zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Europäisches Bildgedächtnis > Die Friedenstaube 

Die Friedenstaube

Die Taube ist ein altes und mächtiges Symbol.[1] Religions- bzw. kulturgeschichtlich war sie bereits Jahrtausende vor Christus als zeichenhaft aufgeladenes Tier bedeutsam. So gehörte sie beispielsweise zu den ikonographischen Attributen der mesopotamischen Ischtar sowie der griechischen Aphrodite und der römischen Venus: Alle drei Göttinnen standen in enger Verbindung mit Fruchtbarkeit und Liebe. In Literatur und Malerei gelten die Tauben folglich bis heute als Zeichen für Liebe und Weiblichkeit, aber auch als Friedenszeichen. Diese Symbolik hat neben dem heidnischen Venusmotiv durchaus sehr ausgeprägte christliche Wurzeln. Tauben stehen in der europäischen Bildtradition nicht nur zeichenhaft für die Kirche, für die Apostel oder für die Verkündigung des Herrn, d.h. für die göttliche Zeugung Jesu mit der Jungfrau Maria, sondern insbesondere auch stellvertretend für den Heiligen Geist (Abb. 1). Dieser „Spiritus sanctus“ gilt in der christlichen Trinitätslehre neben Vater und Sohn (d.h. Jesus) als dritte Person des dreieinigen Gottes. Die Verbindung der Taube mit dem Geist ist dabei keine Erfindung der europäischen Malerei, vielmehr gibt es diesen Konnex bereits im Neuen Testament. Im Markus-Evangelium scheint der Geist einer Taube lediglich ähnlich zu sein: „In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.“ (Mk 1,9–10; ähnlich Mt 3,16)[2] Im Lukas-Evangelium hingegen nimmt er tatsächlich Taubenform an: „Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. Und während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab.“ (Lk 3,21–22)

Im Judentum war die Taubenzucht (ebenso wie im antiken Griechenland und dann im Römischen Reich) bereits seit vorchristlichen Zeiten weit verbreitet. So ist eine weitere Hauptwurzel der christlichen Taubenikonographie im Alten Testament angelegt. Dort findet sich etwa im Buch Levitikus (5,7–11) eine Anleitung zum Taubenopfer und im Hohelied Salomos (1,15; 5,12) werden Augen metaphorisch mit Tauben gleichgesetzt. Bildgeschichtlich am wirkmächtigsten ist diesbezüglich aber vermutlich das Buch Genesis geworden. Es berichtet nämlich von einer Sintflut, die durch Gott verursacht wird, um die Menschen für ihre Bosheit zu bestrafen. Nur Noah (alias Noach) und seine Familie können sich aufgrund einer göttlichen Vorwarnung retten, durch die sie die Zeit gefunden haben, eine Arche zu bauen. Auf diesem schwimmenden Kasten, der legendären Arche Noah, überleben auch zahlreiche Tiere. Denn Gott hat Noah befohlen: „Von allem, was lebt, von allen Wesen aus Fleisch, führe je zwei in die Arche, damit sie mit dir am Leben bleiben; je ein Männchen und ein Weibchen sollen es sein. Von allen Arten der Vögel, von allen Arten des Viehs, von allen Arten der Kriechtiere auf dem Erdboden sollen je zwei zu dir kommen, damit sie am Leben bleiben.“ (Gen 6,20) Die frohe Botschaft vom Ende der Sintflut wird am Ende einer langen Reise schließlich durch die Taube überbracht, welche Noah als Kundschafterin ausgesendet hat: „In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Olivenzweig. Jetzt wusste Noach, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stand.“ (Ebd. 8,11) Die bis heute populäre Ikonographie der Taube mit dem Ölzweig geht also auf diese Bibelstelle zurück.

Gemeinsam mit dem Römischen Reich hat die „Ratte der Lüfte“ Mitteleuropa erobert und ist unterdessen global in menschlichen Siedlungen verbreitet. Dabei hat die Züchtung von Rassetauben unterschiedlichste Kopfformen, Federkleider und Farben hervorgebracht. Aufgrund natürlicher Mutationen tauchen dabei immer wieder auch weiße Tauben auf, die zudem schon in vorchristlichen Zeiten eigens gezüchtet wurden. Die weiße Taube darf heute als das politisch-ikonographische Friedenssymbol schlechthin gelten. Eine Verbindung des Vogels mit dem Versöhnungsgedanken lässt sich beispielsweise schon im Alten Testament konstruieren: Die oben erwähnte Sintflut im Buch Genesis mündet schließlich in einen Friedensschluss zwischen Gott und den Menschen, nachdem die Taube mit dem Ölzweig (ebenfalls ein altes Symbol des Friedens) zurückgekehrt ist. Diente sie also lange Zeit insbesondere als religiös konnotiertes Symbol, so ist die Friedenstaube spätestens seit der Frühen Neuzeit auch in der politischen Ikonographie fest etabliert. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an ihrer außergewöhnlichen Präsenz in den technisch reproduzierbaren Bilderwelten der Moderne hat der Spanier Pablo Ruiz Picasso (Abb. 2, Abb. 3). Dieser Künstler griff im Laufe seines bewegten Lebens (1881–1973) in Malereien, Grafiken und Skulpturen unterschiedlichste Stile auf, verarbeitete und prägte sie. Picasso war lange Zeit Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. So sind viele Werke des Spaniers explizit politischer Natur und werden auch entsprechend rezipiert. Beispielsweise gab es 1953 in Frankreich heftige Debatten um ein Stalinporträt, das Picasso anlässlich des Todes des sowjetischen Diktators angefertigt und veröffentlicht hatte. Ungleich bekannter als diese Kohlezeichnung ist bis heute das 1937 entstandene Gemälde „Guernica“ Dieses monumentale Werk war ein Kommentar zum Spanischen Bürgerkrieg , dessen Schrecken es in eine christlich inspirierte Bildsymbolik aus splitternden Formen und expressiven Pathosformeln übersetzte. „Guernica“ gilt heute als Schlüsselbild des europäischen, aber auch globalen Pazifismus im 20. Jahrhundert. Dazu zählt auch ein weiteres, zwölf Jahre später entstandenes Werk aus der Hand Picassos. In diesem Falle handelt es sich um ein Plakat, das anlässlich des „Weltkongresses der Friedenskämpfer“ in Paris 1949 gedruckt wurde (Abb. 2).[3] Das Bildmotiv über dem Schriftzug „CONGRÈS MONDIAL DES PARTISANS DE LA PAIX“ zeigt eine weiße Taube; es war bereits am 9. Januar 1949 als Tuschemalerei aus einer Lithographieserie entstanden. Picasso lebte zu diesem Zeitpunkt schon sehr lange in Frankreich und war seit mehreren Jahren Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei, woraus sich sein Engagement für den kommunistisch bestimmten Friedenskongress erklärte. Dieser fand von 20. bis 25. April 1949 im Pariser „Salle Pleyel“ statt und richtete seine Propaganda insbesondere gegen die Atommacht USA. Die Friedenstaube wurde dabei (ähnlich wie das oben erwähnte Stalinporträt) sofort zum Gegenstand politischer Kommentare und Karikaturen in diversen Massenmedien. Für einen in England geplanten Weltfriedenskongress im Folgejahr kreierte Picasso erneut ein Plakatmotiv, „Die Taube im Flug“. Weitere Versionen einer „Regenbogen-Taube“ bzw. einer „atomisierten Taube“ entwarf der Künstler dann im Zusammenhang mit dem Wiener Friedenskongress von 1952. Aber auch später noch entstanden Taubenbilder Picassos, so etwa ein Werk aus dem Jahr 1961, das er für die französische Friedensbewegung entwarf (Abb. 3). Darauf ist der Vogel lediglich durch eine Umrisslinie gekennzeichnet und trägt den alttestamentarischen Ölzweig im Schnabel: Gerade dieses schlichte Motiv wird heute von PazifistInnen gerne als „die“ Friedenstaube Picassos ins Bild gesetzt [http://www.kidsweb.de/friedenstaube/meinungen.html]. Auch vor Picasso waren schon Friedenstauben gemalt worden. Doch Picassos Vogelbilder haben die politische Ikonographie des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt, indem er die Taube fest im kommunistischen Zeichenrepertoire etablierte: Trotz ihrer christlichen Wurzeln war die Taube nun auch in der atheistischen Ikonographie marxistischer und anderer linker Bewegungen angekommen. Reproduktionen und Variationen von „Friedenstauben“ gehörten in der Zeit des Ost-West-Konflikts denn auch wie selbstverständlich zur offiziellen Bildersprache des osteuropäischen Staatssozialismus (Abb. 4).

Die Taube war als Symbol nie auf Europa beschränkt, wenngleich die mit ihr verbundene Bildersprache (wie gezeigt) tief in der christlichen Ikonographie verwurzelt ist. Die Friedenstaube ist heute ein global verständliches Zeichen. Sie wird auch keineswegs nur von christlichen und kommunistischen Gruppierungen ins Bild gesetzt, sondern von zahlreichen unterschiedlich motivierten Bewegungen als Zeichen in Anspruch genommen (Abb. 5, Abb. 6). Der finnische Grafiker, der Mitte der 1970er-Jahre eines der bis heute weltweit wohl am meisten verbreiteten Friedenstauben-Motive stilisiert hat – eine weiße Taube mit gespaltenem Schwanz auf blauem Grund (Abb. 5, Abb. 7, Abb. 8) –, ist dabei zwar längst nicht so berühmt geworden wie sein Vorgänger Picasso.[4] Aber die Taubensymbolik bleibt weiter aktuell: Selbst für die jüngeren Bemühungen um die Stärkung einer gemeinsamen europäischen Identität ist sie (indirekt) wichtig geworden. Denn die Philosophen Jacques Derrida und Jürgen Habermas stilisierten im Mai 2003 die Proteste gegen den Irakkrieg zum Gründungsmythos der europäischen Öffentlichkeit: Als Anlass diente ihnen der „15. Februar 2003, als die demonstrierenden Massen in London und Rom, Madrid und Barcelona, Berlin und Paris auf diesen Handstreich reagierten. Die Gleichzeitigkeit dieser überwältigenden Demonstrationen – der größten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges – könnte rückblickend als Signal für die Geburt einer europäischen Öffentlichkeit in die Geschichtsbücher eingehen.“[5] In der Bildersprache dieser (keineswegs nur europäischen) Protestbewegung zeigte sich einmal mehr die überragende Bedeutung der Friedenstaube (Abb. 7) – während der damals amtierende US-Präsident George W. Bush in Verbindung mit dem Sternenbanner der Vereinigten Staaten zum zentralen Feindbild avancierte, fungierten Flugzeuge, Bomben oder der amerikanische Adler als negativ konnotierte Gegenbilder der weißen Taube. Diese Bildproduktion wurde im digitalen Zeitalter allerdings nicht von einem künstlerischen Genie wie Picasso dominiert: Vielmehr entwickelte sich eine visuelle Massenkultur, die sehr stark von der Schnelllebigkeit des Internets geprägt war. Umso bemerkenswerter scheint die Tatsache, dass das uralte Symbol der Taube auch in den postmodernen Bildproduktionen weiterhin von Bedeutung war[6] [www.friedenstaube.at; www.inidia.de/friedenstaube.htm]. Viele der Demonstrierenden, aber beispielsweise auch der Papst, setzten im Frühjahr 2003 weiterhin auf die Bildmacht des weißen Vogels, als die zunächst erwartete und dann tatsächlich ausgeführte Attacke einer internationalen Koalition unter Führung der USA auf den Irak europa- und weltweit die Massenmedien beherrschte (Abb. 9). Ein anderes wichtiges Symbol der Anti-Kriegs-Demonstrationen bildete übrigens die Regenbogenfahne mit der Aufschrift „PACE“ (Italienisch für „Frieden“) (Abb. 10).

Benjamin Drechsel


[1] Zur kulturgeschichtlichen Entwicklung der Taube vgl. Haag-Wackernagel, Daniel. 1998. Die Taube – Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin zur Straßentaube. Basel: Schwabe.

[2] Alle Bibelstellen zitiert nach der Einheitsübersetzung der Bibel von 1980 (Stuttgart, Katholische Bibelanstalt/Herder).

[3] Zu Picassos Friedenstaube wie auch zur allgemeineren politischen Dimension seiner Politik insgesamt vgl. Zwecker, Loel. 2006. Picassos Purpur-Periode 1944–1953. Marburg: Jonas.

[4] Vgl. Schumacher, David. 2006. „,Friedenstaube‘ hat wirklich gelebt.“ In Financial Times Deutschland v. 13. Oktober.

[5] Derrida, Jacques/Habermas, Jürgen. 2003. „Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas.“ In Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 31. Mai. Online-Publikation in Auszügen (letzter Zugriff 10.3.2009)

[6] Vgl. dazu die zahlreichen Bildbeispiele in Mann, James, Hg. 2004. Peace signs: the Anti-War movement illustrated. Zürich: Edition Olms.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Die Friedenstaube. Bildaufsatz der Ikone „Die Friedenstaube“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/die-friedenstaube.html

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org