zur normalen Ansicht

Themen > Europa > Europäisches Bildgedächtnis > Atomzeitalter > Filmsequenz A: Atomwaffe, ZIB I 

Filmsequenz A: Atomwaffe, ZIB I

Atomwaffe (Österreich 1985)
Sendeformat: Zeit im Bild 1, 9.5.1985
Produktion: Österreichischer Rundfunk (ORF)
Quelle: Archivmaterial ORF
Sequenz: 10:31:49:16-10:32:22:08

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir diese Filmsequenz nicht mehr online anbieten.

Seit den US-amerikanischen Atombombenabwürfen auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki sind Atomwaffen ein fester Bestandteil militärischer Machtdemonstration und haben das europäische Bildgedächtnis des Kalten Krieges maßgeblich und nachhaltig geprägt.[1] Amerika hat mit dem Abwurf der Bomben vor allem der Sowjetunion seine Vormachtstellung demonstriert und in der Folge ein atomares Wettrüsten ausgelöst.[2] Seither zählen Atomwaffentests und die öffentliche Zurschaustellung von atomaren Waffen zur ultimativen Machtdemonstration der fünf Atommächte des Kalten Kriegs. USA, Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und China. Das öffentliche Ausstellen der Atomwaffen besitzt sowohl eine Innen- als auch eine Außenwirkung. Der innenpolitische Zeigegestus zielt auf die Herstellung nationaler Identität und militärischer Macht, in außenpolitischer Hinsicht soll das mediale Bild der Atomwaffen in Militärparaden den Anspruch des Staates als militärisch-geostrategischer Global Player kommunizieren.

Am Roten Platz in Moskau inszenierte die Sowjetführung über Jahrzehnte eine monumentale Militärparade zum Jahrestag der deutschen Kapitulation am 9. Mai. Am Nationalfeiertag wurde jedoch nicht nur der Sieg über Nazi-Deutschland und das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs [mögliche interne Verlinkung zur Ikone „Zweiter Weltkrieg“] gefeiert. Die politische Führung nahm die historische Gedenkpolitik zum Anlass, sich selbst vor dem Hintergrund einer militärischen Machtdemonstration zu feiern. Im Großaufgebot von Panzern, Flugzeugen und Raketen waren regelmäßig auch Atomwaffen, mit denen sich die Sowjetunion als eine atomare Weltmacht in Szene setzte.

Der Fernsehbericht der österreichischen Nachrichtensendung Zeit im Bild dokumentiert die Militärparade der UdSSR vom 9. Mai 1985, dem Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands. Der Journalist Otto Hörmann versucht in seinem Off-Kommentar die offizielle Bilddoktrin der Kriegspropaganda zu unterlaufen, indem er den Auftritt der Atomwaffe SS-21 explizit als einseitige Machtdemonstration gegenüber dem Westen interpretiert: „Zur Kenntnis aller westlichen Militärattachés auf dem Platz wurde zum ersten Mal die SS-21 gezeigt[3]. Eine atomare, mobile Boden-Boden-Rakete von kurzer Reichweite, die in der DDR und der CSSR als Antwort auf die NATO-Nachrüstung aufgestellt wurde. Den sowjetischen Fernsehzuschauern wurde nicht gesagt, welche Waffen man zeigte.“ Der ORF erhielt selbst keine Drehgenehmigung für die Militärparade am Roten Platz und durfte nur das vom parteilinientreuen Sowjetfernsehen produzierte Bildmaterial verwenden. Daher musste sich die kritische Lektüre der Militärparade auf den kritischen Kommentar im Bereich der Tonebene verlagern. Der „aufklärerische“ Stil der Tonreportage versorgt die westlichen ZuschauerInnen mit Hintergrundwissen über die strategische Funktion der im Bild gezeigten Atomwaffen. Der Off-Kommentar wird damit zur einer Instanz „westlicher“ Intervention gegenüber der Macht der Bilder, die der decouvrierende Lektüremodus zu unterlaufen versucht.

Ramón Reichert


[1] Paul, Gerhard. 2006. „,Mushroom Clouds‘. Entstehung, Struktur und Funktion einer Medienikone des 20. Jahrhunderts im interkulturellen Vergleich.“ In Visual History. Ein Studienbuch, hg. v. Gerhard Paul, S. 243–264. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; Boyer, Paul. 1994. By the Bomb‘s Early Light: American Thought and Culture at the Dawn of the Atomic Age.

[2] Vgl. Alperovitz, Gar. 1985. Atomic diplomacy: Hiroshima and Potsdam. The Use of the Atomic Bomb and the American Confrontation with Soviet Power. New York, u.a.: Penguin Books.

[3] Die SS–21 Scarab ist eine taktische Boden-Boden-Rakete und gehört zur Klasse der Gefechtsfeld-Kurzstreckenraketen.

 


 

Zitierempfehlung: Reichert, Ramón, Atomwaffe, ZIB I. Filmanalysetext zur Filmsequenz A der Ikone „Atomzeitalter“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/atomzeitalter/filmsequenz-a-atomwaffe-zib-i.html

Copyright (c): Demokratiezentrum Wien / Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit Wien, 2009. Der Text ist lizenziert unter der Creative Common-Lizenz by-nc-nd/3.0/Austria. Für das verwendete Bildmaterial wurden die Nutzungerechte ausschließlich für dieses Projekt erworben. Wir haben uns bemüht, alle Inhaber von Bildrechten ausfindig zu machen. Sollten dennoch Urheberrechte verletzt worden sein, werden wir nach Anmeldung berechtigter Ansprüche diese entgelten.

© Demokratiezentrum Wien

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org