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Filmsequnz A: Eurovision

Einen Ausschnitt der „Eurovisions-Fanfare“ und das aktuelle Eurovisionslogo finden Sie hier:

Die Eurovision steht für den Aufbruch einer europäischen Öffentlichkeit. Bereits im Jahr 1950 wurde eine „europaweite Medienplattform für Rundfunk und Fernsehen“[1], die Union der Europäischen Rundfunkorganisationen (European Broadcasting Union, EBU), gegründet, die im Jahr 1954 die Eurovision zum Austausch von Fernseh- und Hörfunkprogrammen einrichtete. Die Eurovision wurde mit dem Ziel eingerichtet, eine nichtstaatliche Form der europäischen Kooperation im Fernsehbereich zu fördern. Seither konnte sich ein transnationaler Transfer von Fernsehbildern durchsetzen, aber es gelang bis heute nicht, eine gemeinsame Programmproduktion einzurichten. Mit der Institutionalisierung der Eurovision werden bis heute geregelte Austauschbeziehungen von Medienproduktionen und -inhalten etabliert, „es werden im Unterhaltungsbereich – insbesondere beim Fernsehfilm – Koproduktionen realisiert und es gibt eine Reihe von privaten Sendern, deren Sendegebiete verschiedene Bereiche von Europa bzw. ganz Europa umfassen“[2].

Die erste Übertragung der European Broadcasting Union in mehrere Länder erfolgte am 2. Juni 1953 und zeigte die Krönung der britischen Königin Elizabeth II. Kurze Zeit nach dieser ersten Probesendung entschied sich die EBU, das Te Deum des französischen Komponisten Marc-Antoine Charpentier (1643–1704) als offizielle Eurovisionshymne zu verwenden. Das Te Deum (lat.: Te Deum laudamus) ist der Beginn eines feierlichen, lateinischen christlichen Lob-, Dank- und Bittgesangs. Te Deum laudamus, te Dominum confitemur (dt: „Dich, Gott, loben wir, dich Herr, preisen wir“) lautet die erste Zeile des geistlichen Lobgesanges. Diese Erkennungsmelodie wird gemeinhin als „Eurovisionshymne“ oder „Eurovisionsfanfare“ bezeichnet. Das Narzissenfest in Montreux am 6. Juni 1954 war schließlich die erste offizielle Eurovisionssendung. Liveübertragungen der European Broadcasting Union werden seither mit einem visuellen Erkennungszeichen („Eurovisionslogo“) und dem Präludium des Te Deum von Charpentier eingeleitet.

Im Unterschied zu den kleinen Zirkeln der transnationalen kulturellen Öffentlichkeiten hat das Logo der Eurovision erfolgreich zur Verbreitung der neuen europäischen Symbole beigetragen und taucht auch heute noch in unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen als Referenzsymbol auf. Das Logo der Eurovision nimmt Anleihen sowohl bei der christlichen Ikonographie (Strahlenkranz, göttliche Kugel- und Kreisform) als auch bei wissenschaftlich-technischen Bildern (Strahlen stehen für die Funksignale der Fernsehtechnik und das großtechnische System der Eurovision; Antennen symbolisieren die Adressaten und stehen für die Empfangseinrichtungen der nationalen Fernsehstationen).

Die medienpolitische Intention der Einrichtung der Eurovision zielte auf die Herstellung eines einheitlichen, medial vermittelten Kommunikationsraumes.[3] In fernsehtechnischer Hinsicht ist die Eurovision ein großtechnisches Netzwerk für ein Massenpublikum. Auf der Repräsentationsebene wurde es zur Herstellung eines transnationalen Kommunikationsräumes genutzt und trug zur europäischen Verdichtung von Fernsehinhalten bei. So hat etwa die offizielle Eurovisionshymne, die in allen Teilnahmeländern in Echtzeit ausgestrahlt wurde, zur Vereinheitlichung des Sendekonsums (Live-Sendung) beigetragen und eine Vielzahl von gemeinsamen Referenzpunkten für eine europäische Erinnerungskultur geschaffen. Die Eurovisionshymne hat jedoch nicht zur Vereinheitlichung der europäischen Gedächtniskultur geführt, da die sprachlichen und kulturellen Rezeptionskontexte Hymne und Logo auf ihre spezifische Weise interpretiert und umgedeutet haben: Die Europäisierung ist und bleibt ein offener Prozess der Interpretation und Rezeption.

1993 hat sich die European Broadcasting Union mit der Organisation Internationale de Radiodiffusion et de Télévision (OIRT), dem osteuropäischen Gegenpart, vereint und ist weltweit die größte Vereinigung von Rundfunk- und Fernsehanstalten. Ihr Netzwerk umfasst aktuell 74 Rundfunk- und Fernsehanstalten aus 54 Ländern aus Europa, Nordafrika und dem Mittleren Osten. Sie koordiniert in Genf über einen Satellitenkanal den Austausch von Sendeinformationen (Eurovision News, EVN). Zu den bekanntesten Diensten der EBU gilt auch heute noch die Eurovision. Das Eurovision-Netzwerk setzt sich aus über 50 digitalen Fernsehkanälen für Nachrichten und Fernsehprogramme zusammen, die über die Kommunikationssatelliten der Eutelsat ausgestrahlt werden. Die Fernsehübertragungen umfassen eine Vielzahl von Sende- und Medienformaten: Lehr- und Dokumentarfilme, Sportübertragungen, Serien, Koproduktionen sowie den Eurovision Song Contest.

Ramón Reichert


[1] Kaelble. Hartmut. 2007. Sozialgeschichte Europas: 1945 bis zur Gegenwart. München, S. 274
[2] Hepp, Andreas. 2005. „Medienkultur.“ In Globalisierung der Medienkommunikation: Eine Einführung, hg. v. Andreas Hepp, Friedrich Krotz und Carsten Winter, S. 137–164. Wiesbaden, hier: S. 152.
[3] Degenhardt, Wolfgang/Strautz, Elisabeth. 2000. Auf der Suche nach dem europäischen Programm. Die Eurovision 1954–1970. Baden-Baden, S. 7f.


Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Eurovision. Filmanalysetext zur Filmsequenz A der Ikone „Eu-Europa“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/index.php?id=1865

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