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Abb. 8: Queen vor Pietà

Queen vor Pietà, Berlin
© Picture alliance/dpa/dpaweb/Jens Böttner

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Der frühen Bundesrepublik fehlte ein populäres nationales Ehrenmal; zu unspektakulär war die 1964 in Bonn eingeweihte Tafel mit der vagen Formel „Den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft“.[1] In der DDR wurden zwar viele überkommene Kriegerdenkmäler entfernt, doch weihte man dort 1960 jene Neue Wache in Berlin als „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und der beiden Weltkriege“ ein, die zuvor dem Nationalsozialismus als „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges“ gedient hatte.[2] Gegen Ende der 1960er-Jahre wurden eine ewige Flamme sowie Urnen für den unbekannten Soldaten und den unbekannten Widerstandskämpfer in die Neue Wache eingefügt, die schon 1931 zur nationalen Gedächtnisstätte für die Weltkriegstoten geworden war. Nach der deutschen Vereinigung nutzte Bundeskanzler Helmut Kohl seinen Einfluss, um sie im Jahr 1993 als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik zu etablieren. Seither legen dort ausländische Staatsgäste (auf der hier gezeigten Fotografie die britische Königin Elisabeth II.), bundesdeutsche PolitikerInnen oder Opferangehörige ihre Gedenkkränze ab. Sie knüpfen damit an ein Ritual an, das an den Ehrenmälern der unbekannten Soldaten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts regelmäßig von nationalen PolitikerInnen und dann zunehmend auch auf internationaler Ebene vollzogen wurde.[3] Doch die Neue Wache blieb ein konfliktträchtiger Ort: Heftige Debatten entzündeten sich nicht nur an der willkürlichen Vergrößerung einer Pietà-Skulptur von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1937 durch den Bildhauer Harald Haacke. Die christliche Ikonographie der um ihren Sohn trauernden (Gottes-)Mutter wurde teilweise als unangemessen kritisiert, weil sie weltanschaulich nicht neutral war und zudem weibliche Todesopfer ausschloss.[4] Auch die Inschrift wurde beanstandet, weil sie zwischen verschiedenen Gruppen von „OPFERN VON KRIEG UND GEWALTHERRSCHAFT“ keine angemessene Differenzierung vornahm. Deshalb wurde zur Einweihung im November 1993 eine ergänzende Tafel an der Neuen Wache angebracht, die spezifische Opfergruppen (u.a. auch die GegnerInnen des SED-Regimes) explizit aufführt:

„Die Neue Wache ist der Ort der Erinnerung / und des Gedenkens an die Opfer / von Krieg und Gewaltherrschaft. / Wir gedenken / der Völker, die durch Krieg gelitten haben. / Wir gedenken ihrer Bürger, die verfolgt wurden / und ihr Leben verloren. / Wir gedenken der Gefallenen der Weltkriege. / Wir gedenken der Unschuldigen, / die durch Krieg und Folgen des Krieges / in der Heimat, die in Gefangenschaft und / bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind. / Wir gedenken der Millionen ermordeter Juden. / Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma. / Wir gedenken aller, die umgebracht wurden / wegen ihrer Abstammung, ihrer Homosexualität / oder wegen Krankheit oder Schwäche. / Wir gedenken aller Ermordeten, deren Recht auf / Leben geleugnet wurde. / Wir gedenken der Menschen, / die sterben mußten um ihrer religiösen oder / politischen Überzeugungen willen. / Wir gedenken aller, / die Opfer der Gewaltherrschaft wurden / und unschuldig den Tod fanden, / wir gedenken der Frauen und Männer, / die im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft / ihr Leben opferten. / Wir ehren alle, die eher den Tod hinnahmen, / als ihr Gewissen zu beugen. / Wir gedenken der Frauen und Männer, / die verfolgt und ermordet wurden, / weil sie sich totalitärer Diktatur nach 1945 / widersetzt haben.“[5]

Benjamin Drechsel


[1] Zur historisch damit verbundenen jüngeren Debatte um ein Bundeswehr-Ehrenmal vgl. etwa Hettling, Manfred. 2007. „Gefallenengedenken – aber wie? Das angekündigte Ehrenmal für Bundeswehrsoldaten sollte ihren demokratischen Auftrag darstellen.“ In Vorgänge 1: S. 66–75. Online-Publikation unter www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/hettling_bwe.pdf (eingesehen am 11.8.2008).

[2] Einen Kurzüberblick über die wechselvolle Geschichte der Neuen Wache liefert Reichel, Peter. 2005. Schwarz-Rot-Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole seit 1945. München: Beck, S. 144–156; zum Umgang mit Kriegerdenkmälern in Ostdeutschland vgl. Thümmler, Lars-Holger. 2003. „Der Wandel im Umgang mit den Kriegerdenkmälern in den östlichen Bundesländern Deutschlands seit 1990.“ In Jahrbuch für Pädagogik: S. 221–243. Zum Umgang mit NS-Denkmälern nach 1945 vgl. Thamer, Hans-Ulrich. 1997. „Von der Monumentalisierung zur Verdrängung der Geschichte. Nationalsozialistische Denkmalpolitik und die Entnazifizierung von Denkmälern nach 1945.“ In Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik, hg. v. Winfried Speitkamp. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.

[3] Vgl. Giesen, Bernhard. 2004. „Das Tätertrauma der Deutschen. Eine Einleitung.“ In Tätertrauma. Nationale Erinnerungen im öffentlichen Diskurs, hg. v. Bernhard Giesen und Christoph Schneider,  S. 11–53. Konstanz: UVK, hier S. 43.

[4] Vgl. Koselleck, Reinhart. 1998. Zur politischen Ikonologie des gewaltsamen Todes. Ein deutsch-französischer Vergleich. Basel: Schwabe, S. 51–53.

[5] Zitiert nach Puvogel, Ulrike, Hg. 2000. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Band 2. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Online-Publikation unter www.bpb.de/files/AFQX24.pdf, S. 98 (eingesehen am 13.8.2008).

 

 

 


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Queen vor Pietà. Bildanalysetext zur Abbildung 8 der Ikone „Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/denkmaeler-zum-zweiten-weltkrieg/abb8-queen-vor-pieta.html

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