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Abb. 12: Nicolae Ceauşescus Leichnam im TV

Ceausescus Leichnam im TV, Bukarest (Rumänien) Dezember 1989
© Corbis/Peter Turnley

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Nicolae Ceauşescu regierte Rumänien ab Mitte der 1960er-Jahre.[1] Seine Version des Staatssozialismus zeichnete sich unter anderem durch einen auf den Diktator zugeschnittenen Personenkult auf der einen Seite und durch die Rationierung von Lebensmitteln wie Fleisch, Eier oder Butter auf der anderen Seite aus. Trotz der verbreiteten Armut ließ Ceauşescu unter anderem einen riesigen Palast, das „Haus des Volkes“ (rumän. Casa Poporului), in der Hauptstadt Bukarest errichten. Doch bei aller Prachtentfaltung war es auch diesem osteuropäischen Staats- und Parteichef nicht vergönnt, über das Jahr 1989 hinaus zu regieren: Sein mangelnder Reformwille trotz aller unübersehbaren Veränderungen im Ostblock sowie die Brutalität der rumänischen Geheimpolizei Securitate führten kurz vor dem Jahreswechsel noch zu blutigen Protesten, die auch auf die Hauptstadt übergriffen. Am 21. Dezember 1989 zeigte Ceauşescu sich auf dem Balkon der Parteizentrale (Abb. 11), wurde jedoch von der versammelten Menge niedergeschrieen. Am nächsten Tag floh er gemeinsam mit seiner Gattin Elena per Hubschrauber. Die Armee schlug sich auf die Seite der Aufständischen, eroberte das Fernsehgebäude und lieferte sich Schusswechsel mit der Geheimpolizei. Das Ehepaar Ceauşescu wurde auf der Flucht verhaftet, wegen Staatsverbrechen verurteilt und am ersten Weihnachtsfeiertag hingerichtet. Unsere Fotografie führt den leblosen Diktator als Bild im Bild vor: Ceauşescus Leichnam wurde damals im rumänischen Fernsehen gezeigt. In diesem Fall ist der Getötete auf einem besonderen Fernsehapparat zu sehen: Er stand nach Angaben der Bildagentur Corbis nämlich in seinem persönlichen Büro, der abgebildete Fernsehzuschauer ist ein bewaffneter Aufständischer. Die Aufnahme verweist auf die große Bedeutung des Bewegtbildmediums in jenen Tagen, das auch beim Zusammenbruch des ostdeutschen Grenzregimes im November 1989 eine entscheidende Rolle gespielt hatte (Abb. 7).[2] Zugleich handelt es sich um die typische Ikonographie der osteuropäischen Denkmalstürze (Abb. 13).[3] Wurden üblicherweise die Statuen der Machthaber und Vordenker von ihren Sockeln geholt, so handelte es sich hier allerdings um die brutale Vergeltungsaktion an einem Menschen, die dann wieder zum Bildnis wurde, welches um die Welt ging.

Benjamin Drechsel

 


[1] Zu damit verbundenen erinnerungskulturellen Aspekten vgl. Oancea, Georgeta D. 2005. Mythen und Vergangenheit. Rumänien nach der Wende. München: LMU, http://edoc.ub.uni-muenchen.de/4577/1/Oancea_Daniela.pdf (24. März 2009); Trappe, Julie. 2008. „Kollektive Unschuld und die Rückkehr nach Europa – Rumäniens Umgang mit dem Unrecht der kommunistischen Vergangenheit.“ In Nationen und ihre Selbstbilder: Postdiktatorische Gesellschaften in Europa, hg. v. Carola Sachse, Regina Fritz und Edgar Wolfrum, S. 171–192. Göttingen: Wallstein.

[2] Ebenso kurze wie kontroverse Anmerkungen zur politischen Bedeutung von Fernsehbildern bei den rumänischen Umwälzungen machen Flusser, Vilém. 1999. „Das Politische im Zeitalter der technischen Bilder.“ In Medienkultur, hg. v. Vilém Flusser, S. 134–140. Frankfurt am Main: Fischer (2. Auflage; Original 1990), S. 134, und Bredekamp, Horst. 1997. „Das Bild als Leitbild. Gedanken zur Überwindung des Anikonismus.“ In LogIcons. Bilder zwischen Theorie und Anschauung, hg. v. Ute Hoffmann, Bernward Joerges und Ingrid Severin, S. 225–245. Berlin: Edition Sigma, S. 229. Reflexionen zur politischen Bedeutung von Fernsehbildern bei den chinesischen Unruhen von 1989 liefert Virilio, Paul. 2002. Rasender Stillstand. Frankfurt am Main: Fischer (frz. Original 1990), S. 27–31.

[3] Binder, Eva. 2008. „Gestürzt. Zur Ikonografie des Denkmalsturzes in Osteuropa.“ In Das Jahrhundert der Bilder. Band II: 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 614–621. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Nicolae Ceauşescus Leichnam im TV. Bildanalysetext zur Abbildung 12 der Ikone „1989“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1989/abb12-nicolae-ceausescus-leichnam-im-tv.html

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