zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Europäisches Bildgedächtnis > Denkmale des Holocaust 

Denkmale des Holocaust

Fünf Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 10. Mai 2005, fand in Berlin die Einweihung des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ statt. Damit hatte die langwierige Mahnmalsdebatte schließlich doch noch an ein Ziel geführt (Abb. 1). Bereits ab Ende der 1980er-Jahre war eine Initiative für die Errichtung eines solchen Erinnerungsortes eingetreten. Kritik an ihrem Denkmalprojekt bezog sich häufig vor allem auf die damit verbundene Ausblendung weiterer Opfergruppen: Auch diesbezüglich gibt es eine zunehmend ausdifferenzierte europäische Erinnerungskultur samt Gedächtnisorten wie dem Amsterdamer „Homomonument“ (Abb. 2) oder dem Salzburger Mahnmal für Roma und Sinti (Abb. 3). Das Berliner Denkmalprojekt zu den ermordeten Juden und Jüdinnen Europas entwickelte sich allerdings deutlich monumentaler: Vielleicht auch deshalb gestaltete sich das Verfahren zur Findung eines geeigneten Gestaltungsvorschlags für den Gedächtnisort unweit des Brandenburger Tores höchst problematisch. Denn der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) wendete sich Mitte der 1990er-Jahre gegen die Realisierung des im ersten künstlerischen Wettbewerb siegreichen Projektes. Schließlich wurde ein weiterer Wettbewerb veranstaltet. Kanzler Kohl erklärte die Geschichtspolitik in diesem Fall einmal mehr zur Chefsache und nahm im weiteren Verlauf großen Einfluss darauf, dass ein mehrfach modifizierter Vorschlag des US-amerikanischen Architekten Peter Eisenman (anfangs arbeitete er noch in Kooperation mit Richard Serra) verwirklicht wurde.[1] Allerdings segnete am 25. Juni 1999 schließlich auch der unterdessen von SozialdemokratInnen und Grünen dominierte Deutsche Bundestag das Projekt ab. Die symbolische Grundsteinlegung erfolgte am 27. Januar 2000, der tatsächliche Baubeginn verzögerte sich aber noch. In der Folge entstand auf dem knapp 20.000 Quadratmeter großen Grundstück ein monumentales begehbares Stelenfeld. Die BesucherInnen sind bei dessen Begehung auf sich selbst zurückgeworfen, denn zwischen den Betonpfeilern ist zu wenig Platz, um in Gruppen hindurchzugehen. Insgesamt ist die Symbolik des Denkmals so abstrakt gehalten, dass kein eindeutiger ikonographischer Bezug festgemacht werden kann. Diese semantische Offenheit des Stelenfeldes wird eingehegt durch den sogenannten „Ort der Information“ (http://www.stiftung-denkmal.de/dasdenkmal/ortinformation). Unterirdisch ergänzt er die visuelle und räumliche Wirkung des darüber gelegenen Stelenfeldes, indem er Wissen über die Opfer des Holocaust zur Verfügung stellt (u.a. Zahlen und Namen).

Der Begriff „Holocaust“ hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weltweit in verschiedenen Erinnerungskulturen etabliert. Auch das damit verbundene Gedächtnis wurde europäisiert bzw. universalisiert: So ist etwa der 27. Januar als Jahrestag der Befreiung von Auschwitz transnational zu einem Gedenktag erklärt worden.[2] Zwar gibt es bereits seit Jahrzehnten eine Vielzahl von Holocaust-Gedenkstätten und -Memorialen, zu denen unablässig weitere hinzukommen. Das oben beschriebene Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ist jedoch das zentrale Beispiel für einen Erinnerungstrend, der sich seit den 1980er-Jahren zumindest in Westeuropa zusehends von den üblichen nationalen Heroisierungen bzw. Opfererzählungen gelöst und auf ethische Fragen ausgerichtet hat.[3] Im Rahmen dieser „negative[n] Erinnerung“ kommt es zur „Auseinandersetzung mit begangenen beziehungsweise zu verantwortenden, nicht mit erlittenen Verbrechen“[4]. Das gilt teilweise auch für die Diskussion um ein Denkmal für die ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden. Gemeinsam mit dem oben beschriebenen Berliner Stelenfeld zählt es zu den „Flaggschiff-Projekten […] einer neuen Denkmalkultur für die Opfer des Holocaust“.[5] Zu seiner Vorgeschichte gehört das fünfteilige „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ von Alfred Hrdlicka, das am 24. November 1988 auf dem Albertinaplatz in Wien enthüllt, aber erst 1991 fertiggestellt worden war. Als bekanntestes Element fungiert die Figur eines straßenwaschenden Mannes, eine Anspielung auf die Demütigung der Jüdinnen und Juden im nationalsozialistisch regierten Wien (Abb. 4). Da diese Plastik bisweilen von PassantInnen als Sitzbank missbraucht wurde, ist sie unterdessen mit Stacheldraht bedeckt. Schon die Entstehung dieses Werks war von heftigen Diskussionen begleitet worden. Als der prominente Holocaust-Überlebende Simon Wiesenthal dann Mitte der 1990er-Jahre ein Monument für die ermordeten österreichischen Juden und Jüdinnen forderte, war es insofern schon absehbar, dass auch dieses Projekt für Debatten sorgen würde.[6] Allerdings nahm sich die Stadt Wien (u.a. in Gestalt ihres Bürgermeisters Michael Häupl) rasch der Sache an und der Bund mischte sich nicht, anders als im Rahmen der deutschen Denkmalsetzung, in das Projekt ein. So konnte das von der britischen Künstlerin Rachel Whiteread gestaltete Werk erheblich früher fertiggestellt werden als das Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, obwohl die Debatte darum erst später in Gang gekommen war. Ursprünglich hatte der Initiator Simon Wiesenthal eine Ergänzung von Hrdlickas Werk am Albertinaplatz angedacht, doch schließlich wurde Whitereads Monument auf dem eigens neu gestalteten Judenplatz gegenüber dem Lessing-Denkmal von Siegfried Charoux errichtet und am 25. Oktober 2000 enthüllt (Abb. 5). Bei Ausgrabungen an diesem Ort waren im Vorfeld der Denkmalsetzung Reste der im 15. Jahrhundert bei einem Pogrom zerstörten Or-Sarua-Synagoge gefunden worden. Diese archäologischen Spuren wurden dann in ein eigens geschaffenes Museum vor Ort integriert (http://www.jmw.at/museum/museum-judenplatz/judenplatz-ort-der-erinnerung.html). So macht der Gedächtnisort am Judenplatz heute auf einzigartige Weise verschiedene Zeitschichten des jüdischen Lebens, aber auch des Antijudaismus bzw. des Antisemitismus in Wien sichtbar. Dominant ist dabei Rachel Whitereads Werk. Die Künstlerin hat einen Stahlbetonkubus mit nach außen gedrehten Bibliothekswänden auf den Judenplatz gesetzt; die vollkommen gleichförmigen Bücher weisen zudem allesamt mit den Schnittflächen statt mit den Rücken zum Betrachter/zur Betrachterin. In ihren Maßen orientiert sich die Negativform an Zimmern in angrenzenden Gebäuden. Whitereads „Bibliothek“ versperrt sich einer eindeutigen Lesart, doch verweist sie symbolisch auf die hohe Bedeutung schriftlicher Medien für das „Volk des Buchs“.[7] Der europäische Aspekt der Verbrechen ist dabei insofern präsent, als die Namen der 45 größten Vernichtungsstätten und Konzentrationslager aufgeführt werden, in denen österreichische Jüdinnen und Juden getötet worden sind, darunter Auschwitz, Buchenwald und San Sabba.

Solche Tatorte spielten im frühen Erinnerungsgeschehen zu den Massenmorden eine besonders wichtige Rolle: Teilweise entstanden in den Lagern bereits während der nationalsozialistischen Herrschaft Denkmäler für die Opfer (zum Beispiel die heimlich umgewidmete Drei-Adler-Säule in Majdanek). Nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg hat dann insbesondere der polnische Staat sich darum bemüht, die auf seinem Territorium gelegenen Stätten der Verbrechen als dauerhafte Erinnerungsorte zu bewahren. Majdanek und Auschwitz-Birkenau wurden bald in Gedenkstätten transformiert. Wie etwa auch bei Alfred Hrdlickas bereits erwähntem Wiener „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ aus den 1980er-Jahren ist bei diesen viel früheren polnischen Gedächtnisbemühungen die Unterscheidung zwischen dem Holocaust und anderen Verbrechenszusammenhängen nicht immer sehr deutlich.[8] Vielmehr ordnete man die jüdischen Opfer hier teilweise dem vorherrschenden Muster der Nationalperspektive unter. Die religiöse bzw. vermeintliche rassische Zugehörigkeit eines NS-Opfers war aus dieser Sicht also nicht immer so zentral wie seine Nationalität, denn ein Hauptanliegen war es in vielen Staaten Europas nach dem Krieg offensichtlich, der eigenen Toten zu gedenken, dabei allerdings auch die Angehörigen anderer Nationen nicht zu vergessen. So entstanden etwa in Auschwitz nationale Erinnerungspavillons zum Gedenken an die ermordeten UngarInnen, BelgierInnen, ÖsterreicherInnen sowie Opfer zahlreicher weiterer Nationen. Es gab dort auch einen jüdischen Pavillon, der aber im Zusammenhang mit dem israelischen Sechstagekrieg von 1967 für längere Zeit geschlossen wurde.[9] Erinnerung, so zeigt dieses Beispiel, ist immer von Konflikten und Interessen der Gegenwart überformt. In den staatssozialistischen Diktaturen wurde während der Zeit der Ost-West-Konfrontation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts insofern passend der „rote Winkel“ zu einem zentralen Symbol der NS-Verbrechen.[10] Damit waren in den Lagern politische Gefangene (und das hieß häufig: KommunistInnen) gekennzeichnet worden. In Ostdeutschland entstanden deshalb im Laufe der späten 1940er-Jahre beispielsweise mehrfach Monumente zum Gedenken an das Lager Buchenwald, welche die Symbolik des auf der Spitze stehenden roten Dreiecks aufgriffen.[11] In Auschwitz-Birkenau wiederum führte ein 1957 ausgeschriebener internationaler Wettbewerb zu einem ähnlich unübersichtlichen Verfahren der Denkmalsetzung, wie es dann einige Jahrzehnte später in der Bundesrepublik Deutschland wieder ablaufen sollte. Erst am 16. April 1967 wurde das „Denkmal für die Opfer des Faschismus“ öffentlich präsentiert (Abb. 6). Zentral war dabei ein Steinturm, der bisweilen als Schornstein und damit als direkter Verweis auf die Infrastruktur des Holocaust gedeutet worden ist. Er sollte ursprünglich ohne expliziten politischen Symbolbezug neben einigen niedrigeren Blöcken stehen, die Assoziationen zu Sarkophagen wecken können, wurde dann aber kurzfristig noch durch einen polierten schwarzen Marmorquader mit einem auf der Spitze stehenden Dreieck ergänzt. Obwohl dieser Winkel farblos ausgeführt worden ist, „muss er rot gedacht werden“[12]. Rote Winkel mit „P“ standen in der Zeichensprache der nationalsozialistischen Lager für polnische Gefangene. Zudem dekorierte Ministerpräsident Cyrankiewicz das Denkmal für die Opfer des Faschismus bei der Einweihung mit dem Orden des Grunwałdkreuzes erster Klasse, fügte es also in die nationale Symbolordnung Polens ein.

Auch in anderen ehemals nationalsozialistischen Lagern auf polnischem Territorium wurden in Erinnerung an die dort Getöteten Denkmalsetzungen vorgenommen. In Majdanek schuf der Bildhauer Wiktor Tolkin 1969 ein Mausoleum mit der Asche ermordeter Häftlinge (Abb. 7). Diese Urnenmetaphorik war zuvor beispielsweise auch bei einem nur kurz bestehenden Mahnmal in Auschwitz Mitte der 1950er-Jahre verwendet worden, das Asche von Ermordeten aus verschiedenen Lagern aufgenommen hatte. Zusätzlich zum überkuppelten Mausoleum schuf Tolkin in Majdanek ein Monument, das aufgrund des scheinbaren Missverhältnisses zwischen dem relativ kleinen und zudem ausgehöhlten Unterbau und dem gewaltigen oberen Teil dazu geeignet ist, bei der Rezeption ein Gefühl der Bedrohung auszulösen (Abb. 8).[13] Auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka wiederum schufen Franciszek Duszeńko und Adam Haupt bereits 1964 ein monumentales Trümmerfeld als Holocaust-Denkmal, das ikonographisch an das gut 40 Jahre später eingeweihte Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ (Abb. 1) erinnert.[14] Denn auch hier entsteht der Eindruck einer Komposit-Skulptur, deren Monumentalität aus einer großen Zahl über das Gelände verstreuter plastischer Formen erwächst. 17.000 Steine auf betonierten Flächen erwecken in Treblinka den Anschein eines riesigen jüdischen Friedhofs.[15] Der frühere Verlauf von Gleisen und die Grenzen des Lagers sind eigens markiert. Viele Steine verweisen inschriftlich auf die Herkunft der etwa 800.000 jüdischen Treblinka-Opfer, ein weiterer erinnert seit 1978 an Janus Korczak, den Direktor eines Waisenhauses, der sich dafür entschied, die ihm anvertrauten Kinder nicht alleine nach Treblinka reisen zu lassen. Als herausragendes Element fungiert eine massive, acht Meter hohe Skulptur aus Granit. Ihr Hauptteil gleicht einer gespaltenen Mauer und verweist damit wie viele der später errichteten Holocaust-Denkmäler auf eine fundamentale Erfahrung der Zerstörung und Diskontinuität. Zudem ist auf einer Seite der kappenartigen Spitze eine Menora abgebildet: Der siebenarmige Leuchter verweist an dieser Stelle explizit darauf, dass der Erinnerungsort Treblinka den jüdischen Opfern des Vernichtungslagers gewidmet ist. Die Idee eines Steinfelds zur Erinnerung an den Holocaust wurde 2004 im Übrigen noch einmal im ehemaligen Vernichtungslager Belzec aufgegriffen.

Zu den zentralen Stätten des Holocaust zählten neben den Konzentrations- und Vernichtungslagern auch jene Gettos, in welchen das jüdische Alltagsleben in Vorbereitung der folgenden Deportationen zwangsisoliert wurde. Insbesondere der Überlebenskampf der Menschen im Warschauer Getto wird in (pop-)kulturellen Artefakten bis heute immer wieder massenwirksam thematisiert. Bereits seit 1948 erinnert ein konventionelles Denkmal am historischen Ort an den fünf Jahre zuvor von der SS blutig niedergeschlagenen Aufstand im Warschauer Getto. Schöpfer der „Gedenk-Ikone“[16] war der jüdische Bildhauer Nathan Rapoport. Auch dieses Monument hat seine spezifisch europäische Komponente, wurde es doch in Russland geplant, in Paris ausgeführt und in Polen errichtet, wobei das Material der Stützmauer ursprünglich für ein nationalsozialistisches Denkmal Arno Brekers vorgesehen war und aus Schweden stammt. Zentrales Motiv von Rapoports Werk ist eine Gruppe von sieben Figuren, die aus der Westmauer hervorzubrechen scheinen (Abb. 9). Die typisierten HeldInnen in verschiedenen Lebensaltern sind einerseits über ihre teilweise Nacktheit als schutzlos dargestellt, signalisieren andererseits aber durch ihre Bewaffnung auch, dass sie nicht ohne Weiteres aufgeben werden. Ihre Physiognomien verweisen vielmehr auf eine trotzige Entschlossenheit zum Kampf bis zuletzt. Als dominantes Element der Gruppe fungiert die Figur des Anführers Mordechai Anielewicz, der mit seinem muskulösen Oberkörper, zerschlissener Kleidung und einer Hammer-ähnlichen Handgranate bewusst als proletarischer Held inszeniert ist. Eine Frau im Hintergrund erinnert hingegen durch ihre entblößte Brust an das revolutionäre Pathos des Gemäldes „Die Freiheit führt das Volk an“ von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1830. Rapoports Denkmal, das 1970 zur Kulisse für eine legendäre Entschuldigungsgeste des bundesdeutschen SPD-Kanzlers Willy Brandt wurde, nämlich für dessen sogenannten „Warschauer Kniefall“ [mögliche interne Verlinkung zur Ikone „Kniefall“], zeigt allerdings auf seiner Rückseite noch eine weitere Figurengruppe.[17] In diesem Fall handelt es sich um ein Flachrelief (Abb. 10). Darauf symbolisieren zwölf dicht gedrängte Gestalten die Stämme Israels und zugleich das jüdische Exil. Niedergeschlagen marschieren die MärtyrerInnenfiguren von rechts nach links und bleiben der steinernen (Getto-)Mauer des Denkmals verhaftet, während ihre heroischen Pendants um Anielewicz dynamisch aus dem Stein auszubrechen scheinen. So vereinigt Rapoports Denkmal das Klischee der jüdischen Opfer mit dem Sinnbild eines Heldenmuts, der prägend für das Selbstverständnis des Staates Israel und seiner Armee wurde. Deshalb befindet sich eine modifizierte Kopie des Warschauer Denkmals unterdessen in der Jerusalemer Gedenkstätte „Yad Vashem“.[18]

Die Spaltung der deutschen Nation während des Ost-West-Konflikts wirkte sich auf die erinnerungskulturelle Überformung jener einstigen nationalsozialistischen Konzentrationslager aus, die auf dem Territorium von DDR und Bundesrepublik lagen. So war die nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald ein zentraler Gedächtnisort des SED-Regimes (www.buchenwald.de). Dort wurde allerdings weniger der an dieser Stätte ermordeten Jüdinnen und Juden gedacht – und schon gar nicht der Opfer des sowjetischen Speziallagers, das in Buchenwald später eingerichtet worden war.[19] Vielmehr betrieb die SED-Diktatur eine Heroisierung der politischen Gefangenen aus der NS-Zeit, die mit Fritz Cremers 1954 bis 1958 errichtetem Mahnmal ihren dauerhaften Ausdruck fand (Abb. 11). Diese Figurengruppe stellt verschiedene Bewusstseinshaltungen dar, die von Zweifel und Hoffnungslosigkeit bis hin zur todesmutigen Aufopferung und zum Kampfesschwur reichen: Das Konzentrationslager wird hier im Nachhinein zur Keimzelle der sozialistischen Elite umgedeutet, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, um die Welt ganz im marxistischen Sinne bewusst zu verändern. Deshalb war auch die angebliche Selbstbefreiung der Häftlinge im Jahr 1945 sehr wichtig für den Buchenwald-Mythos der DDR.[20] Cremers Denkmal fungierte gemeinsam mit dem zentralen Turm der Gedenkanlage als Teil einer Art Erlösungspfad. Im 50 Meter hohen „Turm der Freiheit“ wurden Asche und Erde aus anderen Konzentrationslagern verwahrt, er übernahm also die Funktion einer Urne (wie auch das Mausoleum in Majdanek, Abb. 7). Der Erlösungspfad stellte sich als säkularisierte Form christlicher Kreuzwege dar und ersetzte lediglich die religiöse durch eine kommunistische Freiheitsverheißung. Zu der bis heute existierenden Anlage zählt neben Massengräbern und Stelen mit Reliefs auch eine sogenannte „Straße der Nationen“. Hier führen Pylone 18 Nationen an, die durch das Buchenwald-Gedächtnis miteinander verbunden sind. Das ehemalige Lager wurde in der DDR mit großem Aufwand zum Erinnerungsort umgeformt, der dann in den 1990er-Jahren durch die bundesrepublikanische Geschichtspolitik erneut verändert wurde.[21] Das in der Bundesrepublik unweit der bayerischen Landeshauptstadt München gelegene ehemalige Konzentrationslager Dachau wurde hingegen lange Zeit erinnerungskulturell vernachlässigt und zur Unterbringung von Flüchtlingen verwendet (www.kz-gedenkstaette-dachau.de). Dies war allerdings kein Einzelfall: So wurde etwa das in Frankreich gelegene ehemalige nationalsozialistische Konzentrationslager Struthof nach dem Krieg als Strafgefangenenlager genutzt.[22] Zwar kam es in Dachau schon zuvor zu kleineren Denkmalsetzungen. Doch erst 1968, im Jahr der studentischen Revolte, wurde das zentrale Mahnmal des Comité International de Dachau (www.comiteinternationaldachau.com) enthüllt. Die Bronzeplastik des 1944 selbst aus einem Lager in Ungarn entkommenen Künstlers Nandor Glid zeigt in Stacheldraht verstrickte Menschen. Der Draht ist eines der wichtigsten visuellen Symbole des Holocaust (Abb. 12). Extremitäten, Leiber und Draht gehen dabei ineinander über, Köpfe und Hände mit dornenartigen Fingern sind zu Pathosformeln eines schrecklichen Leids verzerrt. An anderen Stellen in Dachau machte sich im Übrigen auch die katholische Prägung der bayerischen Erinnerungskultur bemerkbar.[23] Auf die bereits 1945 aus Spolien (aus anderen Bauteilen wiederverwendete Teile) errichtete Heilig-Kreuz-Kirche des Ex-Häftlings Pater Leonhard Roth folgte 1960 mit der Todesangst-Christi-Kapelle ein Gebäude, dessen Bau vor allem durch den Weihbischof von München und Freising, Johannes Neuhäusler (auch er war ein ehemaliger Dachau-Häftling), vorangetrieben worden war. Ergänzt wurde die Kapelle vier Jahre später durch ein Karmel-Kloster, 1967 durch eine evangelische Sühne- und Versöhnungskirche sowie im gleichen Jahr durch eine jüdische Gedenkstätte.[24]

Wie die vorigen Beispiele bereits gezeigt haben, nehmen die Gedächtnisorte zum Holocaust sehr unterschiedliche erinnerungskulturelle Formate an. So wurde die Geschichte der Anne Frank seit den 1950er-Jahren zum Stoff für Filme, Theaterstücke und Gedenkveranstaltungen. Die Familie des schließlich ermordeten jüdischen Mädchens hatte sich während der deutschen Besatzung über längere Zeit in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt und das Kind hatte dabei ein Tagebuch geführt. Dieses erschien erstmals 1947 öffentlich, verkaufte sich als Taschenbuchausgabe schon in den 1950ern hunderttausendfach, wurde schließlich in Dutzende Sprachen übersetzt und zählt heute zur kanonisierten Weltliteratur.[25] In der Amsterdamer Prinsengracht 263, wo sie sich einst versteckt hielt, wurde 1960 offiziell ein Museum über Anne Frank eröffnet (www.annefrank.org).

Exemplarisch für einen personenbezogenen Gedächtnisort ist auch das Monument, das Dani Karavan für den Philosophen Walter Benjamin errichtet hat (Abb. 13). Es ist in Katalonien unmittelbar an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien in Portbou zu finden. Dort, wo die Pyrenäen ins Mittelmeer übergehen, ist der jüdische Intellektuelle am 26. September 1940 auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung gestorben (vermutlich nahm er sich selbst das Leben aus Furcht vor seiner Auslieferung durch Spanien) und wurde er auch begraben. Gelebt hatte der bildwissenschaftliche Vordenker zuvor unter anderem in Berlin, Bern und Paris. Dani Karavans in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre für Walter Benjamin erbautes Denkmal heißt „Passagen“: Auch dieser Erinnerungsort ist begehbar – in diesem Fall führt ein nach oben offener Korridor aus rostigem Stahl über eine Treppe hinab zum Meer. Am Ende des Weges trägt eine Glasscheibe folgendes Benjamin-Zitat: „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten: Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ An dieser Problemstellung setzt auch das „Stolpersteine“-Projekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig an. Hier steht nicht staatliche Auftragskunst im Vordergrund, sondern eher zivilgesellschaftliches Engagement. Die Stolpersteine erinnern einerseits an verschiedene NS-Opfergruppen, sind andererseits jedoch stets in erster Linie an individuelle Biographien gebunden: Demnig fügt am letzten selbst gewählten Wohnort der Getöteten beschriftete Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir ein. Er hat die Markierungen seit Ende der 1990er-Jahre an europäischen Orten verlegt, so auch in Tschechien, in Ungarn oder in den Niederlanden. Das Projekt hat Kritik auf sich gezogen, weil die Erinnerung hier ganz wörtlich mit den Füßen getreten werden kann. Doch letztlich entsteht dabei aus einer Vielzahl lokaler Erinnerungsorte, die wie kaum ein anderes Denkmal des Holocaust dazu geeignet sind, auf die Alltäglichkeit und geographische Verbreitung der nationalsozialistischen Verbrechen zu verweisen, ein gemeinsamer europäischer Gedächtnisraum (www.stolpersteine.com).

Benjamin Drechsel

Weitere Artikel zu den Themen:


[1] Als ausführliche Besprechung der geschichtspolitischen Debatten um das Denkmal vgl. Leggewie, Claus/Meyer, Erik. 2005. „Ein Ort an den man gerne geht“. Das Holocaust-Mahnmal und die deutsche Geschichtspolitik nach 1989. München: Hanser.

[2] Vgl. François, Etienne. 2008. „Auf der Suche nach den europäischen Erinnerungsorten.“ In Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität, hg. v. Helmut König, Julia Schmidt und Manfred Sicking, S. 85–103. Bielefeld: transcript, hier S. 95.

[3] Uhl, Heidemarie. 2008. „Schuldgedächtnis und Erinnerungsbegehren. Thesen zur europäischen Erinnerungskultur.“ In Transit 35: S. 6–22; Judt, Tony. 1993. „Die Vergangenheit ist ein anderes Land. Politische Mythen im Nachkriegseuropa.“ In Transit 6: S. 87–120.

[4] Frei, Norbert/Knigge, Volkhard, Hg. 2002. Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München: Beck, S. XI.

[5] Uhl, Heidemarie. 2009. „Gedächtnis“ und die Wiederkehr des Denkmals in der Postmoderne. Manuskript.

[6] Vgl. Thünemann, Holger. 2005. Holocaust-Rezeption und Geschichtskultur. Zentrale Holocaust-Denkmäler in der Kontroverse. Ein deutsch-österreichischer Vergleich. Idstein: Schulz-Kirchner.

[7] Zudem spielt es mit der Symbolik eines weiteren Berliner Denkmals, nämlich der „Bibliothek“ (Einweihung 1995) von Micha Ullman am Bebelplatz mit ihren unterirdischen leeren Bücherregalen, die auf die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen verweist.

[8] Vgl. auch Kosmala, Beate. 2004. „Polen. Lange Schatten der Erinnerung: Der Zweite Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 2, hg. v. Monika Flacke, S. 509–530. Mainz: Zabern, hier S. 514.

[9] Young, James E. 1997 (engl. Original 1993).  Formen des Erinnerns. Gedenkstätten des Holocaust. Wien: Passagen, S. 190.

[10] Bredekamp, Horst. 2004. „Bildakte als Zeugnis und Urteil.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 2, hg. v. Monika Flacke, S. 29–66. Mainz: Zabern, hier S. 33, verweist darauf, dass im Ostblock insgesamt (mit Ausnahme Polens) der Holocaust weit weniger zum Gegenstand von Denkmalsetzungen geworden sei als die Opfer aus den Reihen von Partisanenbewegungen und Roter Armee.

[11] Vgl. Knigge, Volkhard. 1998. „Buchenwald.“ In Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995, hg. v. Detlef Hoffmann, S. 92–173. Frankfurt am Main: Campus, hier S. 94–111.

[12] Hoffmann, Detlef. 1998. „Das Gedächtnis der Dinge.“ In Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995, hg. v. Detlef Hoffmann. Frankfurt am Main: Campus, S. 28.

[13] Vgl. Young, James E. 1997 (engl. Original 1993).  Formen des Erinnerns. Gedenkstätten des Holocaust. Wien: Passagen, S. 181f. Ursprünglich wollten die Behörden das Denkmal deshalb mit einem Zaun umgeben.

[14] Vgl. Reichel, Peter. 2005. „Auschwitz.“ In Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl, hg. v. Etienne François und Hagen Schulze, S. 309–331. München: Beck, hier S. 327, der sich sehr kritisch zum Berliner Denkmal äußert.

[15] Vgl. Vree, Frank van. 2005. „The Stones of Treblinka.“ In Neue Staaten – neue Bilder? Visuelle Kultur im Dienst staatlicher Selbstdarstellung in Zentral- und Osteuropa seit 1918, hg. v. Arnold Bartetzky, Marina Dmitrieva und Stefan Troebst, S. 199–208. Wien: Böhlau, hier S. 206.

[16] Young, James E. 1997 (engl. Original 1993).  Formen des Erinnerns. Gedenkstätten des Holocaust. Wien: Passagen, S. 219.

[17] Zur Inszenierung des Kniefalls vgl. Schneider, Christoph. 2006. Der Warschauer Kniefall. Ritual, Ereignis und Erzählung. Konstanz: UVK.

[18] Vgl. Young, James E. 1997 (engl. Original 1988). Beschreiben des Holocaust. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 289.

[19] Buchenwald ist somit ein Ort, der sowohl durch nationalsozialistische als auch durch kommunistische Gewalttaten konnotiert ist, ganz ähnlich wie etwa das ungarische „Haus des Terrors“; vgl. dazu Schmidt, Mária. 2005. „Das Budapester Museum ,Haus des Terrors‘“. In Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, hg. v. Volkhard Knigge und Ulrich Mählert, S. 161–169. Köln: Böhlau.

[20] Vgl. etwa Flacke, Monika/Schmiegelt, Ulrike. 2004. „Aus dem Dunkel zu den Sternen: Ein Staat im Geiste des Antifaschismus.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 1, hg. v. Monika Flacke, S. 173–189. Mainz: Zabern, hier S. 178.

[21] Vgl. Meyer, Erik. 2001. „Geteilte Erinnerung. Geschichtspolitik und politische Kultur am Beispiel der Gedenkstätte Buchenwald.“ In Spiegel der Forschung 1: S. 76–83.

[22] Dazu sowie allgemeiner zum Holocaustgedächtnis in französischen Denkmalsetzungen vgl. Gilzmer, Mechtild. 2007. Denkmäler als Medien der Erinnerungskultur in Frankreich seit 1944. München: Meidenbauer, S. 152–160, 171–184.

[23] Zum Verhältnis von religiöser Symbolik und Holocaust-Erinnerung vgl. Orla-Bukowska, Annamaria. 2002. „Religious Symbols, Political Power: the Cross, the Star of David and Auschwitz-Birkenau.“ In Symbols, Power and Politics, hg. v. Hałas, Elżbieta, S. 145–160. Frankfurt am Main: Peter tLang.

[24] Vgl. Hoffmann, Detlef. 1998. „Dachau.“ In Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995, hg. v. Detlef Hoffmann. Frankfurt am Main: Campus, S. 38–91.

[25] Vgl. Woerner, Gert. 1996. „Anne Frank – Het Achterhuis. Dagboekbrieven 12 Juni 1942 – 1 Aug. 1944.“ In Kindlers neues Literatur-Lexikon. Band 5, hg. v. Walter Jens, S. 764–766. München: Kindler.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Denkmale des Holocaust. Bildaufsatz der Ikone „Denkmale des Holocaust“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/denkmale-des-holocaust.html

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org