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Abb. 11: Autos und Pflastersteine als Barrikade

Autos und Pflastersteine als Barrikade, Paris 17. Mai 1968
© Ullstein-Bild

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Pflastersteine und brennende Autos prägten zahlreiche Bilder der eskalierenden Unruhen im Pariser Mai 1968. Insbesondere der kantige Stein avancierte zu einem Symbol des studentischen Protests, da er häufig als Wurfgeschoss verwendet wurde. Die Polizei setzte im Gegenzug Knüppel, Wasserwerfer und Tränengas ein.[1] Die daraus resultierende Ikonographie jugendlicher Steinewerfer, die sich gegen die scheinbar übermächtige Staatsgewalt zur Wehr setzen, knüpft an den biblischen Konflikt zwischen dem Knaben David und dem Riesen Goliath an. Auf unserer hier gezeigten Abbildung ist allerdings kein Gewaltakt ins Bild gesetzt: Die Fotografie zeigt eine Barrikade im Quartier Latin, dem Zentrum der Unruhen. Bereits 14 Tage zuvor hatten die Studierenden Pflastersteine geworfen und kurz darauf auch erste Barrikaden errichtet.[2] Insbesondere die Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1968 brachte einige der heftigsten Auseinandersetzungen mit sich, die es in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Die dabei von studentischer Seite in großer Zahl errichteten Barrikaden dienten nicht nur als Hilfsmittel im Straßenkampf, sondern auch als „historisches Zitat“,[3] das sich auf die Pariser Kommune von 1871 sowie auf die Befreiung der französischen Hauptstadt von der deutschen Besatzung beziehen lässt. Unsere Fotografie ist einige Tage nach dieser berühmten Nacht der Barrikaden, nämlich am 17. Mai 1968, entstanden. Autos und Pflastersteine verbarrikadieren hier eine Straße, die im Vordergrund einzeln verstreuten Steine könnten im Zuge einer Auseinandersetzung geworfen worden sein. Nur hinter der Barrikade sind Personen zu erkennen, der Vordergrund bleibt menschenleer. Der bekannte Aktivist Daniel Cohn-Bendit (Abb. 10) gab einige Jahre später in Frankfurt am Main ein Stadtmagazin heraus, das den Titel „Pflasterstrand“ trug – eine Anspielung auf eine beliebte Parole des Pariser Mai: „Sous les pavés, la plage.“ („Unter dem Pflaster liegt der Strand.“) Der Spruch bezog sich auf den Sanduntergrund, auf dem die Pflastersteine verlegt sind, und stilisierte das Aufreißen der Straßen zur Arbeit an einer freiheitlichen Gesellschaft.

Benjamin Drechsel


[1] Vgl. Cookman, Claude. 2007. „Gilles Caron and the May 1968 Rebellion in Paris.“ In History of Photography 31/3 (Autumn): S. 239–259, hier S. 244–248.

[2] Frei, Norbert. 2008. 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. München: dtv (2. Auflage), S. 13.

[3] Gilcher-Holtey, Ingrid. 2001. Die 68er Bewegung: Deutschland – Westeuropa – USA. München: Beck, S. 83.


Zitierempfehlung: Drechsel, Benjamin, Autos und Pflastersteine als Barrikade. Bildanalysetext zur Abbildung 11 der Ikone „1968“, in: Online-Modul Europäisches Politisches Bildgedächtnis. Ikonen und Ikonographien des 20. Jahrhunderts, 09/2009,
URL: www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europaeisches-bildgedaechtnis/1968/abb11-autos-und-pflastersteine-als-barrikade.html

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