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Abb.4: Gemälde „Raub der Europa“

Gemälde „Raub der Europa“ von François Boucher, 1747
© akg-images / Erich Lessing

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Der Maler François Boucher gilt als einer der wichtigsten Vertreter jener eigenständigen Spätphase des Barock im 18. Jahrhundert, die heute als (französisches) Rokoko bekannt ist. Seine Aktdarstellungen, Landschaftsbilder, Porträts und zahlreichen weiteren Werke haben ihm anhaltenden künstlerischen Ruhm beschert. Auch zu Lebzeiten war er schon erfolgreich: 1734 wurde er Mitglied der Pariser Akademie und als Günstling der legendären Marquise de Pompadour vonseiten des Hofs gefördert. Schließlich brachte er es Mitte der 1760er-Jahre bis zum Akademiedirektor und zum ersten Maler des Königs. Lange zuvor, im Jahr 1747, ist das hier abgebildete Gemälde entstanden. Boucher hat damit zugleich auch Jeanne-Antoinette Poisson, die bereits erwähnte Marquise de Pompadour, verewigt, die hier als Europa dargestellt ist. Sie war zu diesem Zeitpunkt die offizielle Mätresse des französischen Herrschers Ludwig XV. und nahm Einfluss auf dessen Politik. Auf Bouchers hier gezeigtem Gemälde (bei Weitem nicht das einzige Kunstwerk, durch das sie sich darstellen ließ[1]) wird die Marquise als „verführerisch schöne Europa porträtier[t], was angesichts ihres politischen Einflusses und ihrer Ambitionen am Hof von Versailles keineswegs als lediglich hübsche Idee interpretiert werden darf“[2]. Europa wird hier mit ihren Spielgefährtinnen gezeigt und scheint sich soeben im Damensitz auf dem Rücken des Zeus niedergelassen zu haben. Der Göttervater hat sich als weißer Stier getarnt und wird die Frau mit den entblößten Brüsten sogleich aus ihrer Heimat entführen, indem er sich mit ihr ins Meer stürzt. Die narrative Dramatik des Bildes lebt also auch davon, dass die mythologisch gebildeten BetrachterInnen mehr über das künftige Geschehen wissen als die handelnden Figuren. Zugleich ist die raffinierte Komposition so aufgebaut, dass das typische Ornamentmotiv des Rokoko, nämlich die Muschel (frz. rocaille), mehrfach auftaucht, so etwa in der Wolkenformation am Himmel. Der Mythos wurde also auch im 18. Jahrhundert durch seine Einpassung in zeitgenössische Erzählformen und -bedürfnisse tradiert.

Benjamin Drechsel


[1] Goodman, Elise. 2000. Portraits of Madame de Pompadour. Celebrating The Femme Savant. Berkeley: University of California.

[2] Schmale, Wolfgang. 2005. „Visualisierungen Europas. Ein historischer Überblick.“ In Europa-Bilder, hg. v. Vrääth Öhner, Andreas Pribersky und Wolfgang Schmale, S. 13–34. Wien: Studienverlag, hier S. 16.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Gemälde „Raub der Europa“. Bildanalysetext zur Abbildung 4 der Ikone „Europa-Mythos“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/europa-mythos/abb4-gemaelde-raub-der-europa.html

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