Europa-Mythos

Soziale Gemeinschaften leben von Identifikationsbereitschaft und Solidarität. In der Geschichte der europäischen Nationen gibt es viele Beispiele dafür, wie ein solcher Zusammenhalt über gemeinsame Erinnerungen erzeugt werden kann. Die Schweiz etwa bezieht ihren nationalen Gründungsmythos als Eidgenossenschaft bis heute auf den mittelalterlichen Rütlischwur.[1] Der Ort des mythischen Geschehens am Vierwaldstättersee fungiert als eine Art Pilgerstätte, die viele SchweizerInnen schon in ihrer Schulzeit persönlich besuchen. Diese Verbindung von Mythos und nationaler Identität leisten auch zahlreiche andere historische Orte, Ereignisse oder Persönlichkeiten in Europa: Man denke etwa an die große Bedeutung des Amselfeldes für das serbische Selbstverständnis, an die Erstürmung der Bastille als symbolischer Beginn der Französischen Revolution im Jahr 1789 oder, um noch einmal auf die Schweiz zurückzukommen, an den legendären Armbrustschützen Wilhelm Tell, der dort bis heute eine zentrale Rolle im nationalen Mythos hat.

Mythen sind „[f]undierende Geschichten“[2], d.h. Erzählungen, die durch ihren Rückbezug auf die Vergangenheit eine zukunftsgerichtete Perspektive für die Gegenwart entwickeln. Teile der Geschichte werden in diesem Zusammenhang also nicht absichtslos rekonstruiert, sondern für gegenwärtige Zwecke dienstbar gemacht. Dabei mischen sich regelmäßig historische Fakten mit Fiktionen. Der Mythosbegriff hat deshalb häufig einen negativen Beiklang.[3] Dabei verfügt heute jede europäische Nation über einen eigenen Bestand an Mythen. Sie werden durch Personen in kommunikativen Schlüsselpositionen (wie etwa PolitikerInnen, PublizistInnen oder auch LehrerInnen) tradiert. Der Zusammenhalt von Nationen beruht stets auf solchen Erzählungen über gemeinsame Ziele und Pflichten, die aus einer (vermeintlich) geteilten Vergangenheit abgeleitet werden. Die solchermaßen verbundenen Personen werden sich zwar in aller Regel nicht persönlich kennen.[4] Aber sie berufen sich auf einen gemeinsamen Mythenschatz. Dabei wandeln sich mythische Erzählungen ständig, denn die jeweilige Gegenwart passt sie ihren Bedürfnissen an. Auch ihre Medien sind vielgestaltig. Mythen treten in schriftlicher oder sprachlicher Form in Geschichtsbüchern, Romanen und Reden auf, werden aber auch „durch komprimierte, mitreißende Bilder“[5] verkörpert, also beispielsweise in Historiengemälden, Denkmälern oder Filmen.

Die europäischen Nationen regeln ihren internen Zusammenhalt in hohem Maße durch Mythen. Teilweise ist es dabei auch gelungen, konfliktträchtige Erzählungen auf internationaler Ebene umzudeuten; so etwa, indem die Erzählung von der vermeintlichen deutsch-französischen Erbfeindschaft während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezielt durch Versöhnungsgesten und zivilgesellschaftliche Initiativen entkräftet wurde. Auf supranationaler Ebene fehlen der imaginierten Gemeinschaft Europa solch starke Mythen und Symbole weitgehend. Welcher Mythos ruft genügend Emotionen wach, um die EuropäerInnen für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren? Die Viten europäischer Persönlichkeiten wie Karls des Großen oder auch der Gründerväter der Europäischen Union nehmen diese Rolle bislang nur sehr bedingt ein. Zumeist werden solche historischen Persönlichkeiten eher durch nationale Erinnerungskulturen vereinnahmt.[6] Die Europafahne und der Euro [mögliche interne Verlinkung zur Ikonographie EU-Europas] hingegen sind heute zwar in einigen europäischen Staaten allgegenwärtig, doch die Geldsymbolik steht vor allem für Europa als wirtschaftlich orientierte Zweckgemeinschaft (Abb. 1): Eine europäische Gemeinschaft, deren Identität nur auf ökonomischem Erfolg basieren würde, käme allerdings schnell an ihre Grenzen, sobald sich auf diesem Feld Probleme einstellen. Darum waren europäistische Kräfte während des 20. Jahrhunderts immer wieder darum bemüht, wirksame gemeinsame Rituale und Symbole zu schaffen: Auf visueller Ebene handelte es sich dabei beispielsweise um Fahnen, Briefmarken, Pässe, Parlamentsbauten oder auch um Museumsprojekte.[7] Ihre jeweilige Wirkung blieb jedoch beschränkt. 

Politische Mythen könnten ebenfalls dabei helfen, einen stärkeren Zusammenhalt Europas zu garantieren. Starke Mythen lassen sich aber nicht einfach herbeireden. Eher gilt es, bereits vorhandene Erzählungen wieder neu zu entdecken und mit politischem Leben zu füllen – so etwa die ursprünglich griechische Erzählung vom Raub einer jungen Phönizierin durch einen Stier. Die wirkmächtigste Verschriftlichung dieses antiken Europa-Mythos findet sich im zweiten Buch der Metamorphosen des römischen Schriftstellers Ovid, die etwa zur Zeit der Geburt Christi entstanden sind.[8] Über die Jahrhunderte entwickelten sich zahlreiche weitere Fassungen des Stoffs. Im Kern lässt sich der griechische Mythos wie folgt zusammenfassen: Der mächtigste olympische Gott, Zeus (in der römischen Sagenwelt: Jupiter), verliebt sich in die Tochter eines phönizischen Königs, die den Namen Europa trägt. Der Göttervater verwandelt sich in einen weißen Stier und gelangt im Schutz einer Rinderherde in die Nähe der am Mittelmeerstrand spielenden Jungfrau. Diese ist zunächst schüchtern, vertraut dem Tier aber bald so sehr, dass sie sich auf seinen Rücken setzt. Zeus entführt sie daraufhin aufs offene Meer und schwimmt mit ihr bis nach Kreta. Aus der anschließenden Verbindung des Gottes mit der Phönizierin entspringen drei Söhne. Später heiratet Europa den kretischen König Asterios, dessen Nachfolger der Zeus-Sohn Minos wird.[9]

Das Motiv der Königstochter mit dem Stier fungiert seit langer Zeit als „Kern der Visualisierung Europas“.[10] Immerhin gilt die Phönizierin als Namensgeberin des Kontinents, auf den sie verschleppt worden sein soll. Das Spektrum der zur Erinnerung an sie verwendeten Bildmedien ist seit jeher groß: Die von Kleinasien über Kreta bis Westeuropa, Nordafrika und teilweise sogar bis Indien und China verbreiteten antiken Darstellungen des Mythos fanden sich beispielsweise auf Mosaiken, Öl-Lampen oder auf Schmuckstücken (Abb. 2). Sie standen dort symbolisch für Fruchtbarkeit und waren weniger allegorisch auf den Kontinent Europa bezogen als die späteren Abbildungen der Jungfrau mit dem Stier. Wie bekannt der Mythos im Mittelalter war, ist unklar. Jedenfalls wurde er zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert teilweise christianisiert: Die Königstochter Europa wandelte sich in dieser Interpretation zur Gottesmutter Maria bzw. zum Sinnbild der Seele, der Stier zum Seelenführer Christus. Seit der Frühen Neuzeit, in der auch die Darstellung Europas als Frau auf Karten beliebt wurde, hoben Künstler häufig die erotische Komponente des Mythos hervor – ein Aspekt, der auch im 20. Jahrhundert bisweilen betont worden ist (Abb. 3). Zahlreiche Gemälde mit dem Motiv des Europa-Raubes sind seit jener Zeit entstanden. Einige Größen der abendländischen Kunstgeschichte haben sich an diesem Motiv versucht, so etwa Tizian, Veronese oder auch François Boucher (Abb. 4), später beispielsweise der deutsche Expressionist Max Beckmann. Zudem betrieben frühneuzeitliche Adelshäuser wie die Habsburger, Valois oder Bourbonen mithilfe der Europa-Mythologie politische Propaganda, um ihrem universellen Herrschaftsanspruch Ausdruck zu verleihen.[11]

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden politische Körper und Personifikationen zunehmend zum Gegenstand von Karikaturen. Solche Bildformate haben dem Motiv der Jungfrau mit dem Stier einen weiteren wichtigen Aspekt hinzugefügt: Nämlich die Schwäche und verblassende Attraktivität der Europa-Idee, welche durch die mythische Figur personifiziert wurde (Abb. 5). Die Spaltung des Kontinents durch den sogenannten „Eisernen Vorhang“ während des Ost-West-Konflikts wurde dann allerdings nicht nur im Medium der Karikatur, sondern auch malerisch thematisiert (Abb. 6).

Der Stoff klassischer Sagenwelten gehört in der Postmoderne nicht zum allgemein verbindlichen Bildungskanon. Bilder der Jungfrau mit dem Stier, wie sie häufig auf Büchern mit Bezug zu europäischen Themen vorkommen (Abb. 7), dürften bei ihren BetrachterInnen also nicht selten auf Unverständnis stoßen.[12] Selbst bei grober Kenntnis des Mythos ist sein Bezug zur aktuellen Politik nicht leicht herzuleiten. Dabei gibt es durchaus Lesarten der Geschichte, die heute politisch und gesellschaftlich relevant sein könnten.[13] So wird der Mythos bisweilen hinsichtlich seiner Geschlechterkonstruktion befragt: Der Raub der Königstochter Europa kann dann als Machtverlust einer Frau verstanden werden, die gewaltsam einem patriarchalen Regime unterworfen wird, das es aus feministischer Perspektive in Europa bis heute zu brechen gilt. Auch die sexuelle Komponente des Mythos, der je nach Interpretation die Geschichte einer Vergewaltigung zum Inhalt haben kann, deutet in diese Richtung eines problematischen Geschlechterverhältnisses.

Die Entstehung und Verbreitung des Europa-Mythos war Teil eines Stierkults, der sich über mehrere vorchristliche Jahrtausende hinweg überregional entwickelte (so etwa in Anatolien, Ägypten und Mesopotamien oder auf den arabischen Golfinseln).[14] Er lässt sich insofern noch ganz anders lesen, nämlich als Warnung vor einem zu engen Europa-Begriff: Denn er berichtet ja von der Verbindung verschiedener Kulturen und auch von dem tief greifenden Einfluss eines (phönizischen) Migrationsprozesses auf die kretische Kultur, die hier stellvertretend für Europa steht. Diese Dimension des Mythos hält eine wichtige Lehre für die Menschen in der postmodernen „Festung Europa“ bereit: Kulturen und kollektive Identitäten sind weder nach innen noch nach außen statisch. Externe Einflüsse müssen insofern nicht immer als Gefahren wahrgenommen werden, sondern beinhalten auch Chancen. Europa findet im Mythos ja erst durch einen (von ihr allerdings zunächst nicht gewünschten, sondern von höheren Mächten geplanten und dann passiv erduldeten) Einwanderungsprozess zu sich selbst. Aus dem Osten kommt Europa in den Westen und schenkt diesem ihren Namen wie auch ihre Kinder. Die Identität Europas, so ließe sich schlussfolgern, war seit jeher in der Vielfältigkeit ihrer/seiner Wurzeln und in der Verbindung verschiedener Kulturen zu suchen. Eine starke, europäische Homogenität suggerierende Ursprungserzählung ist dies nicht – dafür aber eine, die den Anforderungen des 21. Jahrhunderts mit seinen vielfältigen Wanderungsbewegungen, dynamischen Identitäten sowie multikulturellen Spannungsfeldern gerecht wird.[15] Insofern kann der Mythos von Europa und dem Stier auch für den Integrationsprozess der Europäischen Union im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert ein wichtiges Regulativ sein (Abb. 8,  Abb. 9).

Benjamin Drechsel 

Weitere Artikel zu den Themen:


[1] Kreis, Georg. 2004. Mythos Rütli. Geschichte eines Erinnerungsortes. Zürich: Orell Füssli.

[2] Assmann, Jan. 2000. Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Beck (3. Auflage), S. 75.

[3] Beispielsweise bei Barthes, Roland. 2003. Mythen des Alltags. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Auszüge, frz. Original 1957).

[4] Anderson, Benedict. 1983. Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. London: Verso.

[5] Hein-Kircher, Heidi. 2007. „Politische Mythen.“ Aus Politik und Zeitgeschichte 11: S 26–31, hier S. 27.

[6] François, Etienne. 2006. „Auf der Suche nach dem europäischen Gedächtnis.“ In Themenportal Europäische Geschichte, www.europa.clio-online.de/Portals/_Europa/documents/fska/E_2005_FS3-11.pdf (6. Januar 2009).

[7] Kaelble, Hartmut. 2007. Sozialgeschichte Europas 1945 bis zur Gegenwart. Beck: München, S. 273–288.

[8] Ovidius Naso, Publius. 1997. Metamorphosen (lateinisch/deutsch). Stuttgart: Reclam; online ist Ovids Europa-Erzählung z.B. unter gutenberg.spiegel.de (5. Januar 2009).

[9] Schmale, Wolfgang. 2000. Geschichte Europas. Wien: Böhlau, S. 25–27.

[10] Schmale, Wolfgang. 2005. „Visualisierungen Europas. Ein historischer Überblick.“ In Europa-Bilder, hg. v. Vrääth Öhner, Andreas Pribersky und Wolfgang Schmale, S. 13–34. Wien: Studienverlag, hier S. 14. Zu den folgenden Anmerkungen vgl. ebenda.

[11] Schmale, Wolfgang. 2005. „Europapropaganda.“ In Kultur der Propaganda, hg. v. Rainer Gries und Wolfgang Schmale, S. 285–304. Bochum: Winkler, hier S. 302–304.

[12] Europa mit dem Stier erscheint als Blickfang beispielsweise auch auf Chalmers, Damian u.a., Hg. 2006. European Union Law. Text and Materials. Cambridge: University; Le Goff, Jacques. 2003. L’Europe est-elle née au Moyen-Âge? Paris: Seuil; Behringer, Wolfgang, Hg. 1999. Europa. Ein historisches Lesebuch. München: Beck.

[13] Passerini, Luisa. 2003. „Dimensions of the Symbolic in the Construction of Europeanness.“ In Figures d’Europe. Images and Myths of Europe, hg. v. Luisa Passerini, S. 23–33. Brüssel: Lang; Wintle, Michael. 2004. Europa and the Bull, Europe, and European Studies. Visual images as historical source material. Amsterdam: University.

[14] Rice, Michael. 1998. The Power of the Bull. London: Routledge, S. 220–236.

[15] Zur Bandbreite europäischer Identität(en) vgl. etwa die Beiträge in Belafi, Matthias/Krienke, Markus, Hg. 2007. Identitäten in Europa – Europäische Identität. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Europa-Mythos. Bildaufsatz der Ikone „Europa-Mythos“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/europa-mythos.html 

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