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Filmsequenz B: Die absurde Grenze

Die absurde Grenze. Berliner Mauer, 9. 5. 1963 (Österreich 1963)
Produktion: Österreichischer Rundfunk (ORF)
Quelle: Archivmaterial ORF
Sequenz: 00:00 – 01:35

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir diese Filmsequenz nicht mehr online anbieten.

Der für das österreichische Fernsehen gedrehte Auftragsfilm „Die absurde Grenze“ aus dem Jahr 1963 reflektiert die innerdeutsche Grenze mit dem distanzierten Blick eines sekundären Beobachters bzw. einer sekundären Beobachterin. Bereits zu Beginn des Films macht der im Essaystil gedrehte Film explizite Anspielungen auf diesen außenstehenden – dritten – Blick, indem er aus dem szenischen Off die Titelmelodie von Carol Reeds „Der dritte Mann“ anklingen lässt. Das im Titelvorspann ersichtliche Schriftbild überlagert das Brandenburger Tor, das im Bildhintergrund nur mühsam zu entziffern ist. Schriftbild und Titelmusik können in diesem Sinne als Ankündigung für eine programmatische Aneignung der innerdeutschen Grenze als österreichisches Schicksal verstanden werden. So verdeutlicht bereits die erste Szene am Beispiel des von der Volkspolizei erschossenen österreichischen Studenten Dieter Wohlfahrt, dass die von der DDR herbeigeführte Teilung Deutschlands auch für österreichische StaatsbürgerInnen eine Schicksalsmacht darstellt. Über diesen identifikatorischen Einstieg wird versucht, das nationale Publikum zu emotionalisieren.

Zwischen Bild und Ton herrscht eine Asymmetrie, d.h., der Off-Kommentar spricht über Sachverhalte, die gar nicht im Bild zu sehen sind. Rastlose Kameraschwenks versuchen die Statik des Grenzzauns und die Ereignislosigkeit der winterlichen Grenzsituation zu dynamisieren. Weil das Bild dennoch statisch bleibt, verlagert sich die Dramatik in den inszenierten Kommentar, wenn er etwa behauptet: „Die Gewehre sind schussbereit.“ Diese Asymmetrie wird in den folgenden Szenen strikt beibehalten, da es vor allem darum geht, die im Bild enthaltenen Parolen der DDR-Regierung im Ton zu widerlegen und ad absurdum zu führen. Die subversive Thematisierung leistet in diesem Kontext ausschließlich der Off-Kommentar, er hinterfragt das, was im Bild als scheinbar „evident“ und „faktisch“ erscheint, und gibt dadurch dem dokumentierten Bild eine paradoxe und in sich widersprüchliche Wendung. Der faktische Konflikt des Essayfilms spielt sich also in formaler Hinsicht zwischen dem Visuellen und dem Auditiven ab; zwischen diese filmischen Zeichensysteme treibt der Kommentar eine polemische Kluft. Das filmische Bild zeigt etwas, dem man misstrauen muss. Der Kommentar bringt eine subjektive Lektüre in das filmische Geschehen ein und versucht, das Publikum von der Problematik des visuellen Dokuments zu überzeugen (z.B. „Das sind die berüchtigten Vopos“).

Ramón Reichert


 

Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Die absurde Grenze. Filmanalysetext zur Filmsequenz B der Ikone „Eiserner Vorhang“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/eiserner-vorhang/filmsequenz-b-die-absurde-grenze.html

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