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Abb. 7: Das „gemeinsame Haus“

Bildmetapher „Das gemeinsame Haus“, Titelblatt der österreichischen Tageszeitung KURIER, 1.5.2004
aus: Bernhardt, Hadj-Abdou, Liebhart, Pribersky: EUropäische Bildpolitiken. Politische Bildanalyse an Beispielen der EU-Politik.facultas.wuv/UTB 2009, Seite 143

In der Ikonographie EU-Europas prägen Sprachmetaphern die Debatten rund um die Entwicklung und Identitätsbildung EU-Europas. Diese werden vor allem in der massenmedialen Darstellung – als Fotos, Grafiken oder Karikaturen (Exponenten der aktuellen Diskussionslage in öffentlichen Debatten[1]) – aufgegriffen, visuell umgesetzt bzw. mit dazu passenden Bildmotiven versehen.

Zentrale Metapher ist in diesem Kontext das Bildfeld „Haus“: Architektur wird auf den Euroscheinen zur Visualisierung gemeinsamer Werte verwendet, zugleich drücken die verschiedenen Varianten der Metaphorisierung des gemeinsamen EU-Raumes Kerndebatten um EU-Europa-Konzeptionen und Inklusion/Exklusion aus: EU-Mitgliedsstaaten bewohnen das historisch noch von Michail Gorbatschow in Zeiten des Ost-West-Konflikts geprägte „gemeinsame Haus“. Damit wird ein unterschiedlicher Zugang zur EU-europäischen Identitätsbildung zwischen ost- und westeuropäischen Staaten sichtbar, war doch in den frühen 1990er-Jahren die Bedeutung EU-europäischer Identität eng verbunden mit der Abkehr von der staatssozialistischen Vergangenheit. Gemäß dem Motto „Zurück nach Europa“ stellten viele osteuropäische Staaten rasch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Beitrittsanträge, Europa wurde als Synonym für die Mitgliedschaft in der EU und umgekehrt verstanden. Im Zuge des Erweiterungsprozesses wich diese Vorstellung zugunsten einer utilitaristischeren,[2] da Erweiterungskandidaten lange Zeit metaphorisch an die Tür des „gemeinsamen Hauses“ EU klopften – wobei die Tür in diesem Kontext als potenzielle Öffnung verstanden wurde und die EU bestimmte, wann die Tür geöffnet wird und welches Zimmer des gemeinsamen Hauses bezogen werden darf.[3] Das „gemeinsame Haus“ wirkt außerdem als einer der Topoi der Beschreibung EU-europäischer Identität im Spannungsfeld von supranationaler Einheit und nationalstaatlicher Differenzierung.[4] Oder metaphorisch ausgedrückt: Es werden Fragen nach der Zimmerverteilung und den Rechten im „gemeinsamen Haus“ debattiert und diese Sprachbilder visualisiert.

Petra Mayrhofer


[1] Jones, Priska. 2008. „Europa-Karikaturen in Großbritannien.“ In Selbstverständnis und Gesellschaft der Europäer. Aspekte der sozialen und kulturellen Europäisierung im späten 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Hartmut Kaelble und Martin Kirsch, S. 225–251. Frankfurt, hier S. 229.

[2] Vgl. Brusis, Martin. 2003. „Zwischen europäischer und nationaler Identität.“ In Bürgerschaft, Öffentlichkeit und Demokratie in Europa, hg. v. Ansgar Klein u.a., S. 257–275. Opladen, hier S. 257 f.

[3] Hülsse, Rainer. 2003. Metaphern der EU-Erweiterung als Konstruktionen europäischer Identität, Baden-Baden: Nomos-Verlag, hier S. 73 u. 127.

[4] Uhl, Heidemarie. 2004. „EU-Europa als visuelles Narrativ.“ In Kulturrisse 2: S. 38–39, Zugriff Onlinequelle www.demokratiezentrum.org, hier S. 1.

 

 


Zitierempfehlung: Mayrhofer, Petra, Das "gemeinsame Haus". Bildanalysetext zur Abbildung 7 der Ikone „Ikonographie EU-Europas“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/eu-europa/abb7-das-gemeinsame-haus.html

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