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Abb. 3: Wallpaper "Das wilde Leben“

Wallpaper "Das wilde Leben“, 2007
© Neue Bioskop Film Produktions & Vertriebs GmbH.

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Die europäischen Jugend- und StudentInnenbewegungen der ausgehenden 1960er-Jahre waren keineswegs rein sachpolitisch orientiert, sondern zielten mit ihren „Protest-Inszenierungen“[1] häufig auf eine Veränderung der politischen Ästhetik ab. Privates und Politisches, individuelle und kollektive Identitäten wurden durch gezielte Bildstrategien wechselseitig in Beziehung gesetzt, kritisiert und in Frage gestellt. So zeigt das hier in einer Szene des Uschi-Obermaier-Spielfilms "Das wilde Leben" (Deutschland, 2007) re-inszenierte Schlüsselbild der Berliner „Kommune I“ aus dem Sommer 1967 ein prinzipiell privates Sujet, nämlich die Mitglieder einer Wohngemeinschaft. Entstanden ist die Originalfotografie wohl irgendwann zwischen dem 9. und dem 11. Juni 1967. Durch die Nacktheit der Dargestellten wird der Aspekt des Privaten in diesem Motiv zum einen besonders hervorgehoben, zum anderen jedoch provozierend ironisch gebrochen und gezielt in eine politische Aussage überführt. Darauf verweist insbesondere der expressive Gestus der „An-die-Wand-Gestellten“, die für den Fotografen Thomas Hesterberg eine Situation simulieren, die an Polizeidurchsuchungen oder auch Erschießungsaktionen erinnert. Die Nacktheit ist in diesem Falle allerdings auch eine simple Strategie zur Erzeugung von Aufmerksamkeit. Erstellt wurde die Fotografie sowohl für eine Protestbroschüre als auch für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, wo es dann in retuschierter Form ohne die Geschlechtsteile der männlichen Kommunarden erschien. Das Präsentieren des nackten Hinterteils kann als Zeichen der Verachtung (für das Establishment) gelesen werden, aber auch das kollektive Bildgedächtnis zu den Opfern des Nationalsozialismus wurde durch diesen Akt visueller Körperpolitik aufgerufen: Sowohl der Holocaust als auch die sexuelle Revolution wurden folglich, gerade in der aufgewühlten Zeit nach dem Tod Benno Ohnesorgs (Abb. 7), in das Bild hineinprojiziert.[2] Der „kollektive Rückenakt“[3] lässt sich aber vielleicht auch als Anspielung auf die Verhaftung von Kommunarden im April 1967 verstehen, die an der Vorbereitung eines bereits im Vorfeld vereitelten „Pudding-Attentats“ anlässlich des Berlinbesuchs von US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey beteiligt gewesen waren.[4] Es handelt sich jedenfalls um ein Bild, das von verschiedenen symbolischen Ebenen durchzogen ist und auch so rezipiert wurde.

Benjamin Drechsel


[1] Fahlenbrach, Kathrin. 2002. Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive Identitäten in Protestbewegungen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

[2] Vgl. Paul, Gerhard. 2008. „Kollektiver Rückenakt. Symbolbild der sexuellen Revolution.“ In Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, hg. v. Gerhard Paul, S. 347–353. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, hier S. 350f.

[3] Vgl. Holmig, Alexander. 2007. „Die aktionistischen Wurzeln der Studentenbewegung. Subversive Aktion, Kommune I und die Neudefinition des Politischen.“ In 1968. Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung, hg. v. Martin Klimke und Joachim Scharloth, S. 107–118. Stuttgart: Metzler, hier S. 114.

[4] Zur visuellen Konstruktion der Kommune vgl. u.a. Langhans, Rainer/Ritter, Christa, Hg. 2008. K 1 – Das Bilderbuch der Kommune. München: blumenbar.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Rückenakt der Kommune I. Bildanalysetext zur Abbildung 3 der Ikone „1968“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1968/abb3-rueckenakt-der-kommune-i.html

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