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Abb. 10: Aufgebahrter Leichnam Johannes Pauls II.

Aufgebahrter Leichnam Johannes Pauls II., Vatikanstadt 6. April 2005
© epa / picturedesk.com

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Johannes Paul II. (1978–2005) hat seinen internationalen politischen Einfluss auf der moralischen Integrität begründet, die ihm persönlich immer wieder attestiert worden ist. Der erste Nicht-Italiener im Papstamt nach Hunderten von Jahren hat diesen hohen ethischen Selbstanspruch nicht zuletzt durch die Inszenierung seines langen Siechtums bis hin zu seinem Tod im April 2005 unterstrichen und sich dabei als „Schmerzensmann“[1] ins Bild gesetzt. Schon das im Jahr 1981 auf ihn verübte Attentat auf dem Petersplatz war wohl ein erster Schritt auf dem Weg dorthin. Denn es wurde zum Anlass für Bildproduktionen, welche die Authentizität der päpstlichen Anliegen unterstrichen: Vom angeschossenen „Opferlamm“ bis zum vergebungsvollen „Heiligen Vater“, der sich bei seinem Besuch im Gefängnis vom Attentäter Mehmet Ali Ağca zweieinhalb Jahre nach der Tat die Hand küssen ließ. Auch in den letzten Jahren und insbesondere in den letzten Tagen seines Lebens stellte die katholische Kirche dank Johannes Paul II. ihre ungebrochene Bildmächtigkeit unter Beweis. Die stetige Spannung, welcher der römische Bischof durch die Doppelung von Mensch und Amt im päpstlichen Körper unterworfen ist, demonstrierte er bis an seine Schmerzgrenze. Legendär ist etwa der Auftritt des Papstes am Ostersonntag 2005 geworden, als er sich im offenen Fenster seines Arbeitszimmers zeigte. Er versuchte vergeblich, zu den Gläubigen draußen zu sprechen, und erteilte der riesigen Menge auf dem Petersplatz dann stumm seinen Segen.[2] Selbst der tote Körper Johannes Pauls II. trat noch in eine visuelle Beziehung zur Öffentlichkeit, als man ihn schräg, also gut sichtbar, tagelang in St. Peter aufbahrte. Unsere Abbildung zeigt den dort drapierten Leichnam am 6. April 2005, also bereits einige Tage nach seinem Tod. Bis zu zehn Stunden warteten viele Tausende Gläubige darauf, Johannes Paul II. die letzte Ehre erweisen zu können und dabei einen Blick auf den toten Papst zu erhaschen. Auch ReligionsvertreterInnen, WürdenträgerInnen und politische Gäste aus über 80 Staaten wie etwa US-Präsident George W. Bush, der deutsche Bundespräsident Horst Köhler oder der italienische Präsident Carlo Azeglio Ciampi kamen in den Vatikan, um Abschied von Johannes Paul II. zu nehmen. Die Dramaturgie des päpstlichen Sterbens zog weltweit Aufmerksamkeit auf sich und auf die katholische Kirche.[3]

Benjamin Drechsel


[1] Dorsch-Jungsberger, Petra. 2008. „Der Schmerzensmann.“ In Das Jahrhundert der Bilder. Band 1: 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 662–669. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

[2] Zur kirchenrechtlichen Relevanz der Stummheit des sterbenden Papstes vgl. Bredekamp, Horst. 2007. „Vom Birett zum Camauro. Zum Zusammenspiel von Kleidung, Körper und Papstwürde.“ In Papsttum und Politik. Eine Institution zwischen geistlicher Gewalt und politischer Macht, hg. v. Tobias Mörschel, S. 75–100. Freiburg: Herder, hier S. 88.

[3] Leggewie, Claus/Lenger, Friedrich. 2006. „Zur Funktion und Geschichte von Medienereignissen.“ In Unvergessliche Augenblicke. Die Inszenierung von Medienereignissen, Ausstellungskatalog hg. v. DFG-Graduiertenkolleg Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, S. 8–15. Frankfurt am Main: Societätsverlag.

 


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Aufgebahrter Leichnam Johannes Pauls II.. Bildanalysetext zur Abbildung 10 der Ikone „Der Papst“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/der-papst/abb10-aufgebahrter-leichnam-johannes-pauls-ii.html

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