzentrierte Macht Europas durch die Figur der mondänen Dame, die ihren Stier ausführt. Andererseits zeigt es auch die weiter bestehende Dominanz der nationalen Ebene in Gestalt der grauen Herren im Hintergrund, deren schonungslos abschätzenden Blicken die alternde Blondine ausgesetzt ist.

Benjamin Drechsel


[1] Nähere Informationen zu dieser Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Zeitschrift unter www.simplicissimus.com.

[2] Lewes, Darby. 2003. „The Site/Sight of Europa: Representations of Women in European Cartography.“ In Figures d’Europe. Images and Myths of Europe, hg. v. Luisa Passerini, S. 107–123. Brüssel: Lang.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Simplicissimus-Karikatur „Eine Dame namens Europa“. Bildanalysetext zur Abbildung 5 der Ikone „Europa-Mythos“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/europa-mythos/abb5-simplicissimus-karikatur-eine-dame-namens-europa.html

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