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Abb. 2: SPIEGEL-Titel „Joschkas wilde Jahre“

SPIEGEL-Titel „Joschkas wilde Jahre“, 8. Januar 2001
© Spiegel-Verlag

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„1968“ ist insofern ein vieldeutiges Datum, als es sehr verschiedenen politischen Deutungen unterliegt. Dabei sind mitunter auch Ereignisse in die heftigen Debatten involviert, die erst lange nach dem historischen Jahr 1968 stattgefunden haben. Das zeigt beispielsweise der Streit um den damaligen deutschen Bundesaußenminister Joseph Fischer und seine politische Vergangenheit als „68er“, die im Jahr 2001 durch Archivfotos der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus dem Jahr 1973 ausgelöst worden war.[1] Diese Bilder entstanden im Rahmen von Auseinandersetzungen der Hausbesetzerszene in der Mainmetropole mit der Staatsgewalt: „Joschka“ Fischer ist darauf als vermummter Straßenkämpfer abgebildet, der am Frankfurter Luisenplatz einen Polizisten angreift.[2] Die Debatte, welche durch diese Bilder ausgelöst wurde, entwickelte sich teilweise zu einem Deutungskampf um den Erinnerungsort „68er-Bewegung“ in Deutschland und darüber hinaus. Fischers GegnerInnen ging es darum, das vermeintliche Scheitern der militanten „68er“ visuell zu untermauern.[3] Unsere Abbildung zeigt ein eher ambivalentes Titelbild des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Verschiedene Aufnahmen Joschka Fischers (u.a. auch aus seiner Straßenkämpferzeit) sind darauf zu einer Collage zusammengestellt. So verweist ein brennendes Auto symbolisch auf Gewalt. Als größtes und zentrales Motiv fungiert jedoch eine Frontalaufnahme des gealterten Protagonisten samt Brille, Seitenscheitel, Anzug und Krawatte. Seine „wilden Jahre“ scheint er eher hinter sich zu haben. Die Debatten führten schließlich nicht zum Rücktritt des damaligen Bundesaußenministers. Dieser entschuldigte sich lediglich für seine frühere Militanz, zu der er sich bereits lange zuvor bekannt hatte. So hatte er Mitte der 1980er-Jahre in einem Interview mit seinem langjährigen Weggefährten Daniel Cohn-Bendit gesagt: „Schon mit zwanzig gehörte ich immer zu denen, die eins aufs Maul gekriegt haben. Nachdem ich lange Zeit Schläge eingesteckt hatte, habe ich mit einem gewissen Vergnügen zurückgeschlagen, wie man das als Typ halt gemacht hat.“[4] Wie auch immer man zu solchen Äußerungen stehen mag: „Joschka“ Fischers Wandel vom militanten Straßenkämpfer zum grünen „Realo“ ist immer wieder als symbolhaft für den allmählichen Wandel einer ganzen Generation europäischer Linker seit den 1960er-Jahren interpretiert worden.[5]

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. die Fischer-kritische Chronologie unter http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k17_HohlFabienne.html (letzter Zugriff 10.3.2009).

[2] Vgl. Falter, Jürgen W./Klein, Markus. 2003. Der lange Weg der Grünen. Eine Partei zwischen Protest und Regierung. München: Beck, S. 181f; die äußerst Fischer-kritischen Nachforschungen von Bettina Röhl (sie hatte die Prügelfotos öffentlich gemacht) thematisiert der Magazinbeitrag „Die Akte Joschka Fischer – Eine Journalistin auf Wahrheitssuche“, der am 11. Januar 2001 in der ARD-Sendung „Panorama“ gezeigt wurde.

[3] Holert, Tom. 2002. „Der Abfall unseres Lebens. Joschka Fischer, Madonna und die Politik des Archivs.“ In interarchive. Archivarische Praktiken und Handlungsräume im zeitgenössischen Kunstfeld, hg. v. Beatrice von Bismarck, Hans-Peter Feldmann, Hans Ullrich Obrist, Diethelm Stoller und Ulf Wuggening, Ulf, S. 160–167. Köln: Walther König.

[4] Cohn-Bendit, Daniel. 1987. Wir haben sie so geliebt, die Revolution. Frankfurt am Main: Athenäum, S. 232.

[5] Zur auch körperlich inszenierten Veränderung des Politikers Joseph Fischer während der 1990er-Jahre vgl. http://www.dhm.de/ausstellungen/spuren_der_macht/fischer_index.htm (letzter Zugriff 10.3.2009).


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, SPIEGEL-Titel „Joschkas wilde Jahre“. Bildanalysetext zur Abbildung 2 der Ikone „1968“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1968/abb2-spiegel-titel-joschkas-wilde-jahre.html

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