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Abb. 1: UN-Rede Michail Gorbatschows

UN-Rede des sowjetischen Politikers Michail Gorbatschow, New York Dezember 1988
© Corbis/Robert Maass

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Die Supermächte des Ost-West-Konflikts, die Vereinigten Staaten von Amerika sowie die Sowjetunion, haben die politische Entwicklung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich geprägt. Zwar waren sie keineswegs allmächtig: Beispielsweise ist es in der zeitgeschichtlichen Forschung sehr umstritten, ob die sowjetische Führung sich den Berliner Mauerbau vom August 1961 durch den DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht hat aufdrängen lassen.[1] Doch insgesamt liegt der entscheidende Einfluss der Sowjetunion auf ihre osteuropäischen Satellitenstaaten klar auf der Hand: So unterdrückte sie 1968 Reformbemühungen in der Tschechoslowakei und in Polen gewaltsam. 1989 hielt das Moskauer Machtzentrum sich hingegen bewusst zurück: Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail S. Gorbačëv unterstützte damit letztlich den Untergang des ost(mittel)europäischen Staatssozialismus, auch wenn dies zunächst wohl nicht seine Absicht gewesen war. Er hatte das Amt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im März 1985 übernommen und wollte durch rasche Veränderungen die wirtschaftliche Krise seines Imperiums mildern. Seine Politik der Offenheit und Umgestaltung (bekannt unter den Stichworten Glasnost und Perestroika) wirkten sich aber weit über die Ökonomie hinaus aus und stellten zunehmend das Machtmonopol seiner Partei in Frage. Gorbačëv entschied sich auch dafür, die politische Wirksamkeit der Brežnev-Doktrin zu beenden, die im Zusammenhang mit den oben erwähnten Ereignissen von 1968 formuliert worden war. Sie sprach der Sowjetunion das Recht zu einzugreifen, sobald sie die von ihr favorisierten politischen Leitlinien in einem sozialistischen Staat bedroht sah. Gorbačëv rückte seit 1986 zunehmend von diesem Kurs ab, der scherzhaft als „Sinatra-Doktrin“ gekennzeichnet worden ist – einer der bekanntesten Refrains des 1998 verstorbenen US-Entertainers Frank Sinatra lautete nämlich: „I did it my way“ (dt: „Ich habe es auf meine Weise getan“).[2] Analog dazu hielt Gorbačëv die ost(mittel)europäischen Verbündeten der Sowjetunion nun an, ihr Selbstbestimmungsrecht zu nutzen und ihre weitere politische Entwicklung selbst zu bestimmen.[3] Die hier gezeigte Fotografie von Robert Maass zeigt ihn bei einer berühmt gewordenen Rede im Dezember 1988 vor den Vereinten Nationen in New York. Die Monumentalität des Augenblicks wird hier bewusst in Szene gesetzt, der Vortragende erscheint geradezu als Quelle des Lichts in dem ins Dunkel getauchten Saal. Die globale Dimension des Geschehens wird durch das schemenhafte UN-Logo im Hintergrund deutlich gemacht. Gorbačëv kündigte bei seiner Rede einerseits eine sowjetische Truppenreduzierung in Europa an, andererseits erklärte er, der osteuropäische Staatssozialismus werde von seiner Seite aus nicht mit Gewalt stabilisiert werden.

Benjamin Drechsel


[1] Kritisch zu dieser These und mit grundsätzlichen Anmerkungen zum Forschungsstand Wettig, Gerhard. 2006. Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963. Drohpolitik und Mauerbau. München: Oldenbourg.

[2] Görtemaker, Manfred. 1999. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart. München: Beck, S. 722.

[3] Gaddis, John Lewis. 2007. The Cold War. London: Penguin (erstmals 2005), S. 239: „He ensured that the great 1989 revolution was the first one ever in which almost no blood was shed.“


 

Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, UN-Rede Michail Gorbatschows. Bildanalysetext zur Abbildung 1 der Ikone „1989“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1989/abb1-un-rede-michail-gorbatschows.html

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