zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Europäisches Bildgedächtnis > Auschwitz > Abb.10: Bäume in Auschwitz 

Abb. 10: Bäume in Auschwitz

Bäume in Auschwitz, 1944
©Gedenkstätte und Museum Auschwitz-Birkenau

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir dieses Bild nicht mehr online anbieten.

Sichtbare architektonische Überreste, Abbildungen oder visuelle Symbole können und sollen das Grauen von Auschwitz nicht „realistisch“ reproduzieren. Sie können jedoch dabei helfen, den Weg der Erinnerung zu beschreiten bzw. ihn zu verschließen.[1] Deshalb haben die TV-Serie „Holocaust“ oder Spielfilme wie „Schindlers Liste“ und „Das Leben ist schön“ international immer wieder Debatten über die Darstellung des (vermeintlich) nicht Darstellbaren ausgelöst. Aber nicht nur diese aufwendigen und professionell vermarkteten dramatischen Bildinszenierungen sorgen immer wieder für Streit, sondern auch ohne Kontextwissen kaum verständliche Archivbilder sind dazu geeignet, wie das Buch „Bilder trotz allem“ des französischen Kunsthistorikers Georges Didi-Huberman und die damit verbundene internationale Diskussion belegt.[2] Der Autor bezieht sich dabei auf vier Fotografien, die im Sommer 1944 in der Gegend um das sogenannte „Krematorium V“ in Auschwitz entstanden sind (Abb.9). Möglich wurden die Aufnahmen eines griechischen Juden mithilfe eines eingeschmuggelten Fotoapparats. Der Film wurde von der SS-Kantinenangestellten Helena Datón in einer Zahnpastatube aus dem Lager gebracht. Die Bilder gelangten am 4. September 1944 zum polnischen Widerstand. Zwei Motive zeigen Häftlinge des „Sonderkommandos“ (das üblicherweise jene Arbeiten ausführen musste, die im Zusammenhang mit den Massenmorden in den Gaskammern anfielen, so etwa das Beseitigen der Toten) mit brennenden Leichen vor dem Krematorium V. Eines der Bilder zeigt Frauen, die sich auf dem Weg zur Ermordung entkleidet haben. Das vierte, hier zu sehende Motiv wirkt nahezu ungegenständlich und zeigt Baumwipfel. Der Blick auf dieses Bild belegt, welche Macht das jeweilige Kontextwissen im Rahmen einer Bildinterpretation entfalten kann. Mit einem anderem Entstehungshintergrund dürfte die Aufnahme möglicherweise als belanglos gelten. Doch die Tatsache, dass sie der Realität des Vernichtungslagers im Jahr 1944 unter Todesgefahr abgerungen worden ist, lädt sie mit einer enormen symbolischen Kraft auf. Klare Antworten auf historische Fragen wird man hier freilich kaum finden. Doch die „aus dem Lot geratenen“[3] Auschwitz-Bilder fordern immer wieder zum Fragen auf: Wie konnte es geschehen? Warum war es möglich?

Benjamin Drechsel


 

[1] In diesem Sinne schreibt Brink, Cornelia. 1998. Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945. Berlin: Akademie, S. 99 über die Abbildungen aus den befreiten Konzentrationslagern von 1945: „Wie eine Schutzschicht schoben sich die Fotos zwischen die Betrachter und die Wirklichkeit.“

 

 

 

[2] Didi-Huberman, Georges. 2007. Bilder trotz allem. München: Fink (frz. Original 2003). Das Buch ist als Reaktion auf die Kritik an einem Katalogbeitrag des Verfassers entstanden.
[3] Didi-Huberman, Georges. 2007. Bilder trotz allem. München: Fink (frz. Original 2003), S. 31.


 

 

 

 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Bäume in Auschwitz. Bildanalysetext zur Abbildung 10 der Ikone „Auchwitz“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/auschwitz/abb10-baeume-in-auschwitz.htmlCopyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

 

 

 

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org