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Filmsequenz C: WDR Weltspiegel „Studentenrevolte in Paris“

"Studentenrevolte in Paris“, 14.5.1968
Sendeformat: WDR Weltspiegel
Filmsequenz: 00:05:07:00 - 00:08:59:10

Aus kostenrechtlichen Gründen können wir diese Filmsequenz nicht online anbieten.

Im sogenannten „Pariser Mai 1968“ produzierte der WDR-Weltspiegel am 14. Mai eine neunminütige Reportage über die „Studentenrevolte in Paris“. Diesen Beitrag sendete der Österreichische Rundfunk am 28. Mai 1968 im Rahmen einer Studiodiskussion mit Hugo Portisch als politischem Experten.

Der Korrespondent Peter Scholl-Latour ordnet zu Beginn seines Fernsehbeitrages für den Weltspiegel die Gründe und Motive der Studentenunruhen in Paris. Sein Beitrag konstruiert einen Überblick über die Entwicklung der Studentenproteste. Dieser Überblick findet vor allem auf der Tonebene statt und steht in einer spannungsgeladenen Beziehung zum visuellen, filmischen Zeichensystem[1], das die Studierenden auf der Straße zeigt und sie in Augenhöhe aufnimmt. Diese Art der Dokumentarfilmaufnahme soll – vergleichbar zur Kriegsberichterstattung – Evidenz- und Authentizitätseffekte evozieren: Die ZuschauerInnen sollen den Eindruck haben, sie seien selbst auf der Straße als Betroffene dabei.

Der Hauptteil des Fernsehbeitrags zeigt demonstrierende StudentInnen auf der Straße, die abwechselnd in totalen und halbnahen Einstellungen gefilmt werden. Die Studierenden bewegen sich auf die Kameraposition zu. Damit distanziert sich die Kamera von der politischen Bewegung und nimmt eine Gegenposition ein. Die Kamera marschiert nicht mit den Studierenden, sondern bewahrt ihre eigene, stabile Position und erzeugt konfrontative Einstellungen. Die Studierenden bewegen sich mehr oder weniger bedrohlich in Richtung Kameraposition. Die nahen Einstellungen lösen den geordneten Demonstrationszug mehr oder weniger auf und sorgen für desorientierende Momente. Scholl-Latour beruhigt die FernsehzuschauerInnen mit einer inhaltlichen Abwertung des Studentenprotestes: „Keine gewalttätige und keine besonders aufregende Manifestation.“ Der Kommentar geht nicht näher auf die politischen Aussagen und Parolen der Studierenden ein und beschränkt sich darauf, die politische Solidarität mit Rudi Dutschke als allgemein „völkerverbindende“ Beziehung zwischen französischen und deutschen Studierenden hervorzuheben: „Wer Deutsch sprach, der war an diesen aufgewühlten Tagen ein gern gesehener Gast im Quartier Latin.“ Scholl-Latour macht die Schüsse auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 für „die Anhebung des deutschen Ansehens in Frankreich“ verantwortlich. Obwohl sich erstmals auch die Arbeiterbewegung und die französischen Gewerkschaften mit den Studierenden solidarisierten und ihrerseits Kundgebungen organisierten, reduziert der Journalist des WDR-Weltspiegels die Protestbewegung auf „Jugendliche“: „Eines darf nicht übersehen werden. Die Jugend Frankreichs hat überaus positiv darauf reagiert.“

Die Protestbewegung wird von Scholl-Latour auf wenige ProponentInnen reduziert, denen „utopische“ und „wirre“ Forderungen unterstellt werden. Der Kommentar minorisiert den Reformdiskurs über die Modernisierung der Universitäten, indem er ein paar wenige „agitatorische Außenseiter“ für seine Existenz verantwortlich macht („was sie die Demokratisierung nannten“). Damit blendet er gemäßigte pragmatische Diskurspositionen der Neuen Linken aus, macht aus der vielschichtigen Bewegung eine konforme Masse und unterstellt dieser grosso modo politische Ideale, die sich nicht verwirklichen lassen. Im abschließenden Kommentar sehen wir den Korrespondenten Scholl-Latour im Bild. Er zeigt sich in Anzug, Krawatte und mit einer Zeitung im Arm und inszeniert sich selbst als Intellektueller und belesener Experte des politischen Geschehens.

Andererseits artikuliert der Fernsehbericht auch eine gewisse Sympathie mit dem politischen Protest des Mai 1968. Diese sympathisierende Anteilnahme wird allerdings immer wieder bildungskulturell überformt und mit der Erinnerungskultur der Revolution von 1789 zur Deckung gebracht: „Endlich wurden in Paris – getreu der revolutionären Überlieferung – wieder Barrikaden errichtet und das Pflaster aufgerissen.“ Damit werden die Akteure des Mai 68 zu Kindern von 1789; für die deutschen ZuseherInnen dient diese Art von Kommentar als didaktische Orientierungshilfe zur Einordnung des aktuellen politischen Geschehens. Diese Strategie der Übersetzung in die deutsche Geschichtsschreibung und der Einschreibung der Ereignisse des Pariser Mai in deutsche Erinnerungsorte veranschaulicht auch folgendes Beispiel: „Seit der Befreiung von der deutschen Besatzung im Sommer 1944 hatte Paris keine solchen Straßenschlachten mehr erlebt, wie sie jetzt von Studenten und der Polizei ausgefochten wurden.“

Die Filmaufnahmen zeigen Barrikaden im Gebiet zwischen dem Boulevard St. Michel, der Rue Claude Bernard und der Rue Mouffetard. Nachtaufnahmen zeigen die gewaltsame Räumung des Gebiets durch die Pariser Polizei. Die Reportage zeigt den Studentenprotest insgesamt aus einer distanzierten Perspektive. Die Studierenden werden ausschließlich als öffentliche „Ruhestörer“ gezeigt, die ihren Protest in spontanen Gefühlsausbrüchen ausdrücken[2]. Der Fernsehbeitrag blendet die Fundamentalkritik an der Gesellschaft und dem Bildungssystem der politisch links stehenden Studierenden aus und beschränkt sich auf eine Montage dramatisierender Bilderfolgen, mit denen die politische Praxis des Studentenprotestes als illegitimes Handeln im öffentlichen Raum diffamiert wird.

Ramón Reichert


[1] Diese Diskrepanz zwischen den beiden filmischen Zeichensystemen Bild und Ton verschärft sich mit dem dekonstruktiven Lektüremodus, der versucht, hegemoniale Bilder gegen den Strich zu lesen; vgl. Atack, Margaret. 1999. May 68 in French fiction and film: rethinking society, rethinking representation. Oxford: Oxford University Press.

[2] Vgl. zur medialen Konstruktion politischer Spontaneität im Fernsehen folgenden Aufsatz: Öhner, Vrääth. 2004. „Zum Beispiel 1968. Zur Logik der Momentaufnahme im Fernsehen.“ In Kunst – Kommunikation – Macht. Sechster österreichischer Zeitgeschichtetag 2003, hg. v. Renate Bauer, S. 413–419. Innsbruck/Wien u.a.: Studien-Verlag


Zitierempfehlung: Reichert Ramón, WDR Weltspiegel „Studentenrevolte in Paris“. Filmanalysetext zur Filmsequenz C der Ikone „1968“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1968/filmsequenz-c-wdr-weltspiegel-studentenrevolte-in-paris.html

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