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Abb. 7: Pressekonferenz Günter Schabowski

Pressekonferenz des DDR-Politikers Günter Schabowski, Berlin 9. November 1989
© dpa / picturedesk.com / Jens Wolf

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Die Umwälzungen von 1989 waren eng mit der zeitnahen Berichterstattung im Fernsehen verknüpft. Das gilt für Ungarn, wo Imre Nagys feierliches Begräbnis live gezeigt wurde (Abb.4) oder auch für Rumänien, wo die Armee das zentrale Fernsehgebäude besetzte. Doch an keinem Punkt der Ereigniskette wurde der große Einfluss der bewegten Bilder deutlicher als beim Berliner Mauerfall: Am 9. November 1989 stimmten Politbüro und Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) für den modifizierten Entwurf einer Reiseverordnung. Staats- und Parteichef Egon Krenz übergab das entsprechende Papier an Günter Schabowski, der um 18 Uhr eine Pressekonferenz abhalten sollte (unsere Abbildung zeigt eine Reproduktion der Fernsehaufzeichnung dieser Veranstaltung in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn im Februar 2009). Schabowski bestritt diese Konferenz ohne genaue Kenntnis der getroffenen Sprachregelung und der gesetzten Sperrfrist, denn an den vorangegangenen Sitzungen von Politbüro und Zentralkomitee hatte er nicht teilgenommen. Deshalb las er von seinem heute legendären Zettel ab:[1] DDR-BürgerInnen sollten demnach nicht nur ständige Ausreisen, sondern auch Privatreisen ohne weitere Voraussetzungen beantragen können, Genehmigungen würden kurzfristig erteilt. Dass die Regelung erst am 10. November bekanntgegeben werden sollte und wohl provisorischen Charakter hatte, war Schabowski offensichtlich nicht klar. Auf die Frage eines Journalisten nach ihrem Inkrafttreten meinte er stattdessen nach einigem Zögern: „[…] sofort, unverzüglich“.[2] Ständige Ausreisen, so fügte er etwas später hinzu, könnten über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur Bundesrepublik bzw. zu Westberlin erfolgen. Durch seine mangelhafte Information (er wusste nicht einmal, ob für ständige Ausreisen künftig ein Pass nötig sein würde) und seinen umständlichen Kommunikationsstil hatte Schabowski einen großen Spielraum für Spekulationen gelassen. Seine Pressekonferenz war um 19.01 Uhr beendet. In den folgenden Minuten übernahmen die westlichen Medien die Deutungshoheit über Schabowskis kryptische Aussagen.[3] Da das Zentralkomitee auch nach 20 Uhr noch tagte, konnten die höchstrangigen PolitikerInnen des SED-Regimes die weitere Berichterstattung des Abends nicht beeinflussen und bekamen davon auch zunächst nichts mit. Ganz anders die Bevölkerung in Ost- und Westberlin, die schließlich das Brandenburger Tor sowie die Grenzübergänge stürmte. Dabei hatten die Grenzsoldaten und Passkontrolleure der DDR keine neuen Befehle oder Informationen erhalten. Ohne ausgearbeitete Strategie konnten sie nur situativ reagieren und die Flutung der Übergänge nicht mehr abwenden: Zunächst verwiesen sie die Wartenden auf den nächsten Tag, dann erlaubten sie vereinzelte Ausreisen, stempelten dabei jedoch die Ausweise ungültig. Schließlich kapitulierten sie vor dem zunehmend bedrohlicher wirkenden Massenkörper der Wartenden. Gegen Mitternacht waren alle Grenzübergänge zwischen Ost- und Westberlin offen.

Benjamin Drechsel


[1] Eine Abbildung des Zettels bei Flemming, Thomas/Koch, Hagen. 2001. Die Berliner Mauer. Geschichte eines politischen Bauwerks. Berlin: be.bra, S. 116.

[2] Die verschriftlichte Fassung der Pressekonferenz bei Hertle, Hans-Hermann. 1999. Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates. Opladen: Westdeutscher Verlag (2. Auflage), S. 148f.

[3] Hertle, Hans-Hermann. 1999. Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates. Opladen: Westdeutscher Verlag (2. Auflage).


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Pressekonferenz Günter Schabowski. Bildanalysetext zur Abbildung 7 der Ikone „1989“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1989/abb7-pressekonferenz-guenter-schabowski.html

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