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Abb. 8: Der geborstene Reaktor von Tschernobyl

Der geborstene Reaktor von Tschernobyl, 1.5.1986
© AP/Igor Kostin

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Am 26. April 1986 um 1.24 Uhr nachts explodierte der Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Tschernobyl. Durch den „Super-GAU“ – die Abkürzung GAU steht für „Größter Anzunehmender Unfall“ – traten große Mengen Radioaktivität aus und verstrahlten die Region um das Kraftwerk. Die ukrainischen Behörden verschwiegen den Unfall zunächst. Erst als in Westeuropa erhöhte Strahlenwerte gemessen wurden, bestätigten sie das Unglück, verharmlosten es aber. Elf Tage nach der Katastrophe startete nur 100 Kilometer entfernt die „Internationale Friedensfahrt“, die „Tour de France des Ostens“.[1] Das Unglück zählt zu den schlimmsten Industriekatastrophen der Geschichte. Die amerikanische Umweltschutzorganisation Blacksmith Institute führt die ukrainische Stadt unter den zehn am stärksten verschmutzten Orten der Welt.[2] Die genauen Opferzahlen der Reaktorkatastrophe sind bis heute völlig unklar. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA spricht offiziell von 56 Toten: 47 Katastrophenhelfern und neun Kindern mit tödlich verlaufenem Schilddrüsenkrebs. Die ukrainische Kommission für Strahlenschutz zählte hingegen alleine unter den Rettungshelfern fast 35.000 Todesopfer, die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Zahl der an Strahlenschäden oder durch Selbstmord gestorbenen Einsatzkräfte mit mehr als 50.000.[3] Viele Einsatzkräfte versuchten in 90-Sekunden-Schichten ohne Schutzanzüge den noch glühenden Reaktorkern zu löschen. Noch schwieriger gestaltet es sich, die Zahl der Toten und Erkrankten in der Zivilbevölkerung zu ermitteln. Das hier gezeigte Bild des geborstenen Reaktors ging um die Welt und wurde zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts. Fälschlich wird es jedoch oftmals zeitlich unmittelbar nach der Katastrophe verortet. In Wahrheit jedoch entstand das Bild – die bereits aufgestellten Kräne lassen es erahnen – erst Wochen später.[4] In seiner unmittelbar dargestellten Zerstörung steht das Bild aus Tschernobyl der anderen Ikone des Atomzeitalters, den bunten Atompilzaufnahmen, diametral entgegen.

Fabian Pingel


[1] Vgl. Schröder, Miriam. o.J. „Gezielte Vergiftung.“ In Spiegel Online, http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/0,1518,409457,00.html (4.9.08).

[2] www.worstpolluted.org

[3] Mayr, Walter. 2006. „Pompeji des Atomzeitalters.“ In Der Spiegel 16 (15.04.2006): S. 64, http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/77/17/dokument.html?titel=Pompeji+des+Atomzeitalters&id=46637177&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&vl=0 (4.9.08).

[4] Vgl. Paul, Gerhard. 2008. „Tschernobyl.“ In Das Jahrhundert der Bilder, hg. v. Gerhard Paul, S. 524–531. Göttingen.

 


Zitierempfehlung: Pingel, Fabian, Der geborstene Reaktor von Tschernobyl. Bildanalysetext zur Abbildung 8 der Ikone „Atomzeitalter“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/atomzeitalter/abb8-der-geborstene-reaktor-von-tschernobyl.html

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