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Abb. 4: Umbettung Imre Nagy

Umbettung des ungarischen Politikers Imre Nagy, Budapest 16. Juni 1989
© Corbis/Sygma/Thierry Orban

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Von offizieller Seite systematisch verdrängt wurde in Ungarn die Erinnerung an den Reformkommunisten Imre Nagy, der während der Unruhen von 1956 als Ministerpräsident den Rückzug seines Landes aus dem Warschauer Pakt verkündet und die Bevölkerung schließlich auch zum Widerstand gegen die sowjetischen Invasoren aufgerufen hatte. Nagy wurde nach einem Geheimprozess 1958 hingerichtet.[1] Es sollte anschließend 30 Jahre dauern, bis der greise János Kádár, der Ungarn seit den 1950er-Jahren regiert und die offizielle Version von der „Konterrevolution“ des Jahres 1956 aufrechterhalten hatte, als Parteichef abgelöst wurde. Anfang 1989 erfolgten Parlamentsbeschlüsse zum Recht auf Versammlungsfreiheit oder auch für den Übergang zu einem Mehrparteiensystem. Ein von Reformern im ungarischen Politbüro initiierter Untersuchungsausschuss beschäftigte sich mit den Ereignissen von 1956. Diese wurden nun zum legitimen Volksaufstand umgedeutet. In diesem Zusammenhang wurde Imre Nagy gemeinsam mit vier seiner engsten Gefährten exhumiert und am 16. Juni 1989, seinem 31. Todestag, unter großer öffentlicher Anteilnahme feierlich beigesetzt. Hunderttausende UngarInnen gaben ihnen das letzte Geleit, Millionen verfolgten den Staatsakt via TV. Die hier gezeigte Fotografie ist auf dem Budapester Rakoskeresztur-Friedhof entstanden, wohin die sterblichen Überreste der fünf Toten im Anschluss an die Trauerfeier auf dem Heldenplatz gebracht wurden. Die Schleifen an den Kränzen trugen die ungarischen Nationalfarben. Ein sechster Sarg war leer: Er stand stellvertretend für alle Opfer des Aufstandes von 1956.[2] János Kádár fehlte bei den Beerdigungsfeierlichkeiten. Sein Tod wenige Wochen später fiel dann auf jenen Tag, an dem der Oberste Gerichtshof Ungarns endgültig für die Rehabilitierung Imre Nagys sorgte.[3]

Benjamin Drechsel


[1] Der Prozess wurde per Tonband dokumentiert (Lauer, Kathrin. 2008. „Ich bitte nicht um Gnade.“ In Süddeutsche Zeitung, 16. Juni, http://www.sueddeutsche.de/kultur/737/445474/text/3/ (20. März 2009))

[2] Hamburger Abendblatt (o.A.). 1989. „Ungarn weinte.“ In Hamburger Abendblatt, 19. Juni, www.abendblatt.de/extra/service/944949.html (19. März 2009).

[3] Zum weiteren Diskurs um den Erinnerungsort 1956 am Beispiel der ungarischen Parteien vgl. Machos, Csilla. 1999. „Wem gehört ‚1956‘? Die Auseinandersetzung der Parteien im postsozialistischen Ungarn um Erbe und Erben der Revolution.“ In Umkämpfte Vergangenheit. Geschichtsbilder, Erinnerung und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, hg. v. Petra Bock und Edgar Wolfrum, S. 114–142. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Umbettung Imre Nagy. Bildanalysetext zur Abbildung 4 der Ikone „1989“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1989/abb4-umbettung-imre-nagy.html

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