zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Europäisches Bildgedächtnis > Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg 

Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg

Die europäische Denkmallandschaft zum Zweiten Weltkrieg ist vor allem durch lokale, regionale und nationale Gedächtnisbezüge geprägt.[1] Unzählige Ortschaften gedenken ihrer Gefallenen bis heute mit Tafeln, welche deren Namen einzeln verzeichnen, und über den ganzen Kontinent verteilt finden sich Stätten, die den Tod im Dienst des jeweiligen Vaterlandes würdigen. Die gewaltsam zu Tode Gekommenen werden also beispielsweise aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem Staat wie den Niederlanden geehrt. Dort sorgte das 1956 in Amsterdam errichtete „Nationaal Monument“ noch Mitte der 1990er-Jahre für viel Aufregung, als eine deutsche Firma die Restaurierung übernehmen sollte (Abb. 1). Denn der über 20 Meter hohe Obelisk mit Skulpturen und einer Gedenkmauer steht in der niederländischen Erinnerungskultur symbolisch für die Opfer des vom NS-Reich entfesselten Krieges und insbesondere für die Befreiung von der deutschen Besatzung. Wie das Beispiel zeigt, verbindet die Erinnerung an Unrecht und Leid Europa nicht nur miteinander, sondern spaltet es zugleich, weil die unterschiedlichen Perspektiven von SiegerInnen und Besiegten sowie TäterInnen und Opfern auch erinnerungskulturell nachwirken. Die transnationale Dimension des erinnerten Kriegsgeschehens lässt also die Widerstands- und Kriegerdenkmäler nicht unberührt, mögen diese sich auch noch so sehr zum Zweck der inneren Identitätsstiftung nach außen abgrenzen.

Für die Aussagekraft von Denkmälern sind neben der künstlerischen Formensprache auch zahlreiche weitere Kontexte von Bedeutung. Neben der medialen Berichterstattung und öffentlichen Debatten zählt dazu unter anderem auch der jeweilige Standort. Bisweilen sind zwei Nationen schon durch die Situierung eines Ehrenmals besonders intensiv miteinander verbunden – so etwa bei jenen Anlagen, welche die Sowjetunion für die im Kampf gegen den Faschismus Gefallenen der Roten Armee im Treptower Park in Berlin, am Budapester Gellért-Berg oder am Wiener Schwarzenbergplatz errichtet hat.[2] Auch über 60 Jahre nach Kriegsende kann sich die bilaterale Sprengkraft eines solchen Symbols noch erweisen. Dies lehrt das Beispiel einer Bronzestatue in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Das etwa zwei Meter hohe Denkmal stellt einen Rotarmisten dar, dessen gesenkter Kopf die Trauer um gefallene Kameraden anzeigt. Dieser Ehrenbezeugung dient auch der abgenommene Helm, den er in der Rechten hält. Das Sowjetdenkmal wurde bereits 1947 im Zentrum von Tallinn aufgestellt und stand leicht erhöht in einer Nische vor einer steinernen Wand (Abb. 2).[3] Angehörige der russischen Minderheit in Estland legten hier auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR zum 9. Mai, dem sowjetischen Tag des Sieges, Blumen für die gefallenen Soldaten der Roten Armee nieder. In Estland, Lettland und Litauen wird der Sieg der Sowjets über das nationalsozialistisch regierte Deutschland allerdings häufig als Einleitung einer neuerlichen Phase der Okkupation des Baltikums betrachtet. Aus dieser Sicht erschien also auch „Aljoscha“, so hieß die Soldatenfigur im Volksmund, als problematisches Symbol. Im Mai 2006 erklärte der estnische Premierminister Andrus Ansip deshalb, das Denkmal solle entfernt werden. Auf Basis eines entsprechenden Gesetzes wurde der Bronzesoldat schließlich am 27. April 2007 von seinem ursprünglichen Standort entfernt und auf einem Militärfriedhof am Stadtrand wieder aufgestellt. Zudem wurden die in seiner Umgebung begrabenen Rotarmisten in der Folge exhumiert und umgebettet. Viele RussInnen empfanden dieses Vorgehen als Provokation, in Tallinn kam es deshalb zu tagelangen Unruhen mit einem Toten und mehreren Verletzten. Obwohl Russland keine offiziellen Handelssanktionen verhängte, waren die wirtschaftlichen Konsequenzen der symbolpolitischen Umzugsaktion in Estland doch spürbar, da der östliche Nachbar seinen Warenverkehr teilweise umleitete. Auch die estnische Tourismusindustrie hatte Einbußen zu verzeichnen.[4]

Mögen sich die jeweils memorierten Inhalte auch unterscheiden: In ikonographischer und formaler Hinsicht sind die europäischen Kriegerdenkmäler einander häufig ähnlich. Das war im Übrigen schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg so, denn typische bauliche und skulpturale Elemente wie Pyramide, Stele, Obelisk, Sarkophag oder Siegesgöttin kennzeichnen Orte des Totengedenkens bereits seit der Antike. Auch die christliche Bildersprache hat in der „Ikonologie des gewaltsamen Todes“[5] europaweit (und schließlich sogar global) Spuren hinterlassen; beispielsweise in Form von Altären, Engelsfiguren oder Krypten. Während lange Zeit ein dynastischer Totenkult vorherrschte, erwies sich die Demokratisierung der Kriegerdenkmäler seit der Französischen Revolution als dauerhafter europäischer Trend. Ein wichtiges Stilmittel wurde in diesem Zusammenhang die enthierarchisierte namentliche Auflistung von Toten, die sich seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht allmählich durchsetzte. Sinnfällig wurde diese Ausweitung der „Denkmalwürdigkeit“ auch durch die Darstellung von Frauen und Kindern oder in den „Grabmälern des unbekannten Soldaten“, die seit 1920 beispielsweise in London, Paris, Rom, Warschau oder Wien entstanden sind. Sie waren unter anderem eine Folge der modernen Waffentechnik, die im Ersten Weltkrieg dafür gesorgt hatte, dass auf den Schlachtfeldern immer mehr nicht identifizierbare Leichen zurückgeblieben waren. Auch diese wurden nun zum Gegenstand des politischen Totenkults.[6]

Am 11. November 1920, dem feierlich begangenen „Armistice Day“, wurde ein unbekannter Soldat in Westminster Abbey zu Grabe getragen. Zu den damit verbundenen Zeremonien in London zählte auch die Enthüllung eines Monuments durch König George V. Dieses sogenannte „Cenotaph“ in Whitehall war nach Plänen von Sir Edwin Lutyens bereits für die „Peace Parade“ am 19. Juli 1919 aus Holz und Gips gefertigt worden. Wegen seines großen öffentlichen Erfolgs wurde es dann auf Grundlage eines Kabinettsbeschlusses noch einmal errichtet, diesmal aus dauerhaftem Portlandstein [7] (Abb. 3). Kenotaphen sind seit der Antike als Grabmäler für Tote bekannt, die andernorts begraben sind. Ganz in diesem Sinne diente Lutyens’ Werk seither der Erinnerung an die soldatischen Opfer des Ersten Weltkriegs aus Großbritannien bzw. aus dem Commonwealth, denn auf dem schlichten Sockel mit einem ebenso schlichten vertikal emporgezogenen Aufbau (Inschrift: „THE GLORIOUS DEAD“) ruhte ein leerer Steinsarg. George VI. enthüllte dann 1946 eine Inschrift, welche die Toten der Jahre 1939 bis 1945 in die Symbolik des Erinnerungsorts mit einschloss.[8] Das Londoner Kenotaph belegt, dass die Denkmallandschaften beider Weltkriege einander teilweise teilweise überlappen. Bis heute wird dort am „Remembrance Sunday“ zeremoniell der seit 1914 in kriegerischen Auseinandersetzungen Gefallenen gedacht.

Auch der zentrale Wiener Erinnerungsort für die soldatischen Opfer des Zweiten Weltkriegs schließt unübersehbar an die Ikonographie des Ersten Weltkriegs an. In Österreich wird alljährlich am 26. Oktober, dem Nationalfeiertag, in den Gedenkstätten des Äußeren Burgtores der Wiener Hofburg der Opfer des nationalen Freiheitskampfes in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und der Gefallenen beider Weltkriege offiziell gedacht. Die Totenbücher sowie die Inschrift für die 1914 bis 1918 getöteten Angehörigen der k.u.k. Armee wurden beim 1934 geweihten Heldendenkmal mit der liegenden Soldatenskulptur von Wilhelm Frass nach 1945 so ergänzt, dass auch ein Erinnerungsort für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen österreichischen Wehrmachtssoldaten entstand (Abb. 4). Hinzu kam dann zum 20. Jahrestag der nationalen Unabhängigkeitserklärung, also am 27. April 1965, mit dem Weiheraum für die „OPFER IM KAMPFE FÜR ÖSTERREICHS FREIHEIT“ ein deutliches Bekenntnis zum Widerstand gegen das NS-Regime.[9] Eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Verstrickungen in die nationalsozialistischen Verbrechen seit dem sogenannten „Anschluss“ an das Deutsche Reich im Jahr 1938 führte während der 1980er-Jahre zu einer Erweiterung des österreichischen Geschichtsbewusstseins.

Die Soldaten der regulären Armeen kämpften und starben im Zweiten Weltkrieg in aller Regel im Dienst ihres jeweiligen Vaterlands. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn auch die Erinnerung an die gewaltsam zu Tode Gekommenen häufig einer Perspektive verhaftet blieb, welche die je eigene Nation, ihre Leiden und Opfer ins Zentrum der jeweiligen Sinn-Stiftung stellte. Es gab und gibt allerdings stets auch Gegenbeispiele. So wurde bereits 1955 in der österreichischen Steiermark ein kleiner Erinnerungsort geschaffen, der das nationale Paradigma (beinahe) überwand (Abb. 5). Im obersteirischen Kapfenberg, abseits der großen europäischen Metropolen, entstand damals eine Gefallenengedenkstätte als Mahnmal für die „Opfer der Gewalt“.[10] Sieben mit Kreuzen versehene, massive Steinsarkophage bewahren die sterblichen Überreste und auch die Erinnerung an ebenso viele Tote aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs: Zwei von ihnen stammen aus Österreich, je einer aus Deutschland, England, Frankreich, Ungarn und Russland. Zwar dominieren hier die Österreicher noch zahlenmäßig, insgesamt macht die Symbolik des Ortes jedoch deutlich, dass der gewaltsame Tod im Zweiten Weltkrieg ein transnationales Phänomen war.[11] Allerdings läuft eine solch verallgemeinernde Symbolik immer Gefahr, die Vergangenheit ahistorisch zu verklären: Denn TäterInnen und Opfer, Schuld und Leid waren zwischen 1939 und 1945 keineswegs gleichmäßig über Europa verteilt.

Auch der sowjetische Vielvölkerstaat betrieb aufwendige Denkmalinszenierungen für die eigenen Gefallenen.[12] Bis heute gehört ein 1967 eingeweihter Gedenkkomplex in Wolgograd zu den monumentalsten Stätten der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg (http://mamayevhill.volgadmin.ru/). Als leitender Bildhauer fungierte Evgenij V. Vučetič, der in den 1940er-Jahren bereits das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin gebaut hatte. Das Wolgograder Ensemble von Plastiken und Reliefs zieht sich etwa einen Kilometer den durch mehrere Plätze gegliederten Weg zum Mamaev Kurgan hinauf, führt also auf einen Hügel, der bei der Schlacht um Stalingrad von entscheidender Bedeutung gewesen war. Zentrale Elemente dieser großzügig gestalteten Erinnerungslandschaft sind zwei miteinander korrespondierende Plastiken, mit denen Vučetič die Monumentalisierung und Heroisierung des gewaltsamen Todes auf die Spitze getrieben hat. [13] (Abb. 6). Da ist zum einen die 16 Meter hohe Figur eines männlichen Helden, dessen nackter Oberkörper aus dem Felsblock in der Mitte eines runden Wasserbeckens dringt. Das Gesicht des Riesen ist dem Porträt des sowjetischen Marschalls Čujkov nachempfunden und von der grimmigen Entschlossenheit gekennzeichnet, die Waffen in seinen Händen zu gebrauchen. Diese Figur wirkt wie der personifizierte Schutz für die „Mutter Heimat“, die nicht nur insofern den Höhepunkt des gesamten Ensembles bildet, als sie auf der Spitze des Hügels steht. Auch die Größe der Figur, die wahlweise als Siegesgöttin oder als Freiheitsallegorie interpretiert werden kann, sprengt jeden Rahmen: Bis zur Spitze des erhobenen Schwerts misst sie 85 Meter. Ihr Mund ist wie zum Ruf geöffnet, ihre gesamte Körpersprache ermuntert zum Kampf für die Heimat. Diejenigen, die bei der Erfüllung dieser Pflicht gestorben sind, werden auf dem Mamaev Kurgan durch eine Ruhmeshalle geehrt (Abb. 7). Das Wandmosaik führt Tausende Namen von in der Schlacht um Stalingrad gefallenen Rotarmisten auf. In der Saalmitte sorgt die Skulptur einer fackeltragenden Riesenhand für die geeignete Lichtregie bei dieser patriotischen Inszenierung. Durch eine Deckenöffnung scheint die Figur der Mutter Heimat in die Halle zu blicken.

Anders als die sowjetische Siegermacht ging die deutsche Nation nicht nur staatlich geteilt, sondern auch mit einem gebrochenen Verhältnis zu sich selbst aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Der frühen Bundesrepublik fehlte denn auch ein populäres nationales Ehrenmal; zu unspektakulär war die 1964 in Bonn eingeweihte Tafel mit der vagen Formel „Den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft“.[14] In der DDR wurden zwar viele überkommene Kriegerdenkmäler entfernt, doch weihte man dort 1960 die Neue Wache in Berlin als „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und der beiden Weltkriege“ ein, die zuvor dem Nationalsozialismus als „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges“ gedient hatte.[15] Gegen Ende der 1960er-Jahre wurden eine ewige Flamme sowie Urnen für den unbekannten Soldaten und den unbekannten Widerstandskämpfer in die Neue Wache eingefügt, die schon 1931 zur nationalen Gedächtnisstätte für die Weltkriegstoten geworden war. Nach der deutschen Vereinigung nutzte Bundeskanzler Helmut Kohl seinen Einfluss, um diesen vielschichtigen Ort im Jahr 1993 als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik zu etablieren. Heftige Debatten entzündeten sich dabei nicht nur an der willkürlichen Vergrößerung einer Pietà-Skulptur von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1937 durch den Bildhauer Harald Haacke, deren christliche Ikonographie vielfach als unangemessen betrachtet wurde (Abb. 8). Auch die Inschrift wurde kritisiert, weil sie zwischen verschiedenen Gruppen von „OPFERN VON KRIEG UND GEWALTHERRSCHAFT“ keine angemessene Differenzierung vornahm.[16] Deshalb wurde zur Einweihung im November 1993 eine ergänzende Tafel an der Neuen Wache angebracht, die spezifische Opfergruppen explizit aufführte. Das Beispiel zeigt, dass die politische Bedeutung von Erinnerungszeichen immer im Fluss ist.[17]

Öffentliche Denkmäler im traditionellen Sinn erinnern in aller Regel an Personen oder Ereignisse. Doch liefern sie meist Hinweise auf die Umstände ihrer Errichtung und auf das Geschichtsbild ihrer InitiatorInnen. Neben das Erinnern tritt dabei auch das Vergessen: Das führt zu der Frage, welche Aspekte des Zweiten Weltkriegs von bestimmten Gedenkzeichen ausgeblendet werden. Wer gilt als denkmalwürdig, wer hingegen nicht? Am Beispiel der europäischen Krieger- und Widerstandsdenkmäler seit 1945 lässt sich erkennen, wie die blinden Flecken verschiedener Erinnerungslandschaften über Jahrzehnte hinweg immer wieder dem Wandel des Zeitgeistes unterlegen waren.[18] So entstand die Mehrzahl der französischen Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre. Doch es war insbesondere Charles de Gaulle, die einstige Gallionsfigur der Résistance, der in seiner Amtszeit als erster Staatspräsident der V. Republik (1959 bis 1969) einige Denkmäler schaffen ließ oder zumindest beeinflusste, die das kollektive Gedächtnis in Frankreich in der Folge maßgeblich prägten. Nicht nur das Erinnern an die reguläre Armee, sondern insbesondere an Deportationen und Widerstand spielten dabei eine zentrale Rolle.[19] Das 1960 eingeweihte „Mémorial de la France Combattante“ am Mont Valérien war ein lange geplantes Kernstück von de Gaulles Denkmalpolitik. Es erinnerte an die Opfer der deutschen Besatzungszeit aus den Reihen der Résistance und stärkte damit den politischen Mythos um de Gaulle, der zu jener Zeit seine hoch umstrittene Politik des Rückzugs aus Algerien in der Öffentlichkeit sowie im Militär legitimieren musste. Der westlich von Paris gelegene Mont Valérien bot sich dazu an, weil er von den deutschen Besatzern zwischen 1940 und 1944 als Hinrichtungsstätte für Geiseln und WiderstandskämpferInnen gewählt worden war. Die meisten Opfer hatten wohl einen kommunistischen Hintergrund, doch prägte eingangs der 1960er-Jahre die gaullistische Erinnerungskultur den Ort.[20] Typische Elemente sind etwa die Esplanade in Form eines V (für „victoire“, dt.: Sieg) und das monumentale lothringische Kreuz mit einer ewigen Flamme, die an das Grabmal des unbekannten Soldaten am Pariser Triumphbogen erinnert. So wird auch hier die Ikonographie des Ersten Weltkriegs mit der des Zweiten verknüpft. Das lothringische Kreuz steht zudem symbolisch für die Einheit de Gaulles und Frankreichs. Neben dieser Skulptur führen zwei Tore in einer 100 Meter langen Sandsteinmauer in eine Krypta mit andernorts Getöteten sowie zur einstigen Hinrichtungsstätte. [21] (Abb. 9)

Wie in anderen europäischen Staaten auch sind in Frankreich die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, an Deportationen und Widerstand bzw. Kollaboration eng miteinander verknüpft. Komplett als unterirdische Krypta gestaltet wurde das 1962 eingeweihte „Mémorial de la Déportation“ auf der Pariser Ile de la Cité von Georges-Henri Pingusson. Zentral ist dort das Grab eines unbekannten Deportierten mit einer ewigen Flamme, deren Licht von 200.000 Glaslamellen reflektiert wird, welche wiederum symbolisch für alle aus Frankreich Deportierten stehen. Ab den 1970er-Jahren wurde in solchen erinnerungskulturellen Zusammenhängen das Holocaustgedächtnis zunehmend wichtiger.[22] Das war insofern folgerichtig, als ein großer Teil der deportierten Franzosen und Französinnen jüdischer Herkunft war. Das 1994 eingeweihte „Mémorial du Vél d’Hiv“ des Bildhauers Walter Spitzer etwa erinnert an dieses Unrecht aus der Zeit des Vichy-Regimes (zu weiteren europäischen Holocaust-Denkmälern vgl. unseren Aufsatz). Mit der abstrakten Formensprache des „Mémorial de la Déportation“ auf der Ile de la Cité hat das Werk des Auschwitzüberlebenden Spitzer wenig gemein (abstrakte und figürliche Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg hatten seit 1945 stets parallel zueinander Konjunktur). Es bezieht sich konkret auf die größte antisemitische Razzia des Jahres 1942 in Paris.[23] Der geschwungene Unterbau der Figurengruppe erinnert an die Rennbahn des Velodroms, das damals als provisorisches Gefängnis fungierte. Die Auswahl der Bronzefiguren hingegen zeigt an, dass auch Frauen, Kinder und Alte von der Deportation betroffen waren (Abb. 10). Darauf, dass die nationale Leitperspektive auf das gewaltsame Sterben im Zweiten Weltkrieg spätestens seit den 1990er-Jahren zunehmend schwächer wird, deuten auch diverse Denkmalsetzungen für AusländerInnen in der Résistance sowie die Einrichtung eines „Europäischen Zentrums des deportierten Widerstandskämpfers“ („Centre Européen du résistant déporté“, www.struthof.fr/fr/le-centre-europeen) als Informationszentrum und Begegnungsstätte im Jahr 2005. Es ist im Bereich des ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof in den Vogesen gelegen, das als Gedenkort der 1960er-Jahre noch sehr stark der nationalen Perspektive verhaftet war. Auf eine erinnerungskulturelle Transnationalisierung verweist zudem beispielsweise die Gedenkveranstaltung für den 60. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 2004. Ähnliche Veranstaltungen waren in früheren Jahrzehnten noch von nationalen Erinnerungsmustern dominiert worden – nun aber waren neben Tausenden Veteranen auch etwa 20 Staats- und Regierungschefs und -chefinnen verschiedener involvierter Nationen gemeinsam daran beteiligt (Abb. 11).[24] Zu der Zeremonie in Frankreich wurde mit Gerhard Schröder erstmals auch ein deutscher Bundeskanzler eingeladen, sodass die einstmals verfeindeten Parteien die Erinnerungsfeierlichkeiten gemeinsam begingen.

Benjamin Drechsel

Weitere Artikel zu den Themen:


[1] Eine deutliche Abschwächung der Bedeutung der Weltkriegserinnerung für europäische Identitätsfragen im Gegensatz zur diesbezüglich zentralen Holocaust-Erinnerung konstatiert Judt, Tony. 2006. Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Bonn: bpb (engl. Original 2005), S. 934.

[2] Vgl. beispielsweise Pribersky, Andreas. 2007. „Krieg, Befreiung, Freiheit? Bedeutungswandel des sowjetischen Denkmals am Budapester Gellért-Berg von 1947 bis heute.“ In Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich, hg. v. Rudolf Jaworski und Peter Stachel, S. 191–201. Berlin: Frank & Timme.

[3] Vgl. dazu und zum im Folgenden beschriebenen Konflikt die kurze Zusammenfassung von Forssman, Berthold. 2007. „Der Streit um die Sowjetdenkmäler in Osteuropa.“ In eurotopics v. 30.5. Online-Publikation unter http://www.eurotopics.net/de/magazin/kultur-verteilerseite-neu/denkmalstreit_2007_05/debatte_denkmalstreit_2007_05/ (eingesehen am 24.3.2009), dort finden sich auch einige Hinweise zur Berichterstattung in der europäischen Presse.

[4] Vgl. Wolff, Reinhard. 2008. „Estlands Verluste durch russische Sanktionen – Aljoschas teurer Umzug.“ In die tageszeitung v. 26. April. Online-Publikation unter http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/aljoschas-teurer-umzug/?src=SE&cHash=39784ab0ed (eingesehen am 24.3.2009).

[5] Koselleck, Reinhart. 1998. Zur politischen Ikonologie des gewaltsamen Todes. Ein deutsch-französischer Vergleich. Basel: Schwabe. Dort finden sich auch grundsätzliche Anmerkungen zur Formensprache und Demokratisierung der europäischen Kriegerdenkmäler, wobei allerdings der französisch-deutsche Vergleich im Mittelpunkt steht.

[6] Vgl. am Beispiel Frankreichs Ackermann, Volker. 1994. „,Ceux qui sont pieusement morts pour la France …‘ Die Identität des Unbekannten Soldaten.“ In Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, hg. v. Michael Jeismann und Reinhart Koselleck, S. 281–314. München: Fink.

[7] Vgl. Greenberg, Allan. 1989. „Lutyens’s Cenotaph.“ In <cite>The Journal of the Society of Architectural Historians</cite> 48/1: S. 5–23.

[8] Vgl. Boorman, Derek. 2005. A Century of Remembrance. One Hundred Outstanding British War Memorials. Barnsley: Pen & Sword, S. 22f; dort ist auch eine Fotografie des Sargs mit dem unbekannten Soldaten am Kenotaph abgebildet.

[9] Zur Geschichte der Erinnerungslandschaft am Heldenplatz vgl. Stachel, Peter. 2002. Mythos Heldenplatz. Wien: Pichler; als kurze Zusammenfassung vgl. Stachel, Peter. o.J. Der Heldenplatz als österreichischer Gedächtnisort. Online-Publikation unter www.oeaw.ac.at/kkt/mitarbeit/sta/heldenplatz_d.html (eingesehen am 7.8.2008); dort finden sich auch weitere Literaturverweise.

[10] Vgl. dazu Perz, Bertrand/Uhl, Heidemarie. 2004. „Gedächtnis-Orte im ,Kampf um die Erinnerung‘. Gedenkstätten für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges und für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ In Memoria Austriae I. Menschen, Mythen, Zeiten, hg. v. Emil Brix, Ernst Bruckmüller und Hans Stekl, S. 545–579. Wien: Verlag für Geschichte und Politik, hier S. 552.

[11] Ein weiteres Beispiel für eine universalisierende Adressierung der Weltkriegstoten durch ein eher peripheres Denkmal beschreibt beispielsweise Schneider, Gerhard. 1999. „Kriegerdenkmäler als Geschichtsquellen – Didaktisch-methodische Bemerkungen zum Unterricht im 9. bis 13. Schuljahr.“ In Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, hg. v. Hans-Jürgen Pandel und Gerhard Schneider, S. 525–579. Schwalbach: Wochenschau, hier S. 536f.

[12] Folgt man Bredekamp, Horst. 2004. „Bildakte als Zeugnis und Urteil.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 1, hg. v. Monika Flacke, S. 29–66. Mainz: Zabern, hier S. 33f, so war die Erinnerung an Rotarmisten und WiderstandskämpferInnen ein verbindendes Element in den Ostblock-Denkmälern zum Zweiten Weltkrieg.

[13] Zu diesen und weiteren Elementen des Ensembles vgl. Arnold, Sabine R. 1994. „,Das Beispiel der Heldenstadt wird ewig die Herzen der Völker erfüllen!‘ Gedanken zum sowjetischen Totenkult am Beispiel des Gedenkkomplexes in Volgograd.“ In Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, hg. v. Michael Jeismann und Reinhart Koselleck, S. 351–374. München: Fink.

[14] Zur historisch damit verbundenen jüngeren Debatte um ein Bundeswehr-Ehrenmal vgl. etwa Hettling, Manfred. 2007. „Gefallenengedenken – aber wie? Das angekündigte Ehrenmal für Bundeswehrsoldaten sollte ihren demokratischen Auftrag darstellen.“ In Vorgänge 1: S. 66–75. Online-Publikation unter http://www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/hettling_bwe.pdf (eingesehen am 11.8.2008).

[15] Einen Kurzüberblick über die wechselvolle Geschichte der Neuen Wache liefert Reichel, Peter. 2005. Schwarz-Rot-Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole seit 1945. München: Beck, S. 144–156. Zum Umgang mit Kriegerdenkmälern in Ostdeutschland vgl. Thümmler, Lars-Holger. 2003. „Der Wandel im Umgang mit den Kriegerdenkmälern in den östlichen Bundesländern Deutschlands seit 1990.“ In Jahrbuch für Pädagogik: S. 221–243.

[16] Vgl. Puvogel, Ulrike, Hg. 2000. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Band 2. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Online-Publikation unter http://www.bpb.de/files/AFQX24.pdf, S. 98 (eingesehen am 13.8.2008).

[17] Vgl. dazu die grundlegenden Bemerkungen bei Koselleck, Reinhart. 1979. Kriegerdenkmale als Identitätsstiftungen der Überlebenden. München: Fink, 1979, S. 255–276.

[18] Zu den folgenden Ausführungen vgl. Gilzmer, Mechtild. 2007. Denkmäler als Medien der Erinnerungskultur in Frankreich seit 1944. München: Meidenbauer.

[19] Analog verherrlichen osteuropäische Denkmäler häufig die jeweiligen Partisanengruppen.

[20] Denkmäler zum kommunistischen Widerstand prägten insbesondere die Erinnerungslandschaften Osteuropas. Ein typisches Beispiel dafür bietet die Entwicklung des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald als nationale Mahn- und Gedenkstätte in der DDR; vgl. Knigge, Volkhard. 1998. „Buchenwald.“ In Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler 1945–1995, hg. v. Detlef Hoffmann, S. 92–173. Frankfurt am Main: Campus.

[21] Die Erinnerungslandschaft am Mont Valérien wurde 2002 noch durch eine Glocke ergänzt, welche die Namen der dort Getöteten aufführt.

[22] In Paris wurde schließlich im Januar 2005 das Holocaust-Museum „Mémorial de la Shoah“ eröffnet, das ältere Erinnerungsbemühungen koppelte (vgl. www.memorialdelashoah.org/).

[23] Ein Jahr später, am 16. Juli 1995, hielt der französische Staatspräsident Jacques Chirac eine viel beachtete Rede, in der er auf die Verstrickungen der französischen Polizei in dieses Ereignis einging; deren Wortlaut findet sich unter www.elysee.fr (eingesehen am 24.3.2009).

[24] Vgl. François, Etienne. 2008. „Auf der Suche nach den europäischen Erinnerungsorten.“ In Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität, hg. v. Helmut König, Julia Schmidt und Manfred Sicking, S. 85–103. Bielefeld: transcript, hier S. 95.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg. Bildaufsatz der Ikone „Denkmäler zum Zweiten Weltkrieg“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/denkmaeler-zum-zweiten-weltkrieg.html 

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

 

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org