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Abb. 2: Wałęsa auf Schultern getragen

Polnischer Politiker Lech Walesa auf Schultern getragen, Gdansk August 1980
© Corbis / Bettmann

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In Polen kam es nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder zu Unruhen. So in den Jahren 1956 und 1968, aber auch im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre. Im letzten Jahrzehnt des staatssozialistischen Regimes war dessen wirtschaftliche Schwäche nicht mehr zu übersehen. Als die Fleischpreise im Sommer 1980 erhöht wurden, gab es wieder einmal Proteste. Anfang August erreichten die daraus erwachsenden Streiks auch Gdansk und die dortige Leninwerft. Die Schiffbauer organisierten sich nun in einer inoffiziellen Gewerkschaft, die den Namen Solidarność (dt. „Solidarität“) trug. Zum führenden Kopf avancierte dabei der Elektriker Lech Wałęsa, der bereits während der 1970er-Jahre für seine politischen Überzeugungen sowohl zeitweise Arbeitslosigkeit als auch zahlreiche Gefängnisaufenthalte in Kauf genommen hatte. 1980 gelang ihm und seinen MitstreiterInnen ein wegweisender Erfolg: Denn als die üblichen Repressalien nicht fruchteten, beugte sich die Regierung schließlich dem Ansinnen der Streikenden und gewährte ihnen im Danziger Abkommen vom 31. August 1980 das Recht auf Bildung freier Gewerkschaften. Im Zusammenhang mit der Unterzeichnung dieses Solidarkontrakts trugen die Arbeiter den Streikführer auf ihren Schultern.[1] Unsere Abbildung zeigt diese Stilisierung Wałęsas zur oppositionellen Ikone.[2] Der Solidarność-Gründungskongress wählte ihn kurz darauf zum Präsidenten, wenige Jahre später erhielt er den Nobelpreis. Wałęsa, der im Dezember 1990 zum polnischen Staatspräsidenten gewählt wurde, meinte später rückblickend, ihm sei auch nach seinem Triumphzug von 1980 weiterhin bewusst gewesen, dass die Lage sehr ernst blieb: Die Menschen, die ihn auf ihren Schultern trugen, hätten kurz darauf auch Steine auf ihn werfen können, erklärte er in einem Interview.[3] Seine konfliktreiche Amtszeit als Präsident war (ähnlich vielleicht wie bei Václav Havel, Abb.10) seinem Nimbus als Revolutionsheld nicht zuträglich – doch gilt weiterhin: „Der Name ‚Lech Wałęsa steht für einen Mythos.“[4]

Benjamin Drechsel


[1] Bei den 25-Jahr-Feiern der Solidarno?? in Gdansk erinnerte der deutsche Bundespräsident Horst Köhler (Köhler, Horst. 2005. „25 Jahre Solidarnosc – Ansprache beim Festakt der Solidarnosc in Danzig.“ In bundespräsident.de, 31. August, www.bundespraesident.de/dokumente/-,2.625633/Rede/dokument.htm (19. März 2009)) noch einmal an diese Szene, die er als Zeitgenosse im Fernsehen miterlebt hatte.

[2] Dass beispielsweise auch Abbildungen eines mit Papst- und Marienbildern dekorierten Werfttors um die Welt gingen, beschreibt Kaliski, Bartosz. 2006. „Solidarity, 1980–1: The Second Vistula Miracle?“ In Revolution and Resistance in Eastern Europe. Challenges to Communist Rule, hg. v. Kevin McDermott und Matthew Stibbe, S. 119–136. Oxford: Berg, S. 125.

[3] Donkin, Mike. 2005. „Walesa recalls Solidarity triumph.“ In BBC News, 29. August, news.bbc.co.uk/1/hi/world/europe/4194204.stm (19. März 2009).

[4] Kahlweit, Cathrin. 1993. Architekten des Umbruchs. 85 Politiker des neuen Ost-Europa in Porträts. Frankfurt am Main: Fischer, S. 238.


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Wałęsa auf Schultern getragen. Bildanalysetext zur Abbildung 2 der Ikone „1989“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1989/abb2-walesa-auf-schultern-getragen.html

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