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Abb. 3: Torhaus Auschwitz-Birkenau, 1945

Torhaus Auschwitz-Birkenau, Februar/März 1945
© Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz / Stanislaw Mucha

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir dieses Bild nicht mehr online anbieten.

Der Name „Auschwitz“ steht symbolisch für die Verbrechen des NS-Regimes und seiner Verbündeten.[1] Eine ganz ähnliche Symbolwirkung entfaltet auch die hier gezeigte Fotografie des Lagertors von Auschwitz-Birkenau, wie Christoph Hamann deutlich gemacht hat.[2] Zu ihrer Vorgeschichte gehört die Befreiung der Häftlinge des Lagerkomplexes am 27. Januar 1945 durch Soldaten der 60. Armee der Ersten Ukrainischen Front. Der polnische Fotograf Stanisław Mucha fertigte im Februar und März 1945 im Auftrag der sowjetischen Untersuchungskommission zu den NS-Verbrechen eine fotografische Dokumentation des befreiten Vernichtungslagers an. Auf den ersten Blick scheint dieser dokumentarische Charakter auch sein berühmt gewordenes Schlüsselbild zu dominieren: Dessen oberes Drittel wird vom seit 1943 entstandenen Torhaus zum Lager Auschwitz-Birkenau mit seinem Mittelturm und den direkt anschließenden Seitenflügeln eingenommen. Das Querformat des Bildes ist so angelegt, dass der Gebäuderiegel jeweils ein winziges Stück vor dem linken und rechten Rand endet. Im unteren Teil des Turms befindet sich eine Toröffnung, auf welche die Bahngleise im Vordergrund des Bild zulaufen. Kurz vor diesem Fluchtpunkt der Bildkomposition vereinigen sich drei Schienenstränge und führen durch die Öffnung in den ansonsten durch die Architektur abgeriegelten Bildhintergrund.[3] Lediglich durch die Toröffnung des Turms sowie hinter einer weiteren Öffnung in einem der Gebäudeflügel sind schemenhaft kaum näher zu bestimmende Objekte zu sehen. Das vordere Bilddrittel, aus dem die Schienen rahmensprengend hervorbrechen, wird von chaotisch verstreuten Gegenständen eingenommen, die sich mühsam als Geschirr identifizieren lassen. Wie die gesamte menschenleere Szenerie, so sind auch diese Schüsseln leicht von Schnee bestäubt. Sie verweisen als stumme Zeuginnen auf ihre ehemaligen BesitzerInnen und damit auch auf das diesen zugefügte Leid. Obwohl das Bildmotiv in einem dokumentarischen Zusammenhang entstanden ist, entfaltet es eine enorme Suggestivwirkung: „Es trieb den industrialisierten Massenmord dadurch auf eine symbolische Spitze, dass es ihn mit der Sphäre des Warenumschlages und der schneebedeckten Kälte der Gleise verband.“[4] Kompositionell übt das Lagertor Auschwitz-Birkenau hier gleichsam einen visuellen Sog aus, der über die sich vereinigenden Bahngleise in die Durchfahrt und damit scheinbar in das Lager führt. Muchas Fotografie ist denn auch immer wieder so interpretiert worden, als sei sie von außerhalb des Lagers aufgenommen worden. In dieser Lesart verweist das Symbolbild auf die unterschiedlichen und verzweigten Wege des Holocaust, die schließlich allesamt im Vernichtungslager enden. Faktisch hat der Fotograf das Bild zwar aus dem Inneren des Lagers aufgenommen, wie Christoph Hamann betont.[5] Die Komposition suggeriert jedoch das Gegenteil: Das Lagertor Auschwitz-Birkenau wird auf Muchas Fotografie zur Einfahrt in die „Hölle von Auschwitz“[6] stilisiert.

Benjamin Drechsel


 

[1] Dabei betont Reichel, Peter. 2005. „Auschwitz.“ In Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl, hg. v. Etienne François und Hagen Schulze, S. 309–331. München: Beck, S. 309, dass der Begriff „Auschwitz“ weniger abstrakt sei als etwa „Holocaust“ oder „Shoah“.

 

 

 

[2] Die folgenden Ausführungen sind eng bezogen auf die wichtigen Überlegungen von Hamann, Christoph. 2006. „Fluchtpunkt Birkenau. Stanislaw Muchas Foto vom Torhaus Auschwitz-Birkenau (1945).“ In Visual History. Ein Studienbuch, hg. v.Gerhard Paul, S. 283–302. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Problematisch ist dessen Argumentation allerdings, weil sie sich auf eine seitlich beschnittene Fotografie stützt.

 

 

 

[3] Zur kulturellen Erinnerungswirkung des Motivs vgl. beispielhaft den autobiografischen Roman Grimbert, Philippe. 2006. Ein Geheimnis. Frankfurt am Main: Suhrkamp (frz. Original 2004), S. 125: „Der dunkle Umriss eines Eingangstors vor hellem Himmel, die schwarzen Gleise, die in den Abgrund führen, haben sich für alle Zeiten ins Gedächtnis eingegraben.“

 

 

 

[4] Bredekamp, Horst. 2004. „Bildakte als Zeugnis und Urteil.“ In Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Band 1, hg. v. Monika Flacke, S. 29–66. Mainz: Philipp von Zabern, hier S. 58.

 

 

 

[5] Vgl. Hamann, Christoph. 2006. „Fluchtpunkt Birkenau. Stanislaw Muchas Foto vom Torhaus Auschwitz-Birkenau (1945).“ In Visual History. Ein Studienbuch, hg. v.Gerhard Paul, S. 283–302. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 291.
[6] Didi-Huberman, Georges. 2007. Bilder trotz allem. München: Fink (frz. Original 2003), S. 15.

 

 

 


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Torhaus Auschwitz-Birkenau, 1945. Bildanalysetext zur Abbildung 3 der Ikone „Auchwitz“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/auschwitz/abb3-torhaus-auschwitz-birkenau-1945.html

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