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Abb. 9: Mann betrachtet nach Anschlag sein Handy-Display

Mann betrachtet nach Anschlag sein Handy-Display, London 7. Juli 2005
© AP/Alexander Chadwick

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Die Begleiterscheinungen der Londoner Anschläge vom 7. Juli 2005 wurden vielfach per Handy-Fotografie dokumentiert.[1] Die Polizei hatte die Tatorte schnell abgeriegelt und damit für professionelle JournalistInnen unzugänglich gemacht. Deshalb griffen die Massenmedien notgedrungen auf amateurhaft erzeugtes Bildmaterial zurück. Bereits am Tag der Anschläge gingen bei der BBC Hunderte E-Mails mit Handy-Aufnahmen sowie zahlreiche Filmclips ein. In den folgenden Monaten testeten Agenturen und Verlage die Möglichkeiten zur Sichtung und Vermarktung von Laienfotos im digitalen Zeitalter aus. So bietet etwa die Nachrichtenagentur Reuters seit Ende 2006 eine Internet-Seite unter dem Titel You Witness (http://www.reuters.com/youwitness ) an, das deutsche Magazin Stern war schon etwas früher unter www.augenzeuge.de aktiv. Die große Chance der Laienfotografie besteht in ihrem Zeitvorsprung gegenüber den Profis: AugenzeugInnen sind naturgemäß direkt vor Ort und können also auch schneller ein Bild vom Geschehen erzeugen bzw. versenden. Die BBC zeigte bereits wenige Minuten nach den Anschlägen in ihrer 10-Uhr-Nachrichtensendung am 7. Juli 2005 Handy-Fotos. Doch auch die Nachteile dieser Bildsorte liegen auf der Hand: Die Authentizität der jeweiligen Fotografie muss prinzipiell mühsam (und damit zeitraubend) überprüft werden. Zudem entsprechen die Handy-Fotos meist nicht den ästhetischen Bedürfnissen der Massenmedien. Im Falle der Londoner Anschläge passte die dunkle und verwischte Optik der Bilder allerdings gut zum Ereignis sowie zur dürftigen Nachrichtenlage: Die allgemeine Unsicherheit wurde so ästhetisch fassbar.[2] Die hier gezeigte Fotografie hat Alexander Chadwick, ein Pendler aus Enfield, aufgenommen. Er fotografierte per Handy in einem U-Bahn-Tunnel nahe der King’s Cross Station und wurde mit seinen Aufnahmen recht bekannt, die Menschen bei ihrer Wanderung durch die spärlich erleuchtete Dunkelheit zeigen, nachdem der Schienenverkehr zum Erliegen gekommen war. Im Vordergrund des hier gezeigten Bildes ist schemenhaft ein Mann mit erhobenem Mobiltelefon erkennbar, während im Hintergrund das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels leuchtet: Noch im Moment der vollkommenen Ungewissheit scheint der Mann sich von der Qualität eines Handy-Schnappschusses zu überzeugen. Chadwick hat diesen Moment eingefangen und damit seine eigene Handlung im Bild reflektiert.

Benjamin Drechsel


[1] Dohnke, Kay. 2008. „Die authentische Katastrophe. Handy-Fotos aus London und ihre Bedeutung für den Bildjournalismus.“ In Das Jahrhundert der Bilder. Band II: 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 734–741. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

[2] Sinclair, Iain. 2005. „Theatre of the City.“ In The Guardian, 14 Juli, www.guardian.co.uk/uk/2005/jul/14/july7.politicsphilosophyandsociety (5. März 2009) schreibt von “pedestrians swimming through smoke and fuzzy light” und beschreibt die Handy-Bilder als “new cinema, requiring minimal light, no technical expertise”.

 

 


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Mann betrachtet nach Anschlag sein Handy-Display. Bildanalysetext zur Abbildung 9 der Ikone „9/11“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/911/abb9-mann-betrachtet-nach-anschlag-sein-handy-display.html

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