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Abb. 11: Nicolae Ceauşescu auf Balkon

Der rumänische Politiker Nicolae Ceausescu auf dem Balkon der Parteizentrale, Bukarest (Rumänien) 21. Dezember 1989
© Agerpres / AP

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Nicolae Ceauşescu amtierte ab Mitte der 1960er-Jahre als rumänischer Staats- und Parteichef.[1] Im Alltag seiner Diktatur klafften Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander: Dem öffentlich betriebenen Personenkult stand eine zunehmend Not leidende Bevölkerung gegenüber. Konsumgüter und Energieverbrauch wurden rationiert, um die Auslandsschulden im Rahmen zu halten, Pferde sollten als Ersatz für motorisierte Fahrzeuge dienen und die Säuglingssterblichkeit erreichte sehr hohe Werte. Ceauşescu war auch für die Sowjetunion kein einfacher Partner: So beteiligten sich seine Truppen 1968 nicht an der Invasion des Warschauer Pakts in der ČSSR und rumänische SportlerInnen nahmen an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles teil, die ansonsten vom Ostblock boykottiert wurden. Ceauşescu verfolgte trotz der krassen Armut in seinem Land einige gigantische Renommierprojekte wie den Donau-Schwarzmeer-Kanal oder die Pläne zur Umsiedlung Tausender EinwohnerInnen rumänischer Dörfer in Agrarstädte. Auch die Hauptstadt Bukarest sollte umgestaltet werden. Bis 1989 waren bereits Zehntausende Gebäude abgerissen und durch das monumentale „Haus des Volkes“ (rumän. Casa Poporului) sowie großzügige Plätze und Alleen ersetzt worden.[2] Ceauşescus Palast ist eines der größten Gebäude der Welt und übertrifft beispielsweise die Dimensionen des französischen Königsschlosses von Versailles bei Weitem. Doch auch die Herrschaft dieses osteuropäischen Staats- und Parteichefs endete mit dem Jahr 1989: Sein mangelnder Reformwille sowie die Brutalität der rumänischen Geheimpolizei Securitate führten kurz vor dem Jahreswechsel noch zu blutigen Protesten. Unsere Abbildung ist am 21. Dezember 1989 entstanden. Damals zeigte Ceauşescu sich auf dem Balkon der Parteizentrale und erwartete wohl das übliche Ritual einer ihm zujubelnden Menge. Der Diktator wurde jedoch von den Menschen vor dem Gebäude niedergeschrieen – daraufhin brach das rumänische Fernsehen die Live-Übertragung seiner Rede ab.[3] Am nächsten Tag floh Ceauşescu gemeinsam mit seiner Gattin Elena (Mitte rechts), deren Porträts genau wie die seinen überall im öffentlichen Raum Rumäniens zu finden waren, per Hubschrauber, konnte sich jedoch letztlich nicht retten (Abb. 12).

Benjamin Drechsel


[1] Zu damit verbundenen erinnerungskulturellen Aspekten vgl. Oancea, Georgeta D. 2005. Mythen und Vergangenheit. Rumänien nach der Wende. München: LMU, http://edoc.ub.uni-muenchen.de/4577/1/Oancea_Daniela.pdf (24. März 2009); Trappe, Julie. 2008. „Kollektive Unschuld und die Rückkehr nach Europa – Rumäniens Umgang mit dem Unrecht der kommunistischen Vergangenheit.“ In Nationen und ihre Selbstbilder: Postdiktatorische Gesellschaften in Europa, hg. v. Carola Sachse, Regina Fritz und Edgar Wolfrum, S. 171–192. Göttingen: Wallstein.

[2] Judt, Tony. 2006. Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Bonn: bpb (engl. Original 2005), S. 718.

[3] Gaddis, John Lewis. 2007. The Cold War. London: Penguin (erstmals 2005), S. 247.


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Nicolae Ceauşescu auf Balkon. Bildanalysetext zur Abbildung 11 der Ikone „1989“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1989/abb11-nicolae-ceausescu-auf-balkon.html

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