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Abb.3: Plakatentwurf mit Karikatur zum Europamythos

Plakatentwurf Karikatur Haitzinger 1994
©dpa / picturedesk.com / Gerten

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Das hier abgebildete Werk des Karikaturisten Horst Haitzinger aus dem Jahr 1994 greift den Mythos von Europa mit dem Stier auf. Im Kern lässt sich diese antike Geschichte wie folgt zusammenfassen: Der olympische Göttervater Zeus verliebt sich in Europa, die Tochter eines phönizischen Königs. Zeus verwandelt sich in einen weißen Stier und nähert sich der Jungfrau. Diese vertraut dem Tier bald so sehr, dass sie sich auf seinen Rücken setzt. Der Gott entführt sie daraufhin aufs offene Meer und schwimmt mit ihr bis nach Kreta.[1] Haitzinger hat diesen Stoff für einen Plakatentwurf zur Europawahl im Juni 1994 adaptiert. Dabei verwendet er das zentrale Stilmittel von Karikaturen, nämlich die Zuspitzung: Haitzinger übersteigert die kunstgeschichtlich seit Jahrhunderten tradierte erotische Komponente des Motivs, indem er Europa quasi als „Pin-up-Girl“ nahezu unbekleidet auf dem Rücken des massigen weißen Stiers posieren lässt.[2] Verführerisch schwenkt sie einen Wahlzettel – vielleicht eine ironische Anspielung auf die abnehmende öffentliche Attraktivität von Europawahlen aufgrund der seit Ende der 1980er-Jahre viel diskutierten „Politikverdrossenheit“. Der animalische Gott springt durch einen Kranz von zwölf Sternen, die gemeinsam mit dem blauen Hintergrund symbolisch für Europa stehen.[3] Auf dem Kopf trägt der Stier einen Blütenkranz, der u.a. die Landesfarben der EU-Mitglieder zeigt. Die 3.000 gedruckten Plakate wurden nicht ausgeliefert: Der Protest einiger Abgeordneter des Europaparlaments bewog das Bonner Informationsbüro der politischen Institution dazu, die Publikation einzubehalten. Einige ParlametarierInnen hatten die vermeintliche Frauenfeindlichkeit des Entwurfs bemängelt und damit eine rege Debatte ausgelöst. Horst Haitzinger wiederum versteigerte seine 20 Autorenexemplare und erlöste so 10.000 Euro für einen sozialen Zweck.[4]

Benjamin Drechsel


[1] Schmale, Wolfgang. 2000. Geschichte Europas. Wien: Böhlau, S. 25–27.

[2] Wintle, Michael. 2004. Europa and the Bull, Europe, and European Studies. Visual images as historical source material. Amsterdam: University, S. 12.

[3] Zum Sternenkranz der EU vgl. Göldner, Markus. 1988. Politische Symbole der europäischen Integration. Fahne, Hymne, Hauptstadt, Paß, Briefmarke, Auszeichnungen. Frankfurt am Main: Lang, S. 33–127.

[4] Sattler, Karl-Otto. 1994. „Strasbourg macht Rückzieher. ‚Frauenfeindliches‘ Werbeplakat zur Europawahl wird nicht ausgeliefert.“ In Berliner Zeitung, 12. April. www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1994/0412/europa/0008/index.html (13. Januar 2009).


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Plakatentwurf mit Karikatur zum Europamythos. Bildanalysetext zur Abbildung 3 der Ikone „Europa-Mythos“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/europa-mythos/abb3-plakatentwurf-mit-karikatur-zum-europamythos.html

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