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Filmsequenz A: Eine Grenze ohne Eisernen Vorhang

Eine Grenze ohne Eisernen Vorhang (Tschechoslowakei 1990)
Regie: Petr Kudela
Produktion: Krátký film, Česká televize, Praha
Quelle: Krátký Film Praha
Filmstills: A1 10:00:07:00, A2 10:00:49:19, A3 10:01:32:15, A4 10:06:34:09

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir Film-stills dieser Sequenz nicht online anbieten.

Im Fernsehen ausgestrahlte Dokumentarfilmformate über die „Wende“ wie die von Krátký Film (Prag) produzierte TV-Doku „Eine Grenze ohne Eisernen Vorhang“ aus dem Jahr 1990 haben einen bedeutenden Anteil an der Herausbildung, Vermittlung und Konstruktion kulturellen Erinnerns.

Die Eröffnungsszene der tschechoslowakischen Wochenschau „Eine Grenze ohne Eisernen Vorhang“ eröffnet mit einer halbnahen Einstellung, die sich mit einer Bildmetapher auseinandersetzt und den Aufzug eines sogenannten eisernen Vorhangs im Theater demonstriert. Der männliche Off-Kommentar bezeichnet den „Eisernen Vorhang“ als ein hegemoniales Symbol der Teilung Europas und versucht, den ursprünglichen Verwendungskontext dieser Leitvorstellung des Ost-West-Konfliktes zu rekonstruieren:

„Unsere Staatsgrenze bezeichnet nicht nur eine geografische Grenze zwischen der Tschechoslowakei, Deutschland und Österreich, sondern ist gleichermaßen Teil der sozialistischen Außengrenze. Der Eiserne Vorhang besteht heute aus einem 750 km langen Stacheldraht, der Tag und Nacht von bewaffneten Einheiten des Innenministeriums bewacht wird. Es ist die kommunistische Regierung, die mit dem Bau des Eisernen Vorhangs Anfang der 1950er-Jahre begonnen hat.“

In der Folge wird auf der Ebene des Ton-Kommentars ein Gespräch zwischen einem Grenzbeamten, einem Journalisten und einer unmittelbar betroffenen Frau inszeniert (es handelt sich um LaiendarstellerInnen). Der Grenzbeamte schildert aus seiner Perspektive den Bau und die Funktion des Eisernen Vorhangs. Eine zweite männliche Stimme verkörpert einen Journalisten, der die Ära des Eisernen Vorhangs objektivieren soll. Eine dritte Stimme wird von einer älteren Frau gesprochen, die den Part der persönlich betroffenen Zeitzeugin zu mimen hat. Über die Frauenstimme kommuniziert der Film subjektive Erlebnisberichte und Erinnerungsdiskurse.

In den folgenden Einstellungen konstruiert eine mit hoher Brennweite aufgenommene Unschärfe-Schärfe-Relation einen inhaltlichen Zusammenhang. Zuerst wird ein Detail des Eisernen Vorhangs hervorgehoben, welches den Bildvordergrund dominiert. Die anschließende Einstellung fokussiert den Bildhintergrund und zeigt einen Grenzbeamten, der rechts aus dem Bild geht und damit die Szene abschließt. An dieser Stelle des Films meldet sich eine weibliche Stimme aus dem szenischen Off zu Wort und spricht den Satz: „Wir nannten es Konzentrationslager.“ Damit wird dem Topos der persönlichen Erinnerungskultur ein weiblicher Diskurs zugeordnet, welcher der männlich konnotierten Exekutivgewalt diametral gegenübergestellt wird.

Das Erzeugen eines „inneren“ Zusammenhangs von visuellen Elementen (Zaun, männlicher Akteur), Sujets (Grenze) und innerdiegetisch motivierten Handlungen (Bewachen) durch die Unschärfe-Schärfe-Relation ist eine visuelle Technik, die für den sogenannten „Mauerfilm“ in Ost und West prägend geworden ist. Mit der Implementierung der weiblichen Off-Stimme wird ein neuer Gegensatz beschworen: Das Visuelle wird dem männlichen Tätersubjekt (Blick der kontrollierenden Autorität) zugewiesen; das Auditive kommuniziert ein Erinnern, das aus der weiblichen Opferperspektive zur Sprache gebracht wird. Damit erhält die Unschärfe-Schärfe-Relation eine geschlechterpolitische Dimension: Die Unschärfe wird in diesem Fall den Frauen zugeschrieben, die die Subjektivität des eingeschlossenen Opfersubjekts darstellen; die Schärfe wird den Männern zugeschrieben, die mit überwachendem Blick agieren. Somit wird die soziale Realität des „Eisernen Vorhangs“ abgebildet.

Ramón Reichert


Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Eine Grenze ohne Eisernen Vorhang. Filmanalysetext zur Filmsequenz A der Ikone „Eiserner Vorhang“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/eiserner-vorhang/filmsequenz-a-eine-grenze-ohne-eisernen-vorhang.html

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