1989

1989 wird aus der historischen Rückschau immer wieder als annus mirabilis beschrieben.[1] Um ein „Wunderjahr“ soll es sich deshalb handeln, weil damals der ost- bzw. mitteleuropäische Staatssozialismus nach vier Jahrzehnten in kürzester Zeit von der Bildfläche verschwand. Die durch Geheimpolizei und Zensur stabilisierten sowie zentralverwaltungswirtschaftlich geführten Parteidiktaturen in den „Bruderstaaten“ der Sowjetunion lösten sich innerhalb von Monaten auf.[2] Sie machten damit den Weg frei für eine Entwicklung, die schließlich bis hin zur Osterweiterung der Europäischen Union von 2004 führte.[3] Allerdings verliefen die einzelnen Entwicklungsschritte des Umbruchs 15 Jahre zuvor doch nicht ganz so reibungslos, wie es ihre nachträgliche Verklärung bisweilen suggeriert. Denn teilweise kam es im Vorhinein oder im Laufe der Umwälzungen zu blutigen Eskalationen und manchenorts blieben auch eingangs der 1990er-Jahre noch wesentliche Elemente der alten Herrschaftsstrukturen intakt. Vor allem aber war der Ostblock während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nie so homogen gewesen, wie er aus der westlichen Außenperspektive oft erschienen bzw. dargestellt worden ist – und das zeigte sich auch bei seiner Auflösung gegen Ende der 1980er-Jahre. So kam es in den europäischen Satellitenstaaten der UdSSR jeweils zu recht unterschiedlichen Formen des politischen Systemwandels (siehe unten).

Dabei waren sie alle von externen Faktoren abhängig: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die politische Entwicklung in Europa maßgeblich von den Interessen beider Supermächte, der Vereinigten Staaten von Amerika im Westen und der Sowjetunion im Osten, geprägt. Das gilt auch für die Ereignisse von 1989. Entscheidende Impulse für die Auflösung des osteuropäischen Staatssozialismus setzte nämlich (ob nun gewollt oder ungewollt) der sowjetische Staats- und Parteichef Michail S. Gorbačëv.[4] Er hatte das Amt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im März 1985 zunächst mit dem Ziel angetreten, die wirtschaftliche Talfahrt seines Imperiums aufzuhalten. Dabei wurde er jedoch zwangsläufig zum politischen Reformer, da die angestoßenen Veränderungen zunehmend das Machtmonopol seiner Partei in Frage stellten.Gorbačëv entschied sich schließlich auch dafür, die politische Wirksamkeit der Brežnev-Doktrin zu beenden, die der Sowjetunion das Recht zusprach einzugreifen, sobald sie die von ihr favorisierte Form des Staatssozialismus in einem ihrer Satellitenstaaten bedroht sah. Er rückte bald öffentlich von dieser Marschroute ab (so auch in einer Rede, die er 1988 vor den Vereinten Nationen hielt, Abb. 1). Seine neue Leitlinie der Nichteinmischung ist scherzhaft als „Sinatra-Doktrin“ bezeichnet worden – einer der bekanntesten Refrains des 1998 verstorbenen US-Entertainers Frank Sinatra lautete nämlich: „I did it my way“ (dt: „Ich habe es auf meine Weise getan.“).[5] Genau diese Option stand den Menschen in Ost- bzw. Mitteleuropa nun allmählich zur Verfügung, weil der zentrale Machthaber des sowjetischen Imperiums sie in ihren politischen Bestrebungen dann auch tatsächlich gewähren ließ.[6]

Jede Nation nutzte ihre neu gewonnenen Freiräume auf andere Weise: In Polen etwa hatten die Umwälzungen von 1989 eine lange Vorgeschichte, die im letzten staatssozialistischen Jahrzehnt sehr eng mit der Entstehung der freien Gewerkschaft Solidarność (dt. „Solidarität“) und der wirtschaftlichen Schwäche des Regimes verknüpft war. Im Sommer 1980 zog dort die Erhöhung der Fleischpreise zum wiederholten Mal soziale Unruhen nach sich. Anfang August erreichten die daraus erwachsenden Streiks auch Gdansk und die dortige Leninwerft. Die Schiffbauer organisierten sich nun in einer inoffiziellen Gewerkschaft, der erwähnten Solidarność. Zum führenden Kopf avancierte dabei der Elektriker Lech Wałęsa, der bereits während der 1970er-Jahre für seine politischen Überzeugungen sowohl zeitweise Arbeitslosigkeit als auch zahlreiche Gefängnisaufenthalte in Kauf genommen hatte. Er sollte schließlich (bei aller Ambivalenz seiner politischen Leistungen) zum godfather of Polish freedom (Abb. 2). Die Mitgliederzahl der Solidarność lag rasch bei etwa 10 Millionen. Die entscheidende Ursache der polnischen Krise, nämlich die Schwäche des nationalen Ökonomie, blieb jedoch weiterhin bestehen. Zwar waren die zivilgesellschaftlichen Gegenkräfte des Regimes in der Folge darum bemüht, gewaltsame Ereignisse wie 1956 oder 1968 zu vermeiden. Doch General Wojciech Jaruzelski, unterdessen Parteichef und Ministerpräsident, verhängte im Dezember 1981 das Kriegsrecht und drängte die Solidarność schließlich in die Illegalität. Eine entscheidende Schwächung der Opposition war dies allerdings nicht. Symptomatisch für ihre kaum noch zu ignorierende zivilgesellschaftliche Machtstellung war neben der moralischen Unterstützung durch den seit 1978 amtierenden ersten Polen auf dem Papstthron Johannes Paul II. auch die 1983 erfolgte Verleihung des Nobelpreises in Abwesenheit an Lech Wałęsa. Obwohl ihr Machtmonopol noch bestand, geriet die Vereinigte Arbeiterpartei aufgrund ihrer erfolglosen Wirtschaftspolitik immer stärker unter Druck. Als die Verbraucherpreise 1987/88 erneut massiv anstiegen, konnten die erneuten Proteste im Grunde niemanden mehr überraschen. Im Frühjahr 1989 musste die Regierung schließlich Verhandlungen mit der Solidarność aufnehmen. Die Gespräche am Runden Tisch führten am 5. April 1989 zu einer Einigung: Unter anderem wurden unabhängige Gewerkschaften zugelassen und Neuwahlen zur Nationalversammlung beschlossen (Abb. 3). Allerdings waren nur die Wahlen für eine Kammer (Senat) wirklich frei, während die Sitze der anderen (Sejm) schon vorab zum Großteil an die Machthabenden vergeben wurden. Die Solidarno?? errang trotzdem einen Erdrutschsieg, sodass am 12. September 1989 ein Berater Lech Wałęsas, der Jurist Tadeusz Mazowiecki, polnischer Ministerpräsident wurde.[8] Polen war zu diesem Zeitpunkt längst zum „entscheidende[n] Land“[9] für die Demokratisierung Ost(mittel)europas avanciert. Zwar wurde mit Jaruzelski zunächst eine Symbolfigur des alten Regimes zum Staatsoberhaupt gewählt, doch bedeutete dies eher eine Ruhigstellung seiner gemäßigten AnhängerInnen als eine Schwächung der Gegenkräfte. Im Dezember 1989 jedenfalls erfolgte der entscheidende Akt beim Untergang des polnischen Staatssozialismus: Die führende Rolle der Vereinigten Arbeiterpartei wurde aus der Verfassung gestrichen. Am 9. Dezember 1990 erfolgte schließlich Lech Wałęsa Wahl zum Staatspräsidenten.

Anders als in Polen oder in der Tschechoslowakei wandelte sich der ungarische Staatssozialismus eher von innen heraus, d.h., die entscheidenden Anstöße erfolgten aus den Reihen der herrschenden Partei. Dabei spielten unterdrückte Erinnerungen eine sehr wichtige Rolle: János Kádár hatte Ungarn seit dem Aufstand regiert, den die Sowjets im Jahr 1956 blutig niederschlugen. Er stand insofern auch symbolisch für die Verdrängung des Gedenkens an den Reformkommunisten Imre Nagy, der damals als Ministerpräsident den Rückzug Ungarns aus dem Warschauer Pakt verkündet und die Bevölkerung schließlich auch zum Widerstand gegen die sowjetischen Invasoren aufgerufen hatte.[10] Nagy wurde nach einem Geheimprozess 1958 hingerichtet und die vorausgegangenen Ereignisse galten in der Folge offiziell als „Konterrevolution“. Im Mai 1988 wurde der greise Kádár dann jedoch als Parteichef abgelöst und durch den Ministerpräsidenten Károly Grósz ersetzt. Im selben Jahr wurde unter anderem die Protestorganisation Fidesz gegründet, Anfang 1989 erfolgten Parlamentsbeschlüsse zum Recht auf Versammlungsfreiheit oder auch für den Übergang zu einem Mehrparteiensystem. Ein von ReformerInnen im ungarischen Politbüro initiierter Untersuchungsausschuss beschäftigte sich mit den Ereignissen von 1956. Diese wurden nun nicht mehr als Konterrevolution, sondern als legitimer Volksaufstand gedeutet. In diesem Zusammenhang gerieten die Exhumierung und öffentliche Bestattung Imre Nagys auf die politische Agenda (Abb. 4). Am 16. Juni 1989, seinem 31. Todestag, wurden Nagys sterbliche Überreste feierlich beigesetzt; Hunderttausende UngarInnen gaben ihm das letzte Geleit, Millionen verfolgten den Staatsakt via TV. Der junge Fidesz-Gründer Viktor Orbán nutzte diese große öffentliche Aufmerksamkeit und profilierte sich bei Nagys Beerdigung mit einer viel beachteten Rede, in der er unter anderem freie Wahlen sowie den Abzug der sowjetischen Truppen forderte.[11] János Kádárs Tod wenige Wochen später fiel dann ausgerechnet auf jenen Tag, an dem der Oberste Gerichtshof endgültig für die Rehabilitierung Imre Nagys sorgte. Auch in Ungarn verlor die Arbeiterpartei nun ihr Machtmonopol und im März 1990 wurden Mehrparteienwahlen abgehalten.

Die ungarischen Umwälzungen entfalteten eine europäische Dimension, indem sie insbesondere auch auf die Entwicklungen in der DDR ausstrahlten.[12] Das moralische Scheitern des dortigen SED-Regimes wurde aus westlicher Sicht bereits seit 1961 durch die Berliner Mauer symbolisiert. Um die weitere Abwanderung großer Bevölkerungsteile zu verhindern, hatte Staats- und Parteichef Walter Ulbricht mit der Errichtung dieses Bauwerks die in den 1950er-Jahren begonnene Grenzschließungspolitik der DDR konsequent zu Ende geführt und das letzte Schlupfloch, West-Berlin, gestopft. Die Ausreise in den Westen war seither nur noch in seltenen Ausnahmefällen möglich. Doch diese künstliche Stabilisierung des ostdeutschen Staatssozialismus war schließlich aufgrund der europaweiten Transformationsprozesse von 1989 nicht mehr aufrechtzuerhalten: Bereits in der ersten Jahreshälfte war der Stacheldraht an der ungarischen Westgrenze entfernt worden, was die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn, Ende Juni in einer symbolpolitischen Inszenierung eigens betonten.[13] Im Sommer flüchteten viele DDR-BürgerInnen in die bundesrepublikanischen Botschaften in Prag und Warschau (Abb. 5). Andere warteten zu Zehntausenden den weiteren Lauf der Dinge in Ungarn ab, da die dortige Grenze zu Österreich für sie offiziell noch immer geschlossen war. Gyula Horn erklärte dann jedoch am 10. September 1989 in einem Fernsehinterview, dass diesen Menschen die Ausreise nicht länger verwehrt bleiben werde. Ein dem entgegenstehendes Reiseabkommen mit der DDR wurde außer Kraft gesetzt. Auch die Warschauer und Prager Botschaftsflüchtlinge konnten schließlich in den Westen ausreisen; Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher überbrachte diese Nachricht in Prag persönlich und die Fernsehbilder der ihm zujubelnden Menschen wurden international ausgestrahlt.[14] Die Botschaftsflüchtlinge wurden Anfang Oktober 1989 in verschlossenen Sonderzügen unter Begleitung des Staatssicherheitsdienstes durch die DDR in die Bundesrepublik transportiert. Die ostdeutsche Führungsriege hingegen verlor allmählich die Kontrolle über ihren Staat. Der Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Gorbačëv anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung schien die Proteste zu befeuern und die folgende Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 geriet zum einschneidenden Ereignis: Die Staatsmacht stoppte den friedlichen Zug letztlich nicht mit Gewalt, wie zeitweise befürchtet worden war, sondern kapitulierte vor den Menschenmassen (Abb. 6). 70.000 skandierten Parolen wie „Wir sind das Volk“ oder „Keine Gewalt“. In der Folge nahmen Hunderttausende an den montäglichen Demonstrationen in Leipzig teil. Am 18. Oktober 1989 musste der Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker zurücktreten, doch auch diese Maßnahme kam zu spät. Anfang November 1989 öffnete die Tschechoslowakei ihre Grenzen und innerhalb von Stunden flohen Tausende auf diesem indirekten Weg aus der DDR in die Bundesrepublik. Es folgten die Rücktritte des Kabinetts sowie des Politbüros und der Versuch, ein zeitgemäßes Reisegesetz zu formulieren. Als der neue Politbüro-Pressesprecher Günther Schabowski bei einer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 dann die neuesten Regelungsversuche unbedacht vermittelte und eine sofortige Grenzöffnung ankündigte, war der Kollaps der DDR nicht mehr aufzuhalten (Abb. 7 und Abb. 8).[15] Exemplarisch wurde hier die zentrale Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure sowie (visueller) Massenmedien bei den Umbrüchen von 1989 deutlich: Durch die Berichterstattung ermuntert, drängten sich in der folgenden Nacht Tausende an den Übergangsstellen, bis die Grenzbeamten ihre Arbeit schließlich eigenmächtig einstellten, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Die Mauer war gefallen und hatte sich über Nacht in ein Denkmal verwandelt.[16] Knapp einen Monat später verschwand der SED-Führungsanspruch aus der Verfassung und der christdemokratische Bundeskanzler Helmut Kohl hatte dem Bundestag bereits einen 10-Punkte-Plan zur Schaffung einer deutsch-deutschen Konföderation vorgelegt. Am Runden Tisch suchten Bürgerbewegungen und Blockparteien noch nach Möglichkeiten zur Reform der DDR – doch mit der deutschen Vereinigung im Herbst 1990 hörte dieser Staat schließlich auf zu existieren.

Neben dem Polen Lech Wałęsa (Abb. 2) gilt der Tscheche Václav Havel als eine der charismatischen und entscheidenden Persönlichkeiten des politischen Jahres 1989.[17] Eine Gemeinsamkeit der tschechoslowakischen Entwicklung mit den polnischen Umbrüchen bestand darin, dass er und die durch ihn symbolisierten Reformkräfte noch sehr durch den Erinnerungsort 1968 geprägt waren: Eine blutige Konfrontation mit den Herrschenden wie beim „Prager Frühling“ trachteten sie zu vermeiden. Die damalige Niederschlagung der Liberalisierungsbewegung durch den Warschauer Pakt hatte die politische Karriere Gustav Husáks befördert, der anschließend Parteichef geworden war. Von diesem Amt trat er dann zwar im Alter von 75 Jahren zurück, doch war er gegen Ende der 1980er-Jahre noch immer Staatspräsident der ČSSR. Die Macht des tschechoslowakischen Staatssozialismus schien denn auch bis 1989 völlig ungebrochen. In der ersten Hälfte dieses Jahres bildeten sich zwar, anknüpfend an die Entwicklung in den Nachbarländern, informelle Netzwerke, die unter anderem zu Umweltschutz-Protesten in Bratislava führten. Doch als eigentlicher Beginn der „Samtenen Revolution“ gilt erst der 17. November 1989, also ein Zeitpunkt, zu dem etwa der polnische oder der deutsche Systemwandel schon recht weit fortgeschritten waren; die mediale Berichterstattung über die Ereignisse in diesen Ländern übte denn auch einen deutlichen Veränderungsdruck auf die tschechoslowakische Politik aus. An jenem 17. November jährte sich der gewaltsame Tod des tschechischen Studenten Jan Opletal unter deutscher Besatzung zum 50. Mal. Daran erinnerte eine Demonstration in Prag, bei der Studierende wegen systemkritischer Parolen von der Polizei angegriffen wurden. Nicht zuletzt falsche Gerüchte von der Erschießung eines Studenten heizten die massiven öffentlichen Proteste an (unter anderem wurde die Universität besetzt). Der Widerstand gegen das Regime war binnen kürzester Zeit erfolgreich: Bereits am 25. November 1989 trat die Führung der Kommunistischen Partei geschlossen zurück. Hunderttausende Menschen kamen damals in Prag zusammen, um Václav Havel zu hören (Abb. 9). Tags darauf sprach er noch einmal vor 250.000 Menschen auf dem Wenzelsplatz, wobei jeweils auch Alexander Dub?ek, die Symbolfigur der Reformkräfte des „Prager Frühlings“, an seiner Seite war.[18] Havels „Bürgerforum“, das in seinen Grundsätzen neben einem Rechtsstaat und freien Wahlen auch die Rückkehr nach Europa einforderte, wurde samt seiner slowakischen Partnerorganisation wenige Tage später legalisiert.[19] Havel war eigentlich Schriftsteller und schlüpfte zunächst eher widerwillig aus der Rolle des Regimekritikers in die des wichtigsten nationalen Politikers, doch bereits Ende Dezember 1989 wurde er zum Präsidenten der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik gewählt (Abb. 10). Nach der Auflösung der Föderation zwischen Tschechien und der Slowakei amtierte er dann ab 1993 ein Jahrzehnt lang als Präsident der Tschechischen Republik.

Analog zu Ungarn geschah der Systemwechsel in Bulgarien aufgrund von Reformbestrebungen, die innerhalb der herrschenden Partei entstanden. Staats- und Parteichef Todor Schiwkow war der dienstälteste Machthaber des Ostblocks gewesen: Seit 1954 hatte er die Bulgarische Kommunistische Partei geführt. Doch trotz seiner Bemühungen um Annäherung an Gorba?ëvs Reformkurs überstand auch er die Veränderungen des Jahres 1989 nicht. Am Tag nach dem Berliner Mauerfall wurde Schiwkow zum Rücktritt gezwungen und durch Außenminister Petar Mladenow ersetzt. Bei den ersten freien Wahlen etablierte sich 1990 die Nachfolgerin der Kommunistischen Partei, die Bulgarische Sozialistische Partei, als stärkste Kraft. Eine teilweise Kontinuität der Herrschaftseliten trotz des politischen Systemwechsels von 1989 zeichnete auch Rumänien aus. Doch ansonsten nahmen die dortigen Ereignisse einen ganz eigenen Verlauf. Dafür sorgte schon ihre Vorgeschichte, die durch eine besonders radikale Spielart des Staatssozialismus gekennzeichnet war: Nicolae Ceauşescu amtierte seit Mitte der 1960er-Jahre als rumänischer Staats- und Parteichef.[20] Wesentliche Merkmale seiner Diktatur waren die Unterdrückung jeglicher Proteste, ein ausgeprägter Personenkult (der auch seine Gattin einschloss) und eine zunehmend Not leidende Bevölkerung. Konsumgüter und Energieverbrauch wurden rationiert, Pferde sollten als Ersatz für motorisierte Fahrzeuge dienen und die Säuglingssterblichkeit erreichte sehr hohe Werte. Diesen enormen Problemen im Alltag der Bevölkerung standen gigantische Renommierprojekte gegenüber: So sollten die BewohnerInnen Tausender rumänischer Dörfer in Agrarstädte umgesiedelt werden. Auch für die Hauptstadt Bukarest gab es Umbaupläne: 1989 waren bereits Zehntausende Gebäude abgerissen und durch das monumentale „Haus des Volkes“ (rumän. Casa Poporului) sowie großzügige Plätze und Alleen ersetzt worden. Ceauşescus Palast ist eines der größten Gebäude der Welt und übertrifft beispielsweise die Dimensionen des französischen Königsschlosses von Versailles bei Weitem. Doch bei aller Prachtentfaltung war es auch diesem osteuropäischen Diktator nicht vergönnt, über das Jahr 1989 hinaus zu regieren: Ceauşescu, der sich auch als „Genie der Karpaten“ oder „Sohn der Sonne“ bezeichnen ließ, wurde zwar zunächst noch im Amt des Generalsekretärs bestätigt. Doch sein mangelnder Reformwille trotz aller unübersehbaren Veränderungen im Ostblock sowie die Brutalität der rumänischen Geheimpolizei Securitate führten kurz vor dem Jahreswechsel noch zu den blutigsten osteuropäischen Protesten der Umbruchszeit, die sich am Fall eines regimekritischen Geistlichen entzündeten und auch auf die Hauptstadt übergriffen. Am 21. Dezember 1989 zeigte Ceauşescu sich auf dem Balkon der Parteizentrale, wurde jedoch von der versammelten Menge niedergeschrieen (Abb. 11) – daraufhin brach das rumänische Fernsehen die Live-Übertragung ab.[21] Am nächsten Tag floh der Diktator gemeinsam mit seiner Frau. Die Armee schlug sich auf die Seite der Aufständischen, eroberte das Fernsehgebäude und lieferte sich Schusswechsel mit der Geheimpolizei.Ceauşescu wurde auf der Flucht verhaftet, in einem Schnellgerichtsverfahren wegen Staatsverbrechen verurteilt und am ersten Weihnachtsfeiertag hingerichtet (Abb. 12). Am 27. Dezember 1989 gab die Securitate den aussichtslos gewordenen Kampf auf. Die Macht übernahm nun Ion Iliescu, der von 1968 bis 1984 zum Zentralkomitee der Kommunistischen Partei gehört und sich im Laufe des Staatsstreichs als Sprecher der „Front zur nationalen Rettung“ (FSN) etabliert hatte. Tony Judt kommt in diesem Zusammenhang zu dem Schluss, „dass trotz allen Mutes und aller Begeisterung der riesigen Mengen in Temeswar, Bukarest und anderen Städten der entscheidende Kampf zwischen den ‚Realisten‘ um Iliescu und der alten Garde in Ceauşescus Gefolge stattgefunden hatte“[23]. Zwar wurde das Machtmonopol der Kommunistischen Partei nun auch in Rumänien abgeschafft, doch weite Teile des alten Machtapparats blieben intakt. Iliescu wurde im Mai 1990 zum Staatspräsidenten gewählt und ließ schon kurze Zeit später studentische Unruhen gewaltsam beenden.[24]

In den Sozialwissenschaften und in der zeitgeschichtlichen Forschung herrscht aus verschiedenen Gründen Uneinigkeit darüber, ob die osteuropäischen Umwälzungen von 1989 jeweils historisch korrekt als „Revolution“ gelten dürfen oder ob andere Ausdrücke wie „Zusammenbruch“ und „Implosion“ bzw. neutraler klingende Begriffe wie „Systemwechsel“ und „Transformation“ gewählt werden sollten.[25] Sicher ist allerdings, dass viele ZeitgenossInnen dieses Jahr als revolutionär erlebt haben. Nicht umsonst sind Begriffe wie „Samtene Revolution“ oder „Friedliche Revolution“ tief in den populären Sprachgebrauch eingedrungen und auch die nachfolgenden Denkmalstürze (Abb. 13) weisen in diese Richtung. Im folgenden Jahrzehnt wurde die ost(mittel)europäische Landkarte neu geordnet. Auch in Albanien endete der Staatssozialismus und die westlichen Republiken der Sowjetunion erlangten ihre Unabhängigkeit. In Estland, Lettland und Litauen hatte es bereits vor 1989 Unabhängigkeitsbestrebungen gegeben. Zu den symbolischen Aktionen, die internationale Aufmerksamkeit erlangten, zählte eine 650 Kilometer lange Menschenkette, die am 23. August 1989 von Wilna über Riga bis Tallinn führte und so an den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 erinnerte (Abb. 14). Im Frühjahr 1990 erklärten die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit, aber noch im Januar 1991 versuchte die Sowjetunion, sie gewaltsam an sich zu binden. Volksentscheide bestätigten dann den Wunsch der baltischen Nationen nach Souveränität. Letztlich musste die östliche Supermacht anerkennen, dass die machtpolitische Schwächung ihrer Position, die sich in den Umbrüchen von 1989 manifestiert hatte, auch im Baltikum nicht mehr rückgängig zu machen war. Am 17. September 1991, wenige Monate vor dem offiziellen Ende der Sowjetunion, traten die baltischen Staaten den Vereinten Nationen bei, 2004 erfolgte ihre Aufnahme in die Europäische Union und in die NATO.

Benjamin Drechsel

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[1] Kritisch zu dieser beliebten Verkürzung äußert sich Schlögel, Karl. 2008. „Places and strata of memory. Approaches to eastern Europe.“ In Eurozine, 19. Dezember, www.eurozine.com/articles/2008-12-19-schlogel-en.html (16. März 2009).

[2] Eine knappe Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse bietet Judt, Tony. 2006. Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Bonn: bpb (engl. Original 2005), S. 671–728.

[3] Den Zusammenhang von Ost- und Mitteleuropabegriffen sowie EU-Erweiterung analysiert Geremek, Bronis?aw. 2008. „Ost und West: Geteilte europäische Erinnerung.“ In Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität, hg. v. Helmut König, Julia Schmidt und Manfred Sicking, S. 133–146. Bielefeld: transcript.

[4] Im Laufe der Entwicklungen von 1989/90 wurde er in Russland immer unbeliebter, während er etwa in Deutschland auch visuell wie ein Popstar gefeiert wurde; so tauchten in Berlin beispielsweise T-Shirts auf, die ihn als Superhelden stilisierten, der gewaltsam durch die Mauer brach (Baker, Frederick. 1994. „The Berlin Wall and the Bastille: tearing down walls and building myths.“ In  European Review of History – Revue européenne d’Histoire 1/2: S. 157–167, hier S. 164).

[5] Die Rede von der „Sinatra-Doktrin“ geht wohl auf einen Sprecher des sowjetischen Außenministers zurück (Görtemaker, Manfred. 1999. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart. München: Beck, S. 722).

[6] Die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei den ost- und mitteleuropäischen Umwälzungen beschreibt Kenney, Padraic. 2003. A Carnival of Revolution. Central Europe 1989. Princeton: Princeton University. Sechs verschiedene wissenschaftliche Erklärungsmuster für die Ereignisse von 1989 listet Armbruster, Chris. 2008. „Discerning the Global in the European Revolutions of 1989.“ In Working Paper Series of the Research Network 1989 4, http://www.cee-socialscience.net/1989/papers/Armbruster_Global1989_WP12.pdf (23. März 2009) auf.

[7] Kritische Anmerkungen zu Wa??sas diesbezüglicher Rolle macht Michnik, Adam. 2000. „Independence Reborn and the Demons of the Velvet Revolution.“ In Between Past and Future. The Revolutions of 1989 and their Aftermath, hg. v. Sorin Antohi und Vladimir Tismaneanu, S. 81–99. Budapest: Central European University, S. 86–88, ein weiterer Protagonist der polnischen Liberalisierungsbemühungen.

[8] Im November 1989 entstand bereits die „Ikone von Kreisau“ (Krzeminski, Adam. 2008. „Nun endlich gute Nachbarn.“ In Welt online, 10. November, http://www.welt.de/welt_print/article2698510/Nun-endlich-gute-Nachbarn.html (24. März 2009)), eine Fotografie, die Mazowiecki bei einem Versöhnungsgestus mit dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl zeigt und symbolisch für das friedliche Miteinander ihrer Nationen steht.

[9] Wolfrum, Edgar. 2009. Die Mauer. Geschichte einer Teilung. München: Beck, S. 101.

[10] Dalos, György. 2006. 1956. Der Aufstand in Ungarn (dt. Bearbeitung Elsbeth Zylla). München: Beck, S. 226 vergleicht die ungarischen Erinnerungen an 1956 mit einem „unterirdische[n] Bach“, da sie in den folgenden Jahrzehnten zwar nicht greifbar, aber auch nicht völlig verschwunden gewesen seien.

[11] Kenney, Padraic. 2003. A Carnival of Revolution. Central Europe 1989. Princeton: Princeton University, S. 264f.

[12] Oplatka, Andreas. 2009. Der erste Riss in der Mauer. September 1989 – Ungarn öffnet die Grenze. Wien: Zsolnay.

[13] Körner, Klaus. 2003. „Die rote Gefahr“. Antikommunistische Propaganda in der Bundesrepublik 1950–2000. Hamburg: Konkret, S. 160f. Am 18. August 1989 wurde zudem ein Massenpicknick in der Sopronpuszta abgehalten, bei dem ein Grenzübergang mehrere Stunden geöffnet war.

[14] Neubert, Ehrhart. 2008. Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90. München: Piper, S. 69, bringt das Einlenken des SED-Regimes auch mit den anstehenden 40-Jahr-Feiern in Verbindung, zu denen negative Schlagzeilen unerwünscht gewesen seien.

[15] Hertle, Hans-Hermann. 1999. Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates. Opladen: Westdeutscher Verlag (2. Auflage).

[16] Ladd, Brian. 1998. The Ghosts of Berlin. Confronting German History in the Urban Landscape. Chicago: University, S. 10, merkt an, dass die internationale Presse nach dem 9. November 1989 in der Vergangenheitsform über die Mauer berichtet habe, obwohl das Bauwerk als solches noch stand.

[17] Keane, John. 1999. Václav Havel. A Political Tragedy in Six Acts. London: Bloomsbury.

[18] Die mythologische Verbindung von 1968 und 1989 in Tschechien untersucht Hofmann, Birgit. 2008. „,Prager Frühling‘ und ‚Samtene Revolution‘: Narrative des Realsozialismus in der tschechischen nationalen Identitätskonstruktion.“ In Nationen und ihre Selbstbilder: Postdiktatorische Gesellschaften in Europa, hg. v. Carola Sachse, Regina Fritz und Edgar Wolfrum, S. 171–192. Göttingen: Wallstein.

[19] Die Europavorstellungen der zivilgesellschaftlichen Akteure von 1989, insbesondere in Ostdeutschland, beleuchtet Jarausch, Konrad H. 2006. „Der andere Blick. Europavorstellungen der ostdeutschen Bürgerbewegung.“ In Themenportal Europäische Geschichte, http://www.europa.clio-online.de/Portals/_Europa/documents/fska/E_2005_FS7-07.pdf (17. Januar 2007). Beispielsweise fungierte Europa zu dieser Zeit auch in Ungarn „als neues Identifikations- und Gegenbild zur sowjetisierten Vergangenheit.“ (Kovács, Éva. 2005. „Wie wird Europa in Ungarn kommuniziert?“ In Europa-Bilder, hg. v. Vrääth Öhner u.a., S. 103–118. Innsbruck: StudienVerlag, S. 107)

[20] Sein Herrschaftssystem wird häufig als (neo-)stalinistisch beschrieben (Oancea, Georgeta D. 2005. Mythen und Vergangenheit. Rumänien nach der Wende. München: LMU, http://edoc.ub.uni-muenchen.de/4577/1/Oancea_Daniela.pdf (24. März 2009, S. 68–72).

[21] Gaddis, John Lewis. 2007. The Cold War. London: Penguin (erstmals 2005), S. 247.

[22] Ebenso kurze wie kontroverse Anmerkungen zur politischen Bedeutung von Fernsehbildern bei den rumänischen Umwälzungen machen Flusser, Vilém. 1999. „Das Politische im Zeitalter der technischen Bilder.“ In Medienkultur, hg. v. Vilém Flusser, S. 134–140. Frankfurt am Main: Fischer (2. Auflage; Original 1990), S. 134, und Bredekamp, Horst. 1997. „Das Bild als Leitbild. Gedanken zur Überwindung des Anikonismus.“ In LogIcons. Bilder zwischen Theorie und Anschauung, hg. v. Ute Hoffmann, Bernward Joerges und Ingrid Severin, S. 225–245. Berlin: Edition Sigma, S. 229.

[23] Judt, Tony. 2006. Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Bonn: bpb (engl. Original 2005), S. 720.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, 1989. Bildaufsatz der Ikone „1989“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009, URL: http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1989.html 

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[24] Den rumänischen Umgang mit dem staatssozialistischen Erbe nach 1989 erörtert Trappe, Julie. 2008. „Kollektive Unschuld und die Rückkehr nach Europa – Rumäniens Umgang mit dem Unrecht der kommunistischen Vergangenheit.“ In Nationen und ihre Selbstbilder: Postdiktatorische Gesellschaften in Europa, hg. v. Carola Sachse, Regina Fritz und Edgar Wolfrum, S. 171-192. Göttingen: Wallstein.

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