zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Europäisches Bildgedächtnis > Denkmale des Holocaust > Abb.1: Denkmal für die ermordeten Juden Europas 

Abb. 1: Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
© AP Images/Markus Schreiber

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir dieses Bild nicht mehr online anbieten.

Am 10. Mai 2005 fand in Berlin die Einweihung des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ statt. Bereits ab Ende der 1980er-Jahre waren die Publizistin Lea Rosh sowie der Historiker Eberhard Jäckel mit einer Bürgerinitiative für die Errichtung eines solchen Erinnerungsortes eingetreten. Doch gestaltete sich das anschließende Verfahren höchst problematisch. Beispielsweise wendete sich der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) Mitte der 1990er-Jahre gegen die Realisierung des im ersten künstlerischen Wettbewerb siegreichen Projektes. Eine Gruppe um die Malerin Christine Jackob-Marks hatte dabei eine monumentale, schräg ansteigende Grabplatte aus Beton vorgesehen. Dort sollten die Namen der Toten eingraviert werden – eine Idee, die sich auf Vorbilder wie das „Vietnam Veterans Memorial“ in Washington, DC, oder die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“ bezog.[1] Der Monumentalismus des Entwurfs zog dann herbe Kritik auf sich und schließlich wurde ein weiterer Wettbewerb veranstaltet. Kanzler Kohl erklärte die Geschichtspolitik in diesem Fall einmal mehr zur Chefsache und nahm im weiteren Verlauf großen Einfluss darauf, dass ein mehrfach modifizierter Vorschlag des US-amerikanischen Architekten Peter Eisenman verwirklicht wurde.[2] Am 25. Juni 1999 segnete schließlich auch der Deutsche Bundestag das Projekt ab. Die symbolische Grundsteinlegung erfolgte am 27. Januar 2000 und anschließend entstand auf dem knapp 20.000 Quadratmeter großen Grundstück das hier auf einer Agenturfotografie aus dem Jahr 2005 zu sehende monumentale Stelenfeld. Die BesucherInnen sind bei dessen Begehung auf sich selbst zurückgeworfen, denn zwischen den Betonpfeilern ist zu wenig Platz, um in Gruppen hindurchzugehen. Die unterschiedliche Höhe der Stelen hat zur Assoziation eines wogenden Weizenfeldes geführt. Zudem wurden jüdische Friedhöfe als Vorbilder von Eisenmans Werk angeführt. Insgesamt ist die Symbolik des Denkmals allerdings so abstrakt gehalten, dass kein eindeutiger ikonographischer Bezug festgemacht werden kann. Diese semantische Offenheit des Stelenfeldes wird eingehegt durch den sogenannten „Ort der Information“ (http://www.stiftung-denkmal.de/dasdenkmal/ortinformation). Unterirdisch ergänzt er die visuelle und räumliche Wirkung des darüber gelegenen Stelenfeldes, indem er Wissen über die Opfer des Holocaust zur Verfügung stellt (u.a. Zahlen und Namen). Insgesamt steht der Gedächtnisort in Berlin für einen Erinnerungstrend, der sich zusehends von den traditionellen Heroisierungen bzw. Opfererzählungen absetzt. Im Rahmen dieser „negative[n] Erinnerung“ kommt es zur „Auseinandersetzung mit begangenen beziehungsweise zu verantwortenden, nicht mit erlittenen Verbrechen“[3].

Benjamin Drechsel


[1] Die historische Tradition der Namenserinnerung thematisiert in Bezug auf Totenmale Koselleck, Reinhart. Winter 2001/2002. „Transformation der Totenmale im 20. Jahrhundert.“ In 22: S. 59–86.

[2] Als ausführliche Besprechung der geschichtspolitischen Debatten um das Denkmal vgl. Leggewie, Claus/Meyer, Erik. 2005. München: Hanser.

[3] Frei, Norbert/Knigge, Volkhard, Hg. 2002. München: Beck, S. XI.

 


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Bildanalysetext zur Abbildung 1 der Ikone „Denkmale des Holocaust“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/denkmale-des-holocaust/abb1-denkmal-fuer-die-ermordeten-juden-europas.html

 

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org