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Filmsequenz B: EUTube

Am 29. Juni 2007 hat die Europäische Kommission einen eigenen Kanal auf dem Film- und Videoportal YouTube mit dem Titel EUTube eingerichtet, um die Öffentlichkeit über die Aktivitäten der Europäischen Union zu informieren (www.youtube.com/user/eutube). Die Europäische Union (EU) nutzt die populäre Portalseite, um im Internet mit Filmen und Videos vor allem junge EU-Bürgerinnen und -Bürger auf die Aktivitäten der Gemeinschaft aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck stellt die Kommission Videos zu den wichtigsten Themen bereit, die die EU-BürgerInnen in allen 27 Mitgliedstaaten betreffen, wie etwa Klimawandel, Energie oder Immigration. Auf EUTube gibt es zurzeit Videobeiträge zu den verschiedensten Themen. Die Datenbank enthält Videos zu aktuellen Fragen wie Umweltschutz und Bekämpfung des Klimawandels, zu Jugend, Kultur und Bildung, zur Wirtschaftspolitik oder auch allgemeine Informationen zur Europäischen Union. EUTube gibt es zurzeit in Englisch, Französisch und in Deutsch. Die hauptsächliche Intention dieser Kommunikationsstrategie ist es, den Web-2.0-Userinnen und -Usern Europa in Bild und Ton näherzubringen.[1] Auf EUTube besteht für die Userinnen und -User die Möglichkeit, ihre Videos zur Ansicht auf die Online-Plattform zu stellen, die von anderen kommentiert und empfohlen werden können. So soll der Eindruck einer lebendigen, diskussionsfreudigen Community entstehen, die europäische Werte verinnerlicht hat und sich auch in der Freizeit mit Europathemen beschäftigt. Das kommunikationsstrategische Ziel von EUTube ist dann erfüllt, wenn die EU-BürgerInnen gleichzeitig über sich selbst und Europa sprechen; wenn also Europa untrennbarer Teil von Lebensverhältnissen geworden ist. Ihre strukturelle Wirksamkeit soll EUTube aus dem Umstand beziehen, dass soziale und politische Selbst-, Macht- und Ungleichheitsverhältnisse als Wahrheits- und Evidenzeffekte inszeniert werden sollen (durch die EU-BürgerIinnen), ohne ihren Urheber in Erscheinung treten zu lassen (die EU als Moderator). Allerdings hält sich das partizipatorische Interesse in Grenzen. Innerhalb eines Jahres gibt es bloß knapp über zweihundert Uploads (inklusive Auftragsarbeiten), kaum Kommentare und über den Sommer hat das EU-Videoportal geschlossen („EUTube is going on holidays“).

EUTube besteht jedoch nicht ausschließlich aus usergenerierten Formaten, sondern enthält auch Auftragsarbeiten. Das Videoportal dient also in erster Linie zur Verbreitung von EU-Werbefilmen.

Beispiel eines EUTube-Clips: "Film lovers will love this"

Den Film "Film lovers will love this" finden Sie hier:

Gemessen an der Zuschaueranzahl ist das „erfolgreichste“ Online-Video bei EUTube das Video mit dem Titel Film lovers will love this. Es ist Teil der von der EU finanzierten Filmtetralogie Strong European Emotions und des EU-Programms „Media 2007“. Es entspringt dem vierten Programm zur Förderung des europäischen audiovisuellen Sektors und ist für den Zeitraum 2007–2013 anberaumt.

Film lovers will love this hat dafür gesorgt, dass nicht nur das Video selbst, sondern auch die europäische Filmförderung und die EU-Medienpolitik für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Feuilletonpresse lukrieren konnte. Ein paar Tage nach der Aufführung im Netz schreibt die Online-Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „Stürmisch ziehen sie sich aus, man hört sie stöhnen. Ein Pärchen macht’s im Café, ein anderes ganz klassisch im Bett. Man könnte den Film, der auf EUTube läuft, als Remix der besten Sexszenen aus europäischen Filmen bezeichnen. […] Am Ende erfährt der Zuschauer: ‚Millions of cinema lovers enjoy European films every year.‘ […] Tatsächlich steckt die EU hinter dem Sex-Filmchen – und will damit erklären, dass sie den europäischen Film fördert.“ (Quelle: Spiegel_Online: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,492158,00.html) Und auch die „New York Times“ schreibt am 11. Juli 2007 über das Video: “In less than three weeks, Film lovers will love this!, as the video is teasingly called, has had close to 3.3 million hits. And, yes, it shows Europeans enjoying themselves being European – in bed. In just 44 seconds, it presents flashes of 18 heterosexual and homosexual couples having steamy sex, accompanied by breathless groans and climactic screams. […] More to the point, is EUTube – or indeed YouTube – an effective tool for winning over Europeans to the merits of the European Union?” (Quelle: New York Times, 11.7.2007, www.nytimes.com/2007/07/11/arts/television/11ridi.html)

Film lovers will love this ist vor allem ein strategisches Video, das versucht, mit einer Aneinanderreihung von sexuell expliziten Szenen mediale Aufmerksamkeit zu generieren. Fraglich bleibt aber das Bild, das sich die EU-Kommission vom europäischen Publikum macht. Wollen Filmliebhaber wirklich nur Sexszenen sehen, wenn sie die von der EU geförderten „Qualitätsfilme“ rezipieren? Obwohl diese Frage absurd ist und dem Zuschauerverhalten widerspricht, trägt der Werbefilm zur Aufmerksamkeitssteigerung der EU-Filmförderung den Titel Film lovers will love this. Sowohl Titel als auch Inhalt des Films entsprechen einer degradierenden Sicht des europäischen Filmpublikums und konstruiert einen einseitigen Massengeschmack nach dem Prinzip Sex sell“. Nach der vernichtenden Kritik versuchten die verantwortlichen EUTube-RedakteurInnen, das Video aus dem Verkehr zu ziehen (was freilich im Web 2.0 misslang) und brachten eine pädagogisierende Version mit vielen erklärenden Zwischentiteln heraus – an der Gesamtperspektive wurde aber nichts geändert.

Beispiel EUTube-Clips: Europäische Werte – Kinderleicht

Den Film "Europäische Werte - Kinderleicht" finden Sie hier:

Europäische Werte – Kinderleicht ist ein 74-Sekunden-Werbespot der EU, der GrundschülerInnen europäische Werte wie Frieden, Menschenwürde und gerechte Einkommensverteilung nahebringen will. Der Spot wurde aus Mitteln der „Aktion Europa“, der Verwaltungspartnerschaft zwischen Europäischer Kommission und Bundesregierung, finanziert. Ein Team von fünf StudentInnen der Internationalen Filmschule in Köln hat den Film konzipiert und produziert.

Der Werbespot präsentiert Zehnjährige, die im Stil eines Fernseh-Ratespiels europäische Werte erklären sollen. Dabei werden die Kinder mit einer Stativkamera in einer halbnahen Einstellung aufgenommen. Im Hintergrund sind Symbole der Meinungsvielfalt in Szene gesetzt. Sie zeigen nicht nur die „natürliche“ Umgebung von Kindern in diesem Alter, sondern entfalten eine normalisierende Wirkung auf die im Vordergrund befindlichen Akteurinnen und Akteure, da sie eine scheinbar „ungezwungene“ Interviewsituation anzeigen, in denen sich Kinder so zeigen sollen, wie sie „wirklich“ sind. Die kindlichen Darsteller stehen also in erster Linie für ein „authentisches“ und „unverfälschtes“ Verhalten und sollen somit über die künstliche Interviewsituation hinwegtäuschen. Dabei geht es nicht nur darum, das kindliche Zielpublikum möglichst effektiv zu adressieren, sondern auch darum, die Werte der EU als möglichst verinnerlicht darzustellen.

Das mediale Vorbild dieses Spots ist das US-amerikanische Format Child’s play, das zwischen 1982 und 1983 auf dem Sender CBS lief und von Fritz Egner 1985 für die deutsche Unterhaltungssendung Dingsda übernommen wurde, die nach einer Testsendung im Jahr 1987 ab 1988 regelmäßig im deutschen Fernsehen (ARD) ausgestrahlt wurde. In dieser 45-minütigen Rateshow wurden Ratebegriffe von Kindern umschrieben, die von Prominenten erraten werden mussten. Diese wurden zuvor in Kindergärten und Grundschulen aufgezeichnet und auf einem Großbildschirm den KandidatInnen präsentiert. Wenn einem Kind der gesuchte Begriff herausrutschte, wurde er durch ein hörbares und visuelles Uups überspielt. Dieses Prinzip übernimmt auch Europäische Werte – Kinderleicht und steigert es ins Komische. Der Videospot auf EUTube konstruiert zielgruppenspezifische Identifikationsfiguren. Er informiert nicht nach dem Modell von top-down, sondern simuliert, dass sich die EU-Bürgerinnen und EU-Bürger der Zukunft in ihrer Kindheit mit den Themen der EU befassen (sollen). Die normalisierende Wirkung dieses Peergroup-Lehrfilms zielt letztlich auf eine Verhaltensänderung des Publikums ab, indem er indirekt zur Wertedefinition anregt („Wie würde ich diesen abstrakten Begriff umschreiben?“).

Ramón Reichert


[1]EUtube is a Youtube channel dedicated to the European Union to allow visitors to find out more about a Europe of actions and results.” In European Community. 2009, www.youtube.com/user/eutube.


Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, EUTube. Filmanalysetext zur Filmsequenz B der Ikone „Eu-Europa“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/index.php?id=1865

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