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Abb. 7: Überquerung des „Einser-Kanals“

Überquerung des „Einser-Kanals“, ungarisch-österreichische Grenze 1956
© AZ-Bildarchiv / Walter Klomfar

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Bis 1975 war die Reisefreiheit zwischen den Systemgrenzen extrem eingeschränkt [1] , eine Ausreise in den Westen nicht möglich, eine Einreise in den Osten wurde nur gegen Vorlage von Devisen gestattet. Erst nach der KSZE-Schlussakte der Konferenz in Helsinki 1975 wurde eine Emigration aus dem Osten aus familiären und humanitären Gründen erlaubt, Ausreisewillige mussten einen diesbezüglichen Antrag stellen, wurden aber als undankbare Feinde des Staates angesehen. [2] Fluchtversuche wurden angesichts der ständigen Modernisierung und Erweiterung der Grenzanlage immer schwieriger, beispielsweise wurden an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn zwischen 1966 und 1988 13.500 Fluchtversuche registriert, lediglich 300 UngarInnen gelang die Flucht. [3] Fluchtversuchen wurde mit stetigem Ausbau und fortlaufender Modernisierung der Grenzanlagen begegnet. Beispielsweise wurde entlang der ungarisch-österreichischen Grenze aufgrund von Versuchen, einen Tunnel unter den elektronischen Zaun zu graben, ab 1975/76 dieser unterirdisch zubetoniert, eine Art „Ungarische Mauer“ entstand. [4]

Als Symbol einer geglückten Überwindung des "Eisernen Vorhangs" gelten die Bilder von der Massenflucht im Zuge des Ungarn-Aufstandes 1956. Am 4. November 1956 setzte eine Massenfluchtbewegung ein, insgesamt kamen rund 200.000 Flüchtlinge nach Österreich. [5] Rund 70.000 Ungarn kamen durch den „Einser-Kanal“, einen schmalen Durchfluss zum Neusiedlersee, in der Nähe des österreichischen Ortes Andau nach Österreich. [6] Über den Einser-Kanal erstreckte sich – noch auf ungarischem Hoheitsgebiet – auch die „Brücke von Andau“, ein Holzgerüst, das am 21. November 1956 von sowjetischer Seite gesprengt wurde, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Der Mythos „Brücke von Andau“ im Sinne eines Tores in die Freiheit korrespondierte mit dem traditionellen Selbstbild der beiden mitteleuropäischen Staaten Ungarn und Österreich im Sinne einer Verbindung zwischen Westen und Osten. [7]

Petra Mayrhofer


[1] Vgl. Becker, Joachim/Komlosy, Andrea. 2004. „Grenzen und Räume – Formen und Wandel. Grenztypen von der Stadtmauer bis zum ,Eisernen Vorhang‘.“ In Grenzen weltweit. Zonen, Linien, Mauern im historischen Vergleich, hg. v. Joachim Becker und Andrea Komlosy, S. 21–55. Wien, hier S. 26.

[2] Aulich, James/Sylvestrová, Marta. 1999. Political Posters in Central and Eastern Europe 1945–95. Signs of the Times. Manchester: Manchester University Press, S. 190 f.

[3] Der Spiegel 19/1989, 08.05.1989, S. 173b–174a, Zugriff via wissen.spiegel.de (1.7.2008)

[4] Lugosi, Jozsef. 2001. „Keine Grenze wie jede andere.“ In Der Eiserne Vorhang. Katalog zur Sonderausstellung, hg. v. Heeresgeschichtlichen Museum, S. 83–95. Wien, hier S. XX.

[5] Liebhart, Karin/Pribersky, Andreas. 2005. „Brücke oder Bollwerk? Grenzland Österreich-Ungarn.“ In Memoria Austriae II, hg. v. Emil Brix, Ernst Bruckmüller und Hannes Stekl, S. 411–442. Wien, hier S. 418.

[6] Krumpöck, Ilse. 2005. „Asiens Atem ist jenseits.“ In Das neue Österreich. Die Ausstellung zum Staatsvertragsjubiläum 1955/2005, S. 219–231. Wien, hier S. 221.

[7] Liebhart, Karin/Pribersky, Andreas. 2005. „Brücke oder Bollwerk? Grenzland Österreich-Ungarn.“ In Memoria Austriae II, hg. v. Emil Brix, Ernst Bruckmüller und Hannes Stekl, S. 411–442. Wien.


 

Zitierempfehlung: Mayrhofer Petra, Überquerung des „Einser-Kanals“. Bildanalysetext zur Abbildung 7 der Ikone „Eiserner Vorhang“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL:http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/eiserner-vorhang/abb7-ueberquerung-des-einser-kanals.html

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