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Abb. 6: Tariq Ali als Redner

Tariq Ali als Redner, London 15. April 1968
© Corbis

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Die 68er-Bewegungen setzten ihr Selbstverständnis unter anderem über die Inszenierung von Massenkörpern ins Bild. Dabei waren sie stets (wie praktisch alle relevanten politischen Strömungen des 20. Jahrhunderts) auch durch ihre massenmediale Personalisierung gekennzeichnet: Obwohl sie dem postmodernen Feminismus sicherlich mit den Weg bereitet haben, waren ihre Ikonen in aller Regel männlich. In Großbritannien etwa galt der in Pakistan geborene Oxford-Absolvent Tariq Ali als einer der wichtigsten Vordenker. Er organisierte im Anschluss an den medienwirksamen Berliner Protestzug zum Internationalen Vietnam-Kongress im Februar (Abb. 5) eine weitere Protestkundgebung mit großer öffentlicher Wirkung gegen den Vietnamkrieg der USA, diesmal in London. Veranstalterin dieser Demonstration am 17. März 1968 war die Vietnam Solidarity Campaign. Neben Popstars wie Mick Jagger oder der Schauspielerin Vanessa Redgrave nahmen auch VertreterInnen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) an der Veranstaltung teil. Zeitweise verlor Ali die Kontrolle über die DemonstrantInnen und es kam zur gewaltsamen Konfrontation mit der Polizei am Grosvenor Square, wo die US-Botschaft ihren Sitz hatte.[1] Bisweilen wird kolportiert, der umstrittene Rolling-Stones-Hit „Street Fighting Man“ auf dem 1968 erschienen Album „Beggars Banquet“ beziehe sich auf Tariq Ali und die Londoner Demonstration vom 17. März.[2] Dass die 68er-Bewegungen zumindest teilweise transnationales europäisches Format hatten, belegt aber auch unsere hier gezeigte Fotografie. Sie ist am 15. April 1968, also einen knappen Monat später, entstanden. Wenige Tage nach dem Attentat auf die deutsche Protestikone Rudi Dutschke demonstrierte die Vietnam Solidarity Campaign nahe der deutschen Botschaft in London. Damit zeigten die BritInnen ihre Solidarität mit dem Protest der deutschen Studierenden. Das Bild ist so komponiert, dass Tariq Ali die Köpfe einer unscharf gezeigten Menschenmenge überragt; auch dass er von zwei Männern mit Lautsprechern gerahmt wird, unterstreicht seine Führungsrolle visuell. Zudem ist er als einzige Person im Vordergrund frontal abgebildet.

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. Gilcher-Holtey, Ingrid. 2002. „Der Transfer zwischen den Studentenbewegungen von 1968 und die Entstehung einer transnationalen Gegenöffentlichkeit.“ In Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert, hg. v. Hartmut Kaelble, Martin Kirsch und Alexander Schmidt-Gernig, S. 303–326. Frankfurt am Main: Campus, 2002, hier S. 313–316.

[2] Vgl. die Beilage der „tageszeitung“ vom 19. April 2008 (unter dem Titel „,War unser Traum ein Hirngespinst?‘ Was bleibt von 1968“), in der auch Tariq Ali selbst den Song auf seine Person bezieht. Online-Publikation unter www.taz.de/1/archiv/dossiers/dossier-revolte-und-liebe-die-68er/artikel/1/renegaten-in-jeder-regierung-westeuropas (letzter Zugriff 22.4.2008).


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Tariq Ali als Redner. Bildanalysetext zur Abbildung 6 der Ikone „1968“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1968/abb6-tariq-ali-als-redner.html

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